Ein subjektiver Blick auf das bewegte Männerleben der letzten dreißig Jahre 

Vorbemerkung zur Geschichte dieses Vortrags: Als ich den Männer-Vortrag erstmalig 1995 in Klagenfurt vor etwa 350 Zuhörern hielt, war er als Veranstaltung nur für Männer angekündigt. Der Saal war freilich voller Frauen, die begeistert und teilweise witzig diskutierten. Zwei Jahre später hielt ich diesen Vortrag fünfmal an verschiedenen Orten Englands, wobei die Frauen in der Diskussion die Männer immer wieder fragten, warum sie sich aus der Sexualität zurückziehen würden. Sie hätten Lust, Sexualität in vielen Formen zu genießen. "Ich bin befreit genug", sagte eine der Diskutierenden, "dazu zu stehen, dass ich die Rolle als Lustobjekt der Rolle der biederen Frau vorziehe!" Erstaunlich viele Frauen stimmten lachend zu. Einige forderte offen die anwesenden Männer auf, mit ihnen nach Hause zu gehen. Well, more sex, please, we are British! 1998 hielt ich diesen Vortrag abermals in Zürich, allerdings mit einem zusätzlichen Kapitel: Wie der Mann wieder in die Hände der Frauen fällt - der alte Mann in der Pflege. Auch in Zürich gab es witzige Diskussionen, anschließend Interviews und eine Zusammenfassung in der Züricher Zeitung. 1999 hielt ich den Männer-Vortrag in Bonn, wo betretenes Schweigen auftrat und ein Drittel der Frauen und wenige Männer den Saal unter Protest verließen. Einige der verbliebenen Frauen diskutierten mit erschreckendem phallischen Ernst. Die Meinungen prallten aufeinander, dafür, dass es sich um einen Kreis gebildeter und erfolgreicher Damen zwischen vierzig und sechzig handelte, ging es geradezu tumulthaft zu. Keiner konnte ich der Emotionen im Saal entziehen. Lag das an Deutschland? Herrscht hier eine verhärmte, lustfeindliche Atmosphäre?

Der folgende Text entspricht meinem unkorrigierten Vortragsmanuskript:

Männer am Stammtisch: Wenn ich – übrigens völlig ohne Wehmut – auf die letzten vierzig Jahre zurückblicke, wird mir klar, dass die Männer fast immer mit Panik auf das Weibliche reagierten. Der alte Siegmund Freud schrieb einst in einem Brief: Der Mann kann sich gar nicht die ungeheure weibliche Libido vorstellen. Ich würde es radikaler formulieren: Wenn der Mann wüsste, wie geil die Frauen sein können, würde er vor Schreck impotent. Vielleicht wohnten deshalb der Männerbewegung stets Strukturen der Stammtischkultur inne: Man ist auf der Flucht vor der Frau an einem Ort, an dem man ungestört unter sich ist. Frei von den Forderungen der Frauen. Doch der Rückzug an den geschützten Stammtisch ist keine Lösung: Frauen erlösen mit Ihrer Körperlichkeit den erstarrenden Mann. Jeder Mann läuft doch Gefahr, an seiner Erstarrung zugrunde zu gehen. Er bedarf deswegen des Weiblichen, das ihn wieder in den Fluss bringt, eine Erfahrung, aus der das Bild der inspirierenden Frau entstanden ist.

Am Anfang der Männerbewegung in den sechziger Jahren standen die Frauen, die ihre Rolle zu verändern begannen.

Weiberräte: Denn die Männer organisieren sich erstmals um 1965 als Reaktion auf die Weiberräte. Die Freundinnen und Frauen im Umkreis der Studentenbewegung wollen doch partout plötzlich nicht mehr mit ihrer dienenden Rolle zufrieden sein. Da ist keine mehr, die die Examensarbeit tippt oder zumindest das Essen kocht. Mit Kindern lassen sich die wildgewordenen Weiber auch nicht mehr domestizieren. Sie maßen sich an, akademische und politische Karriere zu machen. Ein Schock für die Männerwelt – freilich nur für die intellektuelle Männerwelt: Unsere Frauen sind nicht mehr wie früher! Was tun? Man organisiert sich. Man beschwert sich weinerlich voller Selbstmitleid über die bösen Frauen. Allerdings ist nur ein Auge weinend, denn wurden die Frauen mit ihrer politischen Emanzipation nicht auch im Bett "besser" und erfahrener? Ein Silberstreif am Horizont? Hier schon beginnt – noch weitgehend unbewusst und hinter politischen Theorien versteckt – die Erkenntnis, welch regressives Muttersöhnchen man doch angesichts der wilden Frauen werden kann. Die Zeit war jedoch nicht reif, um das schon voll ins Bewusstsein dringen zu lassen. Die linken Studenten waren zu sehr mit der Klassengesellschaft und der Befreiung des Proletariats beschäftigt. Typisch für diese Phase war, dass man in diesen Kreisen ständig von den Bedürfnissen und der Befreiung des Proletariats redete, das man doch kaum kannte – offenkundig eine Projektion: Man projiziert die weitgehend unbewussten eigenen Bedürfnisse auf eine andere Gruppe.

