Das Enneagramm als Werkzeug zur Entwicklung einer lebendigen Persönlichkeit

Heute spricht jeder von Persönlichkeitsentwicklung, und sie scheint oft als Selbstzweck gesehen zu werden. Mir geht es jedoch in meiner Arbeit mit dem Enneagramm um ganz praktische Ziele:

Das Enneagramm

Das Enneagramm ist ein Modell zur Erfassung der Persönlichkeit und zum Verstehen von sozialen Interaktionen. Dabei geht es nicht um die Frage nach richtig oder falsch, sondern um die Nutzung der Erkenntnisse, um konkrete soziale Interaktionen bewusster leben, planen und verstehen zu können.

Das Enneagramm ist ein Welterklärungsmodell, das sowohl die Selbsterkenntnis und die Bewusstseinsklarheit fördert, als es dem Benutzer auch Abläufe von Prozessen leichter durchschaubar macht. Das Wissen um das Enneagramm wurde bis vor kurzem geheimgehalten, bis es in den achtziger Jahren zunächst in den USA und später auch in Europa und Japan von Psychologen und Prozessanalytikern entdeckt und allgemein zugänglich gemacht wurde. Die beiden Hauptanwendungsgebiete des Enneagramms sind einmal dessen Typenlehre, die sich in Deutschland und den USA bei Psychologen großer Beliebtheit erfreut, und zum anderen das Prozessmodell, das in Europa von Anthony G.E. Blake und mir vertreten wird.

Die Typenlehre des Enneagramms wird in Deutschland von Richard Rohr und Andreas Ebert vertreten, in den USA hauptsächlich von dem ehemaligen Jesuiten Don Riso, von Eli Jackson-Bear und Helen Palmer, die die mündliche Tradition der Lehre des Enneagramms vertritt.

Abb. 1: Die Enneagramm-Grundstruktur

 

Grafik E

 

Das Enneagramm ist eine geometrische Figur, die aus einem Kreis, einem gleichschenkligem Dreieck und einem unregelmäßigen Sechseck besteht.

Der Kreis

Der Kreis stellt den Archetyp der Ganzheit dar. Der berühmte Kalif Harun al Raschid, der Abassidenherrscher, den wir aus 1001-Nacht kennen, baute Bagdad im Kreis, da der mütterlich schützende Aspekt dieser Stadt betont werden sollte. Der Kreis symbolisiert im Enneagramm den ganzheitlichen Aspekt des weiblichen Archetyps, aus dem alles hervorgeht.

Das gleichseitige Dreieck

Die Dreiteilung ist ein Archetyp, der alle allgemeinen Prozesse charakterisiert. Ich erinnere hier nur an Hegel und die von ihm angenommene Manifestation des Weltgeistes in der Geschichte im Dreierschritt der Dialektik (These, Antithese, Synthese). Das gleichseitige Dreieck symbolisiert im Enneagramm die allgemeine Gesetzmäßigkeit eines Prozesses.

Das Sechseck

Das Sechseck stellt eine spezielle Figur in bezug auf die Wahrnehmung dar. Sechs ungeordnete Elemente kann man, ohne nachzuzählen, auf einem Blick erkennen, bei einer größeren Zahl ungeordneter Elementen muss man zählen. Das verschlungene Sechseck symbolisiert im Enneagramm den individuellen Prozess. (Vgl. ikonographische Muster in der islamischen Architektur, die daher rühren, dass man im Islam als streng monotheistischer Religion wie im Judentum Gott nicht bildlich darstellen darf.)

Die inneren Linien des Enneagramms und ihre Verbindungen geben Gesetzmäßigkeiten wieder, die zu kennen, einem helfen, sich selbst und andere besser zu verstehen, Arbeitsteams zusammenzustellen und Prozesse in ihren Abläufen schneller und systematischer zu erfassen, ohne die Verbindung zur Lebenspraxis zu verlieren.

Die Typenlehre des Enneagramms

Die neun Punkte des Enneagramms symbolisieren 9 unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen oder Sichtweisen der Welt. Man könnte sagen, dass es sich um 9 unterschiedliche gewohnheitsmäßige (mechanische) Ausrichtungen der Aufmerksamkeit handelt, die 9 unterschiedliche Wahrnehmungsstile erzeugen. Dabei geht dieses System davon aus, dass jede dieser 9 archetypischen Persönlichkeits- bzw. Wahrnehmungsstrukturen ihre spezielle Stärke und Schwäche besitzt. Das Enneagramm beschreibt also 9 Verhaltens- und Erlebnisweisen, die als frühkindliche Strategien entstanden, heute aber für den Erwachsenen dysfunktional geworden sind.

Die 9 Typen des Enneagramms sind gleichwertig. Jedoch ziehen bestimmte Kulturen bestimmte Typen vor. In der westlichen Welt sind beispielsweise der dritte und der siebte Enneagramm-Typ sehr beliebt, in Ostasien dagegen der neunte Enneagramm-Typ. Die folgenden 9 Typen finden wir schon im 13. Jahrhundert in Dante Aligheris (1265-1321) Divina Comedia angedeutet (in den Bereichen des Fegefeuers) und z.B. in Geoffrey Chaucers (1340-1400) Canterbury Tales, wenn der Pfarrer in seiner Erzählung über die Hauptsünden berichtet (Vicar`s Tale). Diese 9 Typen stellen archetypische Vorstellungen im Sinne Jungs dar.

Die Rolle des Stress

Man unterscheidet zwischen positiven und negativen Stress, wobei auch positiver Stress auf die Dauer leicht in pathologisierenden Stress umschlagen kann. In negativen Stresssituationen reagiert man normalerweise automatisch nach ein und demselben Muster, auch wenn es sich in der Vergangenheit nicht bewährt hat und die jetzige Entscheidung ein anderes Verhalten verlangt. Die 9 Reaktionsmuster sind also "Scheuklappen", die uns hindern, die Wirklichkeit produktiv zu erkennen. Diese "Scheuklappensicht" erzeugt unnötige Spannungen und Energielöcher, sie wirkt vampiresk und führt auf die Dauer zu psychosomatischen Problemen. Die Scheuklappensicht lässt einen leicht Fehler machen oder kreative Chancen übersehen. Das, was in der negativen Stresssituation gezeigt wird, ist nicht echt, sondern eine bewusste Strategie, um Anerkennung und Erfolg zu bekommen. Solange man jedoch nicht echt ist und somit nicht lebt, was man ist, befindet man sich unter Druck, da man stets Gefühle niederhalten und verwandeln muss. Wer sein Potential leben kann, dem stehen all seine Energien zur Verfügung. Das Erkennen seines Reaktionstyps ist der erste Schritt zur Echtheit und Kreativität.

Die im folgenden geschilderten 9 Reaktionstypen stammen weitgehend aus der kindlichen Sozialisation. In der Kindheit haben sie sich bewährt, um Liebe und Anerkennung zu bekommen, heute behindern sie allerdings den Erwachsenen eher als dass sie ihm helfen.

