Nächtliche Welten

Haben Sie diese Nacht andere, atemberaubende Welten besucht, in denen Sie Abenteuer bestanden haben? Sie haben es bestimmt, allerdings können Sie sich oft nicht daran erinnern. Aber das ist kein Problem, eine zuverlässige Traumerinnerung ist schnell zu erlernen. Wenn Sie den Radiowecker abschaffen und sich von einem Intervallton wecken lassen, ist schon viel gewonnen und natürlich auch, wenn Sie nicht gleich in Eile aus dem Bett springen. Ein bis zwei Minuten darüber nachzusinnen, was in der Nacht war, genügt schon, sich seiner nächtlichen Abenteuer zu erinnern. Natürlich könnte man sich fragen, warum man sich dieser chaotischen Abenteuer überhaupt erinnern sollte. Das wirkt bewusstseinserweiternd, da uns im Traum gerade das begegnet, was wir im alltäglichen Leben vermeiden und nicht sehen wollen. Der Traumregisseur setzt die im Alltagsleben vermiedenen Wahrnehmungen in Szene und reichert unsere automatisierte und erstarrte Tagessicht durch neue Aspekte an. Er zeigt uns Welten, die mit einer anderen Wahrnehmung verbunden sind.

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Etwa fünfundzwanzig Prozent unseres Schlafs verbringen wir im Traum und somit in einer anderen Welt als in unserer gewohnten, die unsere Wahrnehmung zu ändern sucht, um uns kreativer werden zu lassen und uns dahin drängt, unser volles Potenzial zu leben. Der Traum ist eine geistige Aktivität, die sich in Form von Bildern unserem Bewusstsein mitteilt. Diese Bilder werden hauptsächlich in der REM-Phase des Schlafs wahrgenommen (das ist die Phase der Augenbewegungen, engl. Rapid Eye Movements). Der Traum ist zugleich eine Realität, die für den Träumer den gleichen Wirklichkeitscharakter besitzt, wie unsere Alltagsrealität. Von daher stammt die alte Frage: Träumen wir, dass wir wach sind? Der Traum ist ein flüchtiges Phänomen, ein Bewusstseinszustand, der aus relativ ungeordneten Erlebnissen und Vorstellungen besteht. Er wirkt vom Tagesbewusstsein her betrachtet chaotisch, aber die moderne Physik lehrt uns, dass hinter dem Chaos eine höhere Ordnung steht. Wobei die tiefere Ordnung einer seelischen oder psychologischen entspricht. Alles ordnet sich nach gefühlsmäßigen Qualitäten. Der Traum spricht die Sprache des weiblichen Archetyps, der bildhaft viele Elemente zu verbinden sucht. Er schafft eine Synthese und damit ein Mehr an Sinn. Da wir jedoch im Alltagsleben die Sprache des männlichen Archetyps zu sprechen und zu verstehen gewohnt sind, mutet uns die Information des Traums fremd an. Aber die symbolische Sprache der Träume ist wie eine Fremdsprache zu lernen – glücklicherweise schneller.

Klausbernd Vollmar

 

Angst machen gilt nicht

Viele Menschen lassen sich von ihren Träumen erschrecken. Da träumt man vom Tod und meint, selbst bald sterben zu müssen. Da träumt man etwas voraus, was später eintritt, und meint jetzt, verrückt zu werden. Diese Ängste kommen daher, dass wir verlernt haben, auf die weibliche Stimme des Nachtbewusstseins zu hören. Wer vom Tod träumt, wird selten damit auf seinen physischen Tod vorbereitet, sondern eine Eigenschaft oder automatisierte Verhaltensweise muss in ihm absterben, um für Neues Platz zu machen. Wer etwas vorwegträumt, der hat sich im Traum auf ein anderes Universum eingeschwungen, in dem die Zeit rückwärts läuft, wie es unter anderem der Quantenphysiker J. Wheeler annimmt. Im Schlaf verändern sich unsere Gehirnrhythmen und damit stellen wir wie beim Radio den Empfang eines neuen Senders ein, zum Beispiel das Programm aus der Welt der rückwärtslaufenden Zeit. Schon die spätkeltische Mythologie kannte dieses Phänomen. Sie unterstellte Merlin, dass er rückwärts in der Zeit lebt. Die Konfrontation mit der Anderswelt des Traums macht um so mehr Angst, um so fester man in der männlichen geprägten logischen Welt verankert ist. Das ist eine Einseitigkeit, die uns keineswegs glücklich macht.

Wer produziert das Traumtheater?

In den meisten Kulturen und zu allen Zeiten galten die Träume als von Gott gesandt. Was heißt das konkret? Der Traum stammt von einer Ebene, die höher als die unseres Tagesbewusstseins ist. "Höher" bedeutet, dass dort mehr Freiheit und ein größerer Überblick vorherrschen. Da wir im Tagesbewusstsein betriebsblind in Bezug auf uns selbst, andere und Situationen sind, zeigt uns der Traum das, was wir sein könnten: kreative und glückliche Menschen mit beweglicher Wahrnehmung und ein Minimum an Ängsten. Deswegen heißt es: Gelebten Träume sind die besten Träume, da die Leichtigkeit, der Überblick des Traums und seine Beweglichkeit Eigenschaften darstellen, die uns im Alltagsleben helfen. Allerdings muss zunächst der Seelenmüll entsorgt werden, der sich in beängstigenden Träumen bemerkbar macht. Aber wenn man dort hinschaut und seine dunkle Seite akzeptiert, werden Träume einem keine Angst mehr einjagen. Nur was im Unbewussten unerkannt dahinvegetiert, ist uns gefährlich. Es wirkt aus dem Untergrund unverhofft und erschreckend.

Eine positive Sicht auf den Traum

In der Traumforschung geht es wie im Altersheim zu: Man spricht nur von dem Einem – der Krankheit – und beschwört das Gespenst der Neurose. Alle tiefenpsychologisch ausgerichteten Schulen gehen wie schon der griechische Heilkult des Asklepios davon aus, dass der Mensch träumt, um die Ursache einer Krankheit aufzulösen. Da die Traumdeutung vom Anfang an von Ärzten ausgeübt wurde, war der Blick stets auf das Heilen gewandt. So wichtig ich das Heilen in unserer heutigen, als krank zu charakterisierenden Welt finde, ist es mir jedoch mit der Perspektive auf die Krankheit etwas unwohl. Ich halte es für produktiver, auf das Positive zu schauen, und sich der kreativen Seite des Traums zuzuwenden. Statt als Verfilmung eines Traumas sehe ich den Traum als Quelle höchster überpersönlicher Kreativität. Sobald wir in die Sphäre des Traums einsteigen, werden wir Zauberer und gestalten unsere Welt selbst. Wenn wir träumen, werden wir gottgleich, indem wir uns unsere eigene Welt erschaffen, in der wir zugleich leben. Mir scheint das Atemberaubende der Traumwelten darin zu liegen, dass wir uns träumend an ein Kreativitätspotenzial anschließen und Ideen und neue Sichtweisen geboten bekommen, die wir wahrnehmen sollten. Wer sich regelmäßig mit seinen Träumen beschäftigt, der wird beweglicher und sicherer, da er sich auf seine innere Stimme verlässt, die aus einem viel größeren Überblick uns zeigen kann, was gut und was schlecht ist.