Vom Softi zum Schwuli: Die siebziger Jahre inszenieren den großen Auftritt von Mr. Softi, der Mann, der seine weiblichen Anteile hegt und pflegt. Die fickenden werden zu strickenden Männern – eine Tendenz, die bis in die Mitte der siebziger Jahre anhält. Es beginnt im deutschsprachigen Bereich etwas, das man einen Diskurs über die Sexualität nennen könnte. Freilich unter Softi-Vorzeichen: In den siebziger Jahren wetteifern die Männer darum, wer sich im Bett am besten an den Forderungen der Frauen auszurichten vermag. Kultivieren muss der rechte Mann seine Sexualität. Gefühle soll er zeigen, nicht so genitalfixiert sein und immer hübsch langsam vögeln. Der verweiblichte Mann, der perfekte Soft-Lover erlebt freilich allzu oft eine herbe Enttäuschung: Die Frauen himmeln ihn nicht an, sondern brennen mit einem Macho durch. So ein Ärger: da vertritt man voll die Interessen der emanzipierten Frauen und wird dennoch von Mama nicht geliebt. In dieser Phase läuft der Schlappschwanz mit dem schlechten Gewissen durch die Gegend, Vergewaltiger zu sein. Es ist ein Krieg zwischen Männer und Frauen, wie es Leonard Cohen besingt. Und der Angriff und Leistungsdruck geht von den Frauen aus, vor denen man sich in die Idylle der rein männlichen Welt zurückzieht: Die Männer finden zusammen, da sie einsam im Bett versagen.

Ende der Siebziger Jahre kippt die Sache um: Man schaut nicht mehr gebannt auf die Frau, sondern erkennt seine eigenen Bedürfnisse. Männer beginnen massenhaft bi und schwul zu werden – ja, schwul ist in. Männer tun sich zusammen, unternehmen etwas und kümmern sich wenig um Frauen. Die Männer reagieren nicht mehr auf all die weiblichen Forderungen. Sie geben es auf, den Ansprüchen dieser rätselhaften Wesen genügen zu wollen. Endlich erforschen sie ihre eigenen Bedürfnisse. Wenn die Erlösung nicht von der Frau kommt, so vielleicht von einem anderen Mann? Damit wird das Ende des Muttersöhnchens eingeleitet, das Mamis Liebling sein möchte.

Die neue Geilheit: Nun ist es nur noch ein kleiner Schritt dazu, dass der Mann zu seinen eigenen sexuellen Bedürfnissen steht. Er erkennt seine aggressive Seite, die ihm Obermänner aus den USA wie Robert Bly ("Der Eisenhans") und Deutschland wie R. Wiecks ("Männer lassen lieben") schon bald wieder ausreden möchten. Der wilde Mann hat Konjunktur: Männergruppen gehen in die Natur und reden offen ohne schlechtes Gewissen, über ihre Freude an der Aggression. Positives Kämpfen und ein Gefühl der Stärke kommt in den ersten Männergruppen auf. Männer kommunizieren anders als Frauen, heißt es jetzt, und überhaupt: Ist nicht eine aggressive Auseinandersetzung auch eine Anerkennung des anderen Mannes? Die Lust an der eigenen Sexualität, die Freude, seinen Körper als Objekt darzustellen, zeigt sich in den ersten Männer-Strip-Gruppen. Nun, ich war damals Mitglied in einer dieser Gruppen in Deutschland, die sich poetisch "Männerröte" nannte, und kann bezeugen, dass der Männerstrip damals ungeheuren Erfolg gerade in der frauenbewegten Szene hatte.