Typ 1: Der Perfektionist

Grundeigenschaften: Ordnung, Moral, Genauigkeit (anankastische Züge)

frühkindlich: Musterkind, analfixiert

unbewusst: kritisierend, selbstgerecht, starr

bewusst: pflichtbewusst, Einsatz für Ideale

Lernaufgabe: zu sehen, dass es viele Wege und Arten gibt, ein Ziel zu erreichen

Ergänzung:
Typ 4: Gefühl
Typ 7: Spiel

Typ 1 versucht sich bei Verunsicherungen über klare Strukturen und Perfektionismus zu stabilisieren. Er fühlt sich sicher, wenn er alles geordnet und Zufälligkeiten eliminiert hat. Letztendlich sucht Typ 1 den fehlerfreien und fairen Führer. Er wehrt den weiblichen Archetyp ab, der zwar die Mutter aller Kreativität ist, von ihm jedoch als chaotisch und bedrohlich wahrgenommen wird. Goethe hat im Faust II diese Angst als Abstieg ins Reich der Mütter gestaltet, die einzige Stelle im Faust, an der Mephisto sich ängstlich zeigt.

Der erste Enneagramm-Typ hat Angst, Fehler zu machen und liebt deswegen genaue Zeitpläne, Richtlinien und Verantwortlichkeiten. Je klarer die Strukturen, um so besser für ihn. Im Tiefsten seiner Seele ist er ein Idealist, der die Wahrheit sucht. Für ihn gibt es nur einen richtigen Weg zum Ziel. Er setzt trotz seines Schwarz-Weiß-Denkens hohe Maßstäbe, die jedoch von einer eigenartigen Starrheit geprägt sind. Da er sich schwer auf die Maßstäbe anderer einlassen kann, arbeitet er gern allein und tendiert häufig dazu, die Entscheidungen kreativer Mitarbeiter einzuengen. Er bemüht sich fortwährend darum, ein gutes Vorbild zu sein.

Typ 1 geht davon aus, dass das Leben hart ist. Er versagt sich Vergnügungen und leidet unter einem inneren Kritiker, mit dem er sich identifiziert. So zeigt er eine hervorragende Kritikfähigkeit bei anderen, ist aber nicht gerade selbstkritisch. Zu allem Überfluss erträgt es Typ 1 schwer, selbst kritisiert zu werden, denn er erträgt seine eigene Unvollkommenheit wie die der anderen nur schwer. Im Team und nicht nur dort bemüht er sich immer darum, recht zu haben. Allerdings kann in einem Arbeitsteam seine Kritikfähigkeit positiv genutzt werden und er ist es, der im Team auf exakte Durchführungen der Arbeitsziele achtet. Typ 1 ist ein effektiver Organisator und Analytiker. Er finden immer noch Wege zur Verbesserung der Arbeit und von Ideen und nimmt auch Details wahr. Typ 1 ist effizient, wenn es um Planung und Strukturierung geht, ineffizient, wenn schnelle Entscheidungen anliegen. Um jedoch erfolgreich zu sein, braucht Typ 1 gute Informationslieferanten. Typ 1 hat Schwierigkeiten mit Entscheidungen, da er sich perfekt entscheiden möchte. Typ 1 hat sich häufig im Unternehmen hochgearbeitet und macht Karriere durch die gute Organisierung seines Arbeitsfeldes. Historisch entspricht dieser Typ dem Puritaner.

frühkindliche Entwicklung:

Dieser Enneagramm-Typ ist ein Musterkind gewesen, das sich die Liebe der Eltern dadurch verdient hat, indem es brav und ordentlich gewesen ist. Typ 1 wurde oft übermäßig kritisiert (diese Kritik hat er verinnerlicht) und hat sich den Maßstäben seiner Eltern angepasst. Er verlor dadurch den Zugang zu seinen eigenen Bedürfnissen. Er lebt wie als Kind noch heute nach der Devise "Ich bin nur gut, wenn mich die Autoritäten gut finden." Nach Sigmund Freud handelt es sich hierbei um den analfixierten Charakter, der zwanghaft sauber, ordentlich und pflichtbewusst ist und der lieber spart, als dass er Geld ausgibt. Dieser Typ leidet unter Stress häufig an Verdauungsstörungen.

unbewusste Reaktionen:

Unter großem Druck reagiert dieser Typ automatisch zwanghaft, kritisierend bis besserwisserisch, nachtragend, selbstgerecht und übertrieben moralisch und ernst.

bewusste Reaktionen:

Mit einer gewissen Selbstreflexion kann Typ 1 die Welt in ihrer Unvollkommenheit annehmen, und er wird sich selbst nicht mehr so "tierisch ernst" nehmen.

Lernaufgabe:

Typ 1 muss Starrheit überwinden und zum weiblichen Archetypen und Spielerischen finden gemäß der Devise Schillers "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Ästhetische Briefe). Seinen Schatten findet er einmal im Typ 7, der diese spielerische Seite leicht ausdrücken kann, und im Typ 4, der aus dem Gefühl heraus zu handeln und zu entscheiden pflegt. Hierbei ist jedoch zu betonen, dass es einen positiven und negativen Schatten nach C.G. Jung gibt. Diese beiden Schattenaspekte werden durch die inneren Linien des Enneagramms angedeutet und können auch als Ressourcen des entsprechenden Typs angesehen werden. Ferner muss Typ 1 lernen, seinen permanent unterdrückten Ärger über die Unvollkommenheit der Welt auszudrücken und in Diskussionen trotz Kritik sachlich zu bleiben. Zu seiner Ausgeglichenheit ist es nötig einzusehen, dass es viele Wege zu einem Ziel gibt, und er sollte sich nicht zu ernst nehmen.

Typ 2: Der Helfer

Grundeigenschaften: sensibel, sozial, manipulierend (märtyrerhafte Züge)

frühkindlich: elterliche Anerkennung durch soziales Verhalten erkauft

unbewusst: anerkennungssüchtig, manipulierend, Identitätsprobleme

bewusst: sozial engagiert, emotional

Lernaufgabe: Nein sagen zu können, sich zurückzuziehen, um zu sich zu kommen

Ergänzung:
Typ 4: Egoismus
Typ 8: Zielgerichtetheit

Der zweite Enneagramm-Typ geht auf Menschen zu. Er kann als der manipulierende Diener charakterisiert werden. Das bedeutet, unter diesem Einfluss dient man, um zu beherrschen; eine Haltung, die fast jeder in seiner Mutterbeziehung erlebt hat. Um dienen und damit manipulieren zu können, besitzt dieser Typ eine ausgeprägte emotionale und sensible Seite. Seine Stärke liegt darin, dass er den anderen gut annehmen und mit ihm teilen kann. Das größte Problem stellt für den zweiten Enneagramm-Typ seine Abhängigkeit von Anerkennung und Bestätigung dar. Sein Selbstbild ist davon abhängig, wie die Außenwelt auf ihn reagiert. Glücklicherweise besitzt er jedoch die Gabe, andere dazu zu bringen, ihn zu mögen und von ihm gemocht zu werden. Speziell liegt ihm daran, von mächtigen Menschen geliebt zu werden, denn Typ 2 hilft gerne dem Gewinner, um sich als Macht im Hintergrund wohlfühlen zu können.

Typ 2 macht sich unentbehrlich, was ihm Sicherheit gibt, von der Personalstruktur eines Unternehmens jedoch unerwünscht ist. Er kann schlecht delegieren, sieht aber das Potential in seinen Mitarbeitern, die er fördert, wofür er allerdings Dankbarkeit erwartet. Typ 2 ist der ideale Mentor. Er kann gut Menschen miteinander verbinden und ein kreatives Team schaffen oder Führungskräfte einfühlsam unterstützen, obwohl er selbst eine effiziente Führungskraft sein kann. Bei Zufriedenheit macht er konstruktive Vorschläge, bei Unzufriedenheit erliegt er allerdings dem Konkurrenzdenken und wird zu einem unausstehlichem Mitarbeiter.

Dieser Enneagramm-Typ bildet häufig positive Geschäftsvisionen, und er sieht oftmals in patriarchalischer Weise das Unternehmen als Familie an. Er kann sich gut in Kundenwünsche hineindenken und ist deswegen für den Verkauf und PR-Abteilungen geeignet. Mit dieser Enneagramm-Eigenschaft kann man effektive Arbeitsgruppen zusammenstellen und ein gutes Betriebsklima schaffen.

frühkindlich:

Auch dieser Enneagramm-Typ zeigte als Kind wie Typ 1 Wohlverhalten. Bei ihm bestand jedoch dieses Wohlverhalten darin, dass er sich sozial in der Familie engagierte. Er wurde geliebt, weil er gefällig war. Der zweite Enneagramm-Typ stammt häufig aus problematischen Familien, in denen das Kind nicht selten die Vermittlerrolle spielen musste. So wurde dieser Typ schon frühkindlich daraufhin erzogen

unbewusstes Verhalten:

Typ 2 braucht ständige Anerkennung und sein Helfen sollte unbedingt bemerkt werden, sonst reagiert er sozial höchst unangepasst. Er kann nur schwer allein sein und gerät leicht in Identitätsprobleme, da er sich permanent anderen anpasst. Er bekommt Sicherheit durch Manipulation seiner Umwelt.

bewusstes Verhalten:

Er besitzt ein hohes soziales Einfühlungsvermögen, ist sachlich, kennt seine eigenen Bedürfnisse, für die er sich ohne schlechtes Gewissen einsetzen kann. Er kann anderen das Gefühl vermitteln, gut zu sein.

Lernaufgabe:

Typ 2 ist zu auf die Manipulation anderer ausgerichtet und sollte sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst werden. Auf die Dauer hat er nämlich Schwierigkeiten damit, dass seine eigene Bedürfnisse zu kurz kommen - da sind allerdings nicht die anderen sondern einzig und allein er Schuld. Seinen Schatten findet er einerseits im Typ 8, der direkt und egozentrisch seine Ziele angeht, und im Typ 4, der seine eigenen Bedürfnisse bestens durchzusetzen weiß. Typ 2 kann schlecht Nein sagen, da er dann Liebesentzug befürchtet. Er muss lernen, Nein sagen zu können. Um zu sich zu kommen, braucht speziell Typ 2 einen Ort der Stille.

Typ 3: Der Macher

Grundeigenschaften: Arbeitseifer, Erfolgssucht, Überblick (manische Züge)

frühkindlich: Lob für Erfolg

unbewusst: macht sich und anderen etwas vor

bewusst: arbeitet zielgerichtet und kann gut improvisieren

Lernaufgabe: sich um Ehrlichkeit bemühen und die Identifikation mit Erfolgen reduzieren

Ergänzung:
Typ 6: Unterordnung
Typ 9: lässige Faulheit

Typ 3 vermeidet Misserfolge, da er meint, nur für Leistungen geliebt zu werden. Er neigt dazu, Leistungen wie eine Maschine zu bringen, da er beim Arbeiten seine Emotionen abstellt. Seine Devise lautet "projects, sex and freedom", und er identifiziert sich in übertriebener Weise mit seinem Image. Diese Einstellung führt jedoch nicht nur zur Überarbeitung, sondern auch dazu, seine Konzentrationsfähigkeit zu verlieren. Das ist beispielsweise der Mann oder die Frau, die sich spätestens ab Ende 40 nicht mehr darauf konzentrieren können, längere Zeiten zu lesen. Man wird mit dieser Charakterausprägung leicht adrenalinsüchtig, d.h. man braucht seine Aufregungen wie das tägliche Brot.

Auf der anderen Seite vermag der dritte Enneagramm-Typ eine angenehme Atmosphäre zu verbreiten, er wirkt vertrauenerweckend, sicher und ist höchst anpassungsfähig. Der Typ 3 besitzt nämlich eine spezielle Sensibilität für die Einschätzung von Aufgaben und die Zusammensetzung von Arbeitsgruppen. Typ 3 sorgt meistens für ein gutes Betriebsklima. Trotz dieser Sensibilität bereitet es ihm von allen Enneagramm-Typen die größte Schwierigkeit, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen. Er schaut nur auf den Erfolg statt auf sich und bezieht seine Lebensenergie aus seinen Erfolgen. Ihm gelingt es bestens, Gelegenheiten zu erkennen und wahrzunehmen. Wenn er der Erste ist, fühlt er sich gut. Seine hervorragende Selbstdarstellung lässt ihn auch dann noch als der Erste erscheinen, wenn er es gar nicht ist.

Der dritte Enneagramm-Typ handelt und denkt hochgradig konkurrenzgeprägt. Er hört wenig auf andere und kämpft (teilweisen verbissen) um Titel und Positionen, die ihm ein Sicherheitsgefühl vermitteln. Er lebt nach der Devise: "ich bin, was ich tue" oder noch drastischer: "ich bin meine Erfolge". Damit ist eine Tendenz zum Workaholic und zur Selbstüberschätzung gegeben. Typ 3 ist ein harter, kompetenter Arbeiter, die Freizeit macht ihm Angst, da er ohne Arbeit mit seinem "emotionalen Loch" konfrontiert wird. Er meint, alles durch eigene Anstrengungen erreichen zu müssen und arbeitet meist an mehreren Projekten zugleich. Er schaut bei Arbeitsprojekten immer nach vorn und sieht das Endergebnis klar und deutlich. Er ist oft der Antreiber in Teams und Projekten, was er jedoch hinter einem Lächeln versteckt. Typ 3 im Team verspricht Erfolg, und er inspiriert alle zu großen Leistungen. Er ist schnell und gibt sich das Image des Gehetzten, dem er wirklich oft erliegt. Seine "Ruckzuck-Mentalität" läuft Gefahr, an Details zu scheitern; dazu kommt, dass er das, woran er arbeitet, einseitig positiv wahrnimmt und Schwierigkeiten ausblendet. Dabei rettet ihn allerdings häufig seine Fähigkeit zur Improvisation. Ein Scheitern oder Versagen wirkt traumatisch auf Typ 3, der auch in diesem Fall noch versuchen würde, seine Niederlage als glänzend darzustellen. Dabei geht er ohne Skrupel sehr großzügig mit der Wahrheit um: Schönfärbereien und einseitig positive Darstellungen seiner Projekte sind bei ihm an der Tagesordnung.

Er verwechselt seine wirkliche Identität mit der Identität seiner Berufsrolle und versucht Selbstvertrauen durch Statussymbole auszudrücken, die er ansammelt. Kurzum: Es handelt sich um einen extravertierten Typ, der sich selbst als Produkt vermarktet und dabei eitel ist.

Gesellschaftlich entsprechen die USA der Haltung von Typ 3, was sich im beliebten Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär ausdrückt.

frühkindlich:

Als Kind musste sich Typ 3 Liebe und Anerkennung durch Leistung erkaufen; er wurde nicht um seiner selbst Willen geliebt. Deswegen meint er noch heute, dass er Anerkennung und Liebe für Erfolg bekommt und merkt dabei gar nicht, dass er längst erfolgssüchtig geworden ist. Oft waren diese Enneagramm-Typen schöne Kinder, denen man immer wieder sagte, dass sie alles zustande brächten und so wurde ihre Intelligenz und ihr Optimismus verstärkt und sie mit ihrer Leistung identifiziert.

unbewusstes Verhalten:

Verdrängung von Misserfolgen und Täuschung von sich und anderen. Arbeits- und Erfolgssucht, Unterdrückung ihrer Gefühle

bewusstes Verhalten:

kompetente Arbeit und sensible Menschenführung und hohe PR-Fähigkeiten

Lernaufgabe:

Typ 3 muss innehalten, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Er braucht Ruhe, Muße und Entspannung, um eigene Emotionen wahrzunehmen. Er setzt sich auch häufig sexuell unter Druck und endet oft in versteckter Impotenz, indem er vorgibt, kein Interesse mehr am Sex zu haben. Seinen Schatten findet dieser Ennea-gramm-Typ zum einen im Typ 6, der äußerst entscheidungsschwach ist und als ein "Hadernder" bezeichnet werden kann, und im Typ 9, den jeder Ehrgeiz fremd ist. Typ 3 ist also der Macher, dem Handeln Sicherheit bringt, allerdings besteht sein Schatten darin, dass er sich nicht selten der Täuschung bedient, um in besonderer Weise als tüchtig und erfolgreich zu erscheinen. Ist Typ 3 ruhig und entspannt - was er selten ist -, kann er die Eigenschaften des sechsten Enneagramm-Typs zeigen, der nicht der Erste zu sein braucht, um sich wohlzufühlen. Gerät allerdings Typ 3 in negativen Stress, kann es dazu kommen, dass er plötzlich meist eher unfreiwillig als freiwillig alles Handeln aufgibt und in eine depressionsartige Verstimmung verfällt. Der ausschlaggebende Impuls kommt häufig von einer psychosomatischen Erkrankung, für die dieser Typ besonders anfällig ist.

Im Team muss Typ 3 lernen, Menschen vom Typ 6 für sich arbeiten zu lassen, die verlässlich seine Anweisungen umsetzen können. Typ 3 kann sich dadurch entwickeln, dass er sich nicht von der Faulheit von Typ 9 zur Weißglut bringen lässt, sondern sich dessen Lässigkeit abschaut.

Typ 4: Der Betroffene

Grundeigenschaften: Gefühlsabhängigkeit, ästhetische Ausrichtung, manisch-depressive Tendenzen (Hang zum Exhibitionismus)

frühkindlich: durch Krisen Flucht in die Innenwelt

unbewusst: launisch, unberechenbar, instabil

bewusst: Handeln aus einer Gefühlstiefe heraus, bewusste Gestaltung der Umwelt

Lernaufgabe: Reduktion der Überidentifizierung mit den eigenen Gefühlen, Ausgeglichenheit, Natürlichkeit, Realismus

Ergänzung:
Typ 1: Begrenzung
Typ 2: soziale Einstellung

Der vierte Enneagramm-Typ ist der Gefühlsmensch: Die Frau und der Mann, die von ihren Gefühlen beherrscht werden und denen es schwer fällt, ihr Gefühlsleben zu beherrschen. Aus diesem Grund wird die Haupteigenschaft dieses Ennea-gramm-Typs von den anderen Typen als "unberechenbar" charakterisiert. Typ 4 wiederum ist von dem Gefühl besessen, dass ihn keiner versteht, weil er so speziell ist. Er braucht eine besondere Arbeitsumgebung und spezielle Aufgaben im Beruf, für die er sich voll einsetzen kann. Er bemüht sich darum, mit berühmten Leuten Kontakt zu haben, da das seine Besonderheit unterstreicht. Er zeigt diesen Zwang zum Besonderen, um sein schwaches Selbstbild zu kompensieren. Er beugt sich großen Autoritäten, ignoriert dagegen kleinere und unechte Autoritäten, denen er sich überlegen fühlt.

Auf der anderen Seite ist Typ 4 fast immer künstlerisch begabt und kann sich und seine Umgebung ästhetisch gestalten. Er brilliert häufig durch seine Präsentationen. Ihm steht nämlich der Bereich der archetypischen Bilder offen. Typ 4 wird beispielsweise häufig durch Träume inspiriert und liebt es, seine Gefühle symbolisch auszudrücken.

Typ 4 ist im Geschäftlichen und Privaten großen Gefühlsschwankungen unterworfen. Er wirkt auf die anderen Enneagramm-Typen launisch, neidisch und eifersüchtig. Wenn er seinen eigenen Aufgabenbereich hat, versucht er allerdings sein Bestes zu geben und brilliert dabei mit kreativen Problemlösungen; im Team ist er allerdings häufig schwer zu ertragen. Er ist es, der ästhetische Lösungen findet, der sich aber auch von allen anderen Teammitglieder als anders oder speziell absetzen muss. Typ 4 ist elitär und braucht das Gefühl, an etwas Besonderem zu arbeiten - vorzüglich an einer Aufgabe, die viel Kreativität verlangt. Von Details und Einzelheiten fühlt er sich belastet. Dazu kommt, dass Typ 4 zwanghaft auffallen muss. Diesen Typ findet man oft in hochbezahlten Positionen, in denen er Privilegien besitzt. Als Mitarbeiter braucht er das Gefühl, angehört und besonders wichtig genommen zu werden. Er fühlt sich persönlich angegriffen oder reagiert beleidigt, wenn seine Ideen und seine Arbeit kritisiert werden. Echte Autoritäten kann Typ 4 anerkennen, formale Autoritäten nimmt er dagegen nicht für voll.

Historisch wurde diese Enneagramm-Eigenschaft im Zeitalter der Romantik ausgelebt. Mit Die Leiden des jungen Werther (1774) hat Goethe den Auftakt zum Ausdruck dieses Weltgefühls gegeben. Dabei ist die Faszination des Todes für Typ 4 charakteristisch.

frühkindliche Erfahrungen:

Als Kind hat Typ 4 die Erfahrung gemacht, dass alles sinnlos ist. Das geschah entweder durch die Entwurzelung durch einen Umzug oder durch den Tod oder die Abwesenheit eines Elternteils. Durch diesen Schock hat sich das Kind verstärkt seinen inneren Welten zugewandt. Typ 4 ist von der Sehnsucht nach Liebe und Harmonie geprägt. Er war meistens Außenseiter.

unbewusstes Verhalten:

Typ 4 neigt dazu, andere zu verachten und sich selbst als besonders zu sehen. In Krisensituationen neigt er der Selbstaggression zu. Er ist launisch und kann beleidigend sein. Er zeigt ein extremes Schwanken zwischen aktiven und passiven Phasen (manisch-depressive Tendenzen). Oft wird er vom Neid geplagt, dass anderen es besser geht als ihm, und falls er angegriffen wird, kann er sarkastisch reagieren.

bewusstes Verhalten:

Typ 4 zeigt eine große soziale Sensibilität und kann seine Umgebung perfekt ästhetisch gestalten, er hat Geschmack und Stil. Ihm gelingt es leicht, mit Krisen umzugehen.

Lernaufgabe:

Typ 4 läuft Gefahr, sich seinen Launen hinzugeben und alles zu persönlich auf sich zu beziehen. Er muss lernen, dass seine Gefühlsausrichtung kommunikationshemmend wirkt. Zentral ist für ihn, eine Aufhebung der Identifizierung mit seinen Gefühlen. Die beiden Schattenseiten von Typ 4 werden durch den starren Typ 1 personifiziert, der aus Angst vor dem Gefühlschaos rein intellektuell reagiert, und durch Typ 2, der im Sinne des chassidischen Philosophen Martin Buber auf das Du ausgerichtet ist.

Die Partner dieses Enneagramm-Typen müssen sich davor hüten zu denken, dass sie die Ursache der Verstimmungen von Typ 4 seien. Um seiner Umwelt zu helfen, sollte Typ 4 seine Umwelt darauf aufmerksam machen, dass sie sich nicht mit dessen Launen identifizieren sollten.

Typ 5: Der Beobachter

Grundeigenschaften: menschenscheu, kommunikationsschwach, genügsam bis asketisch, zurückgezogen (schizoide Tendenzen)

frühkindlich: durften als Kind nicht stören und versuchten ihr Überleben dadurch zu organisieren, dass sie alles mitbekamen

unbewusst: kalt, distanziert und überheblich, hortet Wissen ohne damit etwas zu tun, Tendenz zur Bindungsneurose

bewusst: kluger und objektiver Beobachter und Analytiker von Situationen, kontemplative Fähigkeiten

Lernaufgabe: mehr Gefühle zuzulassen und spontan auszudrücken und zu handeln

Ergänzung:
Typ 7: Kommunikationsstärke
Typ 8: Tatkraft

Der fünfte Eneagramm-Typ ist der Einzelgänger, der aus der sicheren Distanz die Welt beobachtet. Er entspricht dem typischen Intellektuellen, der die Welt aus dem Elfenbeinturm betrachtet, um in nichts verwickelt zu werden. Er schafft Distanz durch Ignorieren und Nicht-Reagieren. Erwartungen setzen ihn unter Druck.

Typ 5 erlebt im Gegensatz zum Typ 4 die Welt über den Kopf. Er denkt, bevor er handelt. Diese Typen sind häufig Entdecker, Forscher oder Erfinder. Sie ergründen die Dinge und Situationen in der Tiefe. Typ 5 möchte alles mitbekommen und dafür opfert er seine Gefühle, die ihn von objektiver Erkenntnis abzuhalten suchen. So wirkt er nach außen hin oft kalt und über seine Mitmenschen erhaben. Das liegt daran, dass dieser Typ sich nicht gerne mitteilt, man muss ihm sozusagen sein Wissen entreißen und persönliche Gespräche sind ihm zuwider. Er ist ein hochkontrollierter Typ, der an allgemeinen Theorien und Thesen interessiert ist, aber weniger an Menschen und Geld. Im Tiefsten seiner Seele ist er ein menschenscheuer Asket, der Energie auftankt, wenn er allein ist.

Typ 5 braucht viel eigenständigen Entscheidungsraum, präzise Absprachen und möglichst genaue Festlegung von Zielen. Er ist keine Person für Arbeitsteams, er kann nicht unter Zeitdruck arbeiten und lehnt jede Art von Improvisation ab. Seine Welt ist segmentiert: verschiedene Aktivitäten laufen völlig unabhängig nebeneinander her.

Er hasst Besprechungen und Diskussionen, da er seinen eigenen Weg braucht und andere als störend empfindet. Er kann sich schlecht in der Gegenwart von anderen konzentrieren. Er möchte unabhängig sein und bleibt reserviert. Er meidet Kon-flikte, die er durch sachliche Entscheidungshilfen zu vermeiden sucht.

In Führungspositionen schottet sich Typ 5 hinter Vorzimmern ab und arbeitet oft mit einem aggressiveren Typ (z.B. Typ 3) zusammen, der die Außendarstellung übernimmt. Typ 5 ist der Denker, der warten und schwierige Probleme in Ruhe bewältigen kann. Er arbeitet immer nur an einem Problem, alles andere lässt ihn nervös und uneffektiv werden. Zu Hause lebt dieser Enneagramm-Typ nach der englischen Devise my home is my castle.

frühkindliches Verhalten:

Dieser Enneagramm-Typ hat sich schon seit seiner Geburt unerwünscht gefühlt oder er hatte Eltern, die unsensibel und zudringlich zu ihm waren, vor denen er sich zurückzog. Sein Überleben versuchte er zu sichern, indem er alles wusste und mitbekam. Der Typ 5 hat sich als Kind zumeist heimatlos und leer gefühlt. Er sammelt sein Wissen nicht nur als Überlebensstrategie, sondern auch, um seine innere Leere zu füllen (horror vacui).

unbewusstes Verhalten:

Er ist scheu und aus Unsicherheit reagiert er überheblich. Er zeigt öfters eine Neigung zum Geiz.

bewusstes Verhalten:

Er ist ein guter Beobachter und kluger Analytiker von Situationen, der eine große Unabhängigkeit und Selbständigkeit zeigt.

Lernaufgabe:

Typ 5 muss seine Angst vorm Handeln und der Selbstdarstellung überwinden. Er braucht eine Portion des Spielerischen, das der Typ 7 - ein Aspekt seines Schattens - im Übermaß besitzt. Den anderen Aspekt seines Schattens personifiziert Typ 8, der Konflikte und Diskussionen liebt.

Dieser Enneagramm-Typ ist also der intellektuelle Beobachter, der sich durch sein Wissen zu definieren und zu schützen sucht. Sein Schatten besteht darin, dass er passiv und menschenscheu ist. Er muss lernen, sein Wissen anderen mitzuteilen. Ist Typ 5 ruhig und gelassen, kann er Eigenschaften von Typ 8 zeigen, die seine Handlungshemmungen mildern, wenn nicht sogar teilweise auflösen. Gerät jedoch Typ 5 in Stress, bringt ihn die Leichtigkeit von Typ 7 völlig aus seiner Mitte, obwohl er gerade von dieser Haltung profitieren könnte.

Im Team muss Typ 5 lernen, sich mit Typ 8 zu verbinden, der seine Einsichten umsetzen kann. Ferner kann Typ 7 die Verhaltensweisen von Typ 5 erweitern.

Typ 6: Der Mitstreiter

Grundeigenschaften: ängstlich oder kontraphobisch, loyal

frühkindlich: keine Entwicklung von Urvertrauen

unbewusst: ängstliches Unterordnen, Fanatismus, Entscheidungsschwäche
Typ 6 ist von Furcht geprägt
a. der phobische Typ ordnet sich Autoritäten unter
b. der kontraphobische Typ greift Autoritäten an

bewusst: können sich für andere und eine Sache einsetzen

Lernaufgabe: Furchtüberwindung, Entscheidungen zu fällen

Ergänzung:
Typ 3: kann schnell entscheiden und führen
Typ 9: arrangiert sich mit Autoritäten

Der sechste Enneagramm-Typ ist der Zweifler. Bei Typ 6 ersetzt Denken und Planen dessen Handeln. Er besitzt hohe analytische Fähigkeiten und Zweifel führt ihn zur Klarheit. Er ist ähnlich handlungsschwach wie Typ 5, da er eine große Angst vor Entscheidungen hat. Er kann sich jedoch stark engagieren, wenn wenig Aussicht auf Erfolg besteht. Seine Effektivität nimmt ab, wenn der Erfolg sichtbar wird: er macht Fehler, verliert Zeit und wird von Selbstzweifeln gepeinigt. Wegen seiner Erfolgsangst nimmt er eigene Erfolge oft nicht wahr. Winkt der Erfolg, verlässt er oftmals sein Projekt und wechselt bisweilen die Firma. Er zeigt häufig Erfolgsangst, da er Angst vor Neidern hat und so inszeniert er bisweilen Situationen, in denen er scheitert. Ist Typ 3 ein typischer Gewinner, so ist Typ 6 ein typischer Verlierer.

Trotz allem wird Typ 6 jedoch von Rohr und Ebert zu recht als "kooperativ, teamfähig und zuverlässig" beschrieben. Er lebt nämlich letztendlich aus seinem Kopf heraus, indem er über Gefühle genau nachdenkt und sie nicht spontan ausdrückt. Deswegen stößt er nicht so leicht Kollegen und Mitmenschen vor den Kopf. Auf der anderen Seite ist er jedoch höchst argwöhnisch und das besonders, wenn er gelobt wird. Außerdem prägt ihn eine Angst vor Aggressionen, und die eigenen Aggressionen pflegt er zu projizieren.

Typ 6 kann mit Klarheit und Kraft führen, wenn ein Unternehmen neu organisiert werden muss. Er ist der loyale Helfer in der Not, derjenige, der die in Schwierigkeiten geratene Firma umstrukturiert. Wenn alles läuft, ist er jedoch unaufmerksam und unkonzentriert, denn er schenkt nur problematischen Bereichen seine Aufmerksamkeit. Seine bevorzugte Rolle ist die des advocatus diaboli. Er kann zwar ein Team bei Schwierigkeiten motivieren, wenn jedoch alles glatt läuft, ist er eher ein schwaches, da zweifelndes Teammitglied, das alle möglichen Schwierigkeiten Ungerechtigkeiten und Machtspiele aufzeigt. Wegen seiner kindlichen Sozialisation leidet Typ 6 unter Autoritätsproblemen. Entweder ordnet er sich unter (phobische Reaktion) oder er revoltiert gegen Autoritäten und zweifelt sie an (kontraphobische Reaktion), aber er respektiert zugleich reale Macht. Die Macht der Autoritäten wird von ihm jedoch überbewertet. Entweder liegt er den Autoritäten zu Füßen oder geht ihnen an die Kehle. Wenn Typ 6 Autoritäten anerkennt, besitzt er ein hohes Pflichtbewusstsein. Er möchte dieser Autorität gefallen, da sie ihm Sicherheit verspricht.

Er hat häufig hohe Ziele, die oftmals nicht erreicht werden, da es an der Ausführung scheitert. Das liegt an seiner Angst vor Erfolg, da er sich durch Erfolge zu sehr exponiert.

Er braucht viel Sicherheit, um effektiv zu sein. Diese Sicherheit findet er im Informiertsein. In konkurrenzorientierter Umgebung kann er keine gute Arbeit leisten, wohingegen ihm streng hierarchisch geordnete Systeme Sicherheit vermitteln. Viele Kenner des Enneagramms nehmen an, dass Typ 6 die gängigste Reaktionsweise des westlichen Menschen darstellt. Der Fundamentalismus aller Religionen stellt die kontraphobische Art des Typ 6 dar. Woody Allen und Hamlet verkörpern den phobischen Typ 6, Adolf Hitler den kontraphobischen.

frühkindliches Verhalten:

Man sagt diesem Typ nach, dass er kein Urvertrauen entwickeln konnte, da er unberechenbare oder jähzornige Eltern hatte und früh falsche Autoritäten kennenlernte. Er wurde willkürlich bestraft und musste sich deswegen nach einem Beschützer (Autorität) wie beispielsweise dem Großvater umschauen oder lernen, der Bestrafung (durch Aggression) zu entgehen. Aus dieser Konstellation entstand ein Autoritätsproblem, das diesem Typ bis heute plagt. Häufig sind diese Ennea-gramm-Typen auch in existentiell schwierigen Situationen (Not, Krieg etc.) aufgewachsen, in denen man sich eine unterstützende Autorität suchen musste oder überhaupt keiner Autorität mehr vertraute.

unbewusstes Verhalten:

Typ 6 ist von der Furcht geprägt.

  1. der phobische Typ 6:
    ordnet sich jeder Autorität (ängstlich) unter und verfällt leicht in Selbst-zweifel. Paranoide Tendenzen: Er ist immer auf der Hut und stellt sich das Schlimmste vor und ist misstrauisch.

  2. der kontraphobische Typ 6:
    greift Autoritäten undifferenziert an und tritt (bis zum Faschistoiden hin) für seine Weltsicht - zur Not auch militant - ein. Er übergeht durch Stärke und Wagemut seine Furcht.

bewusstes Verhalten:

Er kann sich loyal für eine Sache oder ein Projekt einsetzen und besitzt ein großes Einfühlungsvermögen.

Lernaufgabe:

Er muss seine Ängste überwinden und dafür zunächst seine Projektionen und Ängste klarer erkennen. Die beiden Schattenseiten von Typ 6 stellen die Typen 3 und 9 dar. Typ 3 kennt keine Zweifel, wenn er sein Ziel verfolgt, Typ 9 kann sich ohne Probleme mit Autoritäten arrangieren. Im Idealfall lernt Typ 6, sich nicht von Autoritäten abhängig zu machen.

Typ 7: Der Optimist

Grundeigenschaften: Optimismus, spielerische Lebenseinstellung, humorvoll, phantasiebegabt

frühkindlich: Verdrängung von traumatischen Erfahrungen

unbewusst: Oberflächlichkeit, übergeht Fehler mit Charme, Gier

bewusst: Begeisterungsfähigkeit und Motivation von Mitmenschen

Lernaufgabe: sich mit den dunklen Seiten des Lebens oder mit Details zu beschäftigen, nüchterner und asketischer zu werden

Ergänzung:
Typ 1: Struktur
Typ 5: Tiefe

Typ 7 ist von einem Aufmerksamkeitsstil geprägt, der Negatives ausgrenzt und sich stets dem Interessanten zuwendet. Das ist die Ursache für seine anti-depressive Lebensweise.

Der siebte Enneagramm-Typ ist der Visionär, der Optimismus ausstrahlt aber zugleich auch der puer aeternus oder die puella aeterna (C.G. Jung). Jede Entscheidung macht ihm Schwierigkeiten, da er damit andere Entscheidungsmöglichkeit ausgrenzt. Entscheidung bedeutet für ihn Beschneidung; er möchte sich alle Optionen offen halten.

Er ist humorvoll, locker, phantasiebegabt und kann in brillanter Weise unterschiedliche Informationen verknüpfen. Typ 7 fokussiert auf den Moment und blendet dazu die Zeitdimension aus, damit kann er schnell und sicher reagieren, aber nicht Entwicklungen überblicken.

Typ 7 hält es nur bei Tätigkeiten aus, die er mag. Routine lehnt er ab. Seine Welt ist die der Zukunftsvision. Er kann bestens begeistern und motivieren, da er erwartet, dass Projekte glücken. Er sieht neue Wege und Lösungen. Allerdings durch Selbstsicherheit und wohlwollende Selbsteinschätzung werden oft die eigenen Fähigkeiten überschätzt. Er weist nämlich eine Tendenz zur Verwechslung von Möglichkeit und Wirklichkeit auf. Über Kritik geht er mit Charme hinweg.

Durch jugendliche Ausstrahlung und Freundlichkeit ist er ein guter Verkäufer und einer, der die Ziele des Unternehmens publikumswirksam präsentieren kann. Typ 7 bezaubert und entwaffnet, er ist vorurteilsfrei, gibt aber nicht gerne Befehle und setzt diese nur ungern gegen Widerstände durch. Er erwartet für seine Leistungen Anerkennung und für diese Anerkennung macht er seinen Mitarbeitern und Vorgesetzten ohne weiteres etwas vor.

Er meidet Konflikte mit Autoritäten, die er dadurch löst, dass er für Autoritätsprobleme stets eine angenehme und für alle akzeptable Lösung findet. Er arbeitet am besten selbständig wie Typ 5.

Typ 7 ist besonders effektiv in den Anfangs- und Planungsphasen eines Projekts. Er kann mit Informationen spielen und sie systematisieren. Steht der Plan, sollte er lieber delegieren, da er mit Detailfragen nachlässig umgeht. Er arbeitet meist an vielen Plänen zugleich.

Typ 7 weiß genau, was er will und ist wenig sensibel für die Bedürfnisse anderer, obwohl er sehr wohl Mitarbeiter aufheitern kann. Er geht davon aus, dass dem anderen zusagt, was ihm gefällt.

Die sogenannte New-Age- und Hippie-Bewegung (bes. in Kalifornien) drückt die Energie von Typ 7 aus. Außerdem zeigt das Zeitalter der Renaissance charakteristische Eigenschaften des Typs 7.

frühkindliches Verhalten:

Typ 7 verdrängt frühkindliche Schmerzen und ist vor dem Schmerz und vor Krisen in seinen Kopf entflohen. Er neigt dazu, seine Kindheit zu idealisieren, und er plant später stets ein aufregendes und genussreiches Leben. Meist fühlte sich dieser Enneagramm-Typ seiner Mutter näher als seinem Vater.

unbewusstes Verhalten:

Typ 7 zeigt eine Gier nach Genüssen und Freuden des Lebens. Er ist oft adrenalinsüchtig und neigt der Rationalisierung zu, wenn dunkle Seiten und Schmerzen angesprochen werden.

bewusstes Verhalten:

Er kann talentiert Fakten und Eindrücke miteinander kombinieren und ist ein ausgezeichneter Ideensammler. Typ 7 arbeitet schnell und zugleich kreativ freiberuflich oder in erfolgreichen Teams. Der bewusste Typ 7 kann Nüchternheit mit Freude verbinden.

Lernaufgabe:

Typ 7 muss konfliktbereit werden und lernen, sich mit Schwierigkeiten nüchtern auseinanderzusetzen. Er wächst, wenn er sich mit Schwierigkeiten auseinandersetzt und diese nicht verdrängt oder die Beschäftigung mit ihnen delegiert. Er sollte lernen, sich festzulegen und sich auf eine Sache zu konzentrieren. Den einen Aspekt des Schattens von Typ 7 stellt Typ 5 dar, der in Tiefe geht und Details sieht. Der andere Schattenaspekt wird von Typ 1 personifiziert, der die Starrheit und Konvention vertritt.

Der siebte Enneagramm-Typ ist der Visionär, der sich durch seine spielerische Verarbeitung von Fakten und Informationen definiert. Sein Schatten ist jedoch, dass er sich davor drückt, sich mit Problemen und Details auseinanderzusetzen. Ist Typ 7 ruhig und entspannt, schaut er zu Typ 5 hin, wodurch er Tiefe gewinnt; steht er jedoch unter negativen Stress, versucht er sich - meist vergeblich - durch die Pedanterie und Starrheit des ersten Enneagramm-Typs zu retten. Dabei verliert er seine Visionsfähigkeit.

Im Team kann Typ 7 produktiv mit Typ 5 zusammenarbeiten, da sich die Schnelligkeit und Visionskraft von Typ 7 mit der Tiefe von Typ 5 bestens ergänzt. Eine der Herausforderung für Typ 7 stellt Typ 1 dar, dessen Genauigkeit Typ 7 zwar helfen würde, auf Details zu achten, die Typ 7 jedoch unreflektiert entwertet.

Typ 8: Der Boss

Grundeigenschaften: aggressiv, dominant, und zielgerichtet (Tendenz zu dem, was man in der klassischen Psychiatrie einen Psychopathen nannte)

frühkindlich: Stärke als Überlebenskonzept, das von den Eltern gefördert wurde

unbewusst: unsensibel

bewusst: Führereigenschaften, Schutz der Schwachen

Lernaufgabe: seine Aggression und Machtspiele zu durchschauen, Zugang zur eigenen weiblichen Seite

Ergänzung:
Typ 2: Sensibilität
Typ 5: Zurückhaltung

Der achte Enneagramm-Typ wird als der "Ellenbogen-Mensch" betrachtet, der - koste es, was es wolle - zielgerichtet seine Ziele ansteuert. Typ 8 ist durchsetzungsstark, da er Schwäche fürchtet und meidet. Er dominiert im Geschäftsleben (alter amerikanischer Führungsstil), ist stark kontrollierend und lehnt Kompromisse als Schwäche ab, weswegen er in der zeitgenössischen Welt oft aneckt. Außerdem ist er äußerst direkt und undiplomatisch und entlarvt sogleich alles Falsche. Allerdings muss man bei dieser Charakterisierung verstehen, dass der Streit einerseits für Typ 8 ein Ausdruck von Ernstnehmen darstellt, zum anderen erwartet er gewohnheitsmäßig Widerstände und besitzt eine geringe Frustrationstoleranz. Das Problem ist sein Schwarz-Weiß-Denken (wie bei Typ 1). Er betrachtet seine Meinung als die einzig richtige. Er respektiert jedoch eine ehrliche Führung. Er liebt zentralisierte Macht und arbeitet am liebsten mit Leuten, die ihn ergeben sind. Durch seine starke Dominanz ist er teamungeeignet.

Typ 8 liebt es, Ratschläge zu erteilen, aber er weiß nicht, wie er auf andere wirkt. Das stellt ein Problem in der Mitarbeiterführung dar, zumal er seine Mitarbeiter selten oder nie lobt. Typ 8 ist im Grunde den Anforderungen des modernen Managements nicht gewachsen. Er ist schlecht im Team, da er jede Kritik persönlich nimmt. Er bleibt oftmals starr bei seinem Kurs. Allerdings ist er praktisch und eindimensional gewinnorientiert ausgerichtet.

Typ 8 neigt zum Raubbau an sich selbst und leidet häufig unter stressbedingten Erkrankungen (wie Typ 3), da er bis zum Umfallen arbeitet. Er kann sich schlecht stoppen, weil er immer der Erste sein will und sich nur in Siegerpose selbst leiden kann. Typ 8 liebt die Macht.

In unserer Gesellschaft ist es für Frauen schwierig, Typ 8-Eigenschaften zu leben, die als enterotisierend (Margaret Mead) angesehen werden. Solche Frauen werden entweder als nymphoman und männermordend oder als "Blaustrümpfe" disqualifiziert. Charakteristische Eigenschaften des Typ 8 zeigte G.I. Gurdjieff, der seinen Finger stets auf die Schwächen seiner Schüler legte. Außerdem ist der weltweite Terrorismus ein Ausdruck der negativen Energie dieses Reaktionstyps, der sich notfalls mit Gewalt für seine Vorstellung von Gerechtigkeit einsetzt.

frühkindliche Erfahrungen:

Typ 8 hat oftmals in seiner Kindheit die Erfahrung gemacht, dass die Welt nur dem Starken etwas gibt. Er ist häufig unterdrückt und herumgestoßen worden oder wurde von seinen Eltern für das Zeigen von Stärke belohnt. Die Grunderfahrung von Typ 8, dass das Leben hart und feindlich ist, haben ihn dazu gebracht, dass er Konflikte geradezu sucht. Typ 8 macht der Ausdruck von Aggressivität Spaß und er sieht ihn als Kommunikationsmittel an (männlicher Kommunikationsstil nach Deborah Tannen ).

Der achte Reaktionstyp hat sich auch teilweise bei Kindern sehr liberaler Eltern ausgebildet. Die Kinder testeten aus, wo die Grenzen liegen und tun das noch heute als Erwachsene.

unbewusstes Verhalten:

Zunächst ist Typ 8 immer gegen neue Ideen, Menschen und Gedanken. Er gibt sich aus Selbstschutz aggressiv und mächtig, auch wenn er es gar nicht ist. Ferner ist der unbewusste Typ 8 abstoßend rechthaberisch und beleidigend überheblich.

bewusstes Verhalten:

Typ 8 kann - ist er sich seiner Schwächen bewusst - gut führen und bei anderen die Bereitschaft erzeugen, ihm begeistert zu folgen. Die Geführten spüren, dass er das erreichen wird, was er sich vornimmt, da Hindernissen ihn herausfordern und er direkt handelt.

Lernaufgabe:

Typ 8 muss lernen, seine subjektiven Bedürfnisse nicht mit objektiver Wahrheit zu verwechseln und sein schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Denken aufzugeben. Außerdem muss er seinen Zorn zu beherrschen lernen. Der Zorn stellt einen Automatismus des Typs 8 dar, der ihn schadet. Die eine Schattenseite des Typs 8 wird vom Typ 2 realisiert, der auf den anderen ausgerichtet ist und eine hohe Sensibilität für soziale Prozesse besitzt. Die andere Schattenseite personifiziert Typ 5, der zurückhaltend und meist klug handelt.

Typ 9: Der Geniale

Grundeigenschaften: natürlich, lieb

frühkindlich: wurden in Kindheit wenig beachtet oder mussten zwischen beiden Elternteilen vermitteln oder wurden verwöhnt

unbewusst: träge (fatalistisch), faul (acedia), angepasst, entscheidungsschwach, konfliktscheu

bewusst: ausgleichend, sozial stabilisierend

Lernaufgabe: einen eigenen Standpunkt zu finden, Überwindung der Trägheit und Ausbildung eines "gesunden" Selbstbewusstseins

Ergänzung:
Typ 3: Aktivität
Typ 6: Revolte gegen die Autorität

Typ 9 liebt den Frieden über alles und kann andere Menschen vorurteilslos akzeptieren. Er wirkt lieb und ist der ideale Vermittler in schwierigen Situationen, da er sich nicht nur bestens in beide Seite hineinfühlt, sondern auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzt.

Typ 9 ist um Neutralität bemüht und sieht differenziert alle Seiten einer Sache. Befindet er sich in einer Führungsposition, kann er am besten mit hochmotivierten und mitdenkenden Angestellten arbeiten, die selbständig arbeiten können. Bei Mitarbeitern, die klare Anweisungen und genaue Führung verlangen, scheitert dieser Führungsstil, der wenig eingreift. Hier wird oft die Haltung des Wu Wei praktiziert, was in der taoistischen Philosophie Chinas soviel wie Nichteingreifen bedeutet - eine ökologisch sinnvolle Haltung.

Die Faszination entfaltet Typ 9 durch sein passives Abwarten und seine Leichtigkeit, mit der er in Trancezuständen verfällt. Im Sinne Gurdjieffs schläft Typ 9 meistens.

Problematisch ist jedoch, dass Typ 9 selten zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden kann. Dadurch lenkt er seine Energien auf Unwesentliches und weicht Problemen aus. Am liebsten schließt sich dieser Enneagramm-Typ den Plänen anderer an. Dann braucht er keine Stellung zu beziehen. Typ 9 hat nämlich große Probleme mit Entscheidungen, die deswegen häufig aufgeschoben werden. Er liebt altbekannte Lösungen, da er gewohnheitsgemäß handelt. Sieht Typ 9, dass viel zu tun ist, lähmt ihn das. Unter Stress erstarrt er, und er ist mit schnellen Entscheidungen überfordert. Er fühlt sich so schnell überfordert, da er sich nur schwer auf die Prioritäten in seiner Arbeit konzentrieren kann. Er hat oft das Gefühl, in