Mir sagte einmal ein Mann in der Therapie – und sprach damit typisch für viele Männer: "Was die meisten Frauen einem an Sex anbieten, ist unbeholfen, irgendwie unkultiviert – und dann stellen die auch noch Ansprüche. Da onaniere ich doch lieber." Mit dieser Haltung ist die Macht der Weiblichkeit gebrochen. Wenn Männer nicht mehr nach der Pfeife der Frauen tanzen würden, sänke die Nachfrage nach weiblicher Sexualität drastisch, Bordelle müssten liquidieren und die männliche Prostitution für Frauen erlebte trotz gepfefferter Preise einen ungeheuren Aufschwung.

Der sabbernde Alte: Der Mann im besten Alter kann Sex an jeder Ecke finden, nur guter Sex ist rar. Was jedoch ist mit dem alten Mann, einem alten Mann, der nicht reich und mächtig ist, sondern vielleicht kränkelt und gar nicht attraktiv ist? Sein Marktwert tendiert gegen Null – und was dann? Wenn er zum Kind regrediert, das wieder Mamis Brust will und das es in die Möse zurückzieht, dann hat die Frau wieder leichtes Spiel. Sie rächt sich an ihm, indem sie ihn als sabbernden geilen Alten behandelt – wobei die eigenen Anteile an der Verführung (wie immer) schnell vom Tisch gewischt werden, denn alte Männer wollen immer nur das Eine, das wissen wir doch.

Die bewegten Männer sind älter geworden, um die sechzig. Man genießt im Kreise der Männer, nicht immer geil und attraktiv sein zu müssen. Statt weinerliche Selbstanklage steht man zu seinen sexuellen Bedürfnissen und erkennt zum ersten Mal, dass man gar immer will. Dass die Männer nur das Eine wollen, haben uns unsere Mütter eingeredet, und die Frauen glauben es gerne, weil sie das so wollen. Dass Frauen – oft als Test ihres Marktwertes – die Männer geil machen, um ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, wird als Double-Bind-Effekt erkannt. Und wehe dem Mann, der wie der reife Odysseus der weiblicher Verführung widersteht: Er ist von Weibern nicht beherrschbar.

König, Krieger, Narr & Liebhaber: In den neunziger Jahren wird der wilde Mann zur Mode. Der Blick auf den reifen Mann öffnet sich. Die bewusstesten Männer bemerken, dass in einer vaterlosen Gesellschaft ein Mentor gebraucht wird. Der reife Mann, der die Ausrichtung an die Frau überwunden hat, der in sich selbst ruht, wird zum Lehrer. Es gilt heute, sich als starker, geiler, handelnder Mann wohl zu fühlen.

Die Frau ist nicht das Zentrum unseres Glücks. Der Mann übernimmt bewusst seine Vaterrolle, indem er Nachwuchs fördert und sponsert. Die Avantgarde der Männer entdeckt, dass der Mann als Macher und Aggressor auch seine positiven Seiten lebt, dass er mit seiner Geschlechtsrolle identisch ist. Wer sein Aggression nicht zu akzeptieren vermag, der kann nicht lieb sein. Die Angst, von der Frau verschlungen zu werden, wird bewusst als Klammerung und unselige Verwicklung erlebt. Ältere Männer warnen jüngere vor den Tücken des Weibs. Man wendet sich den Archetypen des reifen Mannes zu, in denen man sich wiedererkennt. Die neuen Leitmuster heißen der König, der Krieger, der Narr und der Liebhaber. Indem man sich in dieser Weise mit seiner Männlichkeit auseinandersetzt, erkennt man seinen Vaterhunger – Es ist schon richtig: Alte Männer braucht das Land. Sonst zieht uns als Männer das Weibliche eher hinab als hinan!

Erst der reife Mann kann erkennen, wie viel weiblicher Werte er aufgezwungen bekam – die spätpatriachale Gesellschaft ist vom dialektischen Umschlag geprägt: Der Mann leidet unter den weiblichen Normen, um am Schluss auf der Pflegestation dem Weiblichen vollends ausgeliefert zu sein – dem Weiblichen, von dem für ihn kein Sex mehr zu erwarten ist. Eher gibt's wieder eins auf die Finger bei einer Erektion: Die böse Mami ist zurückgekommen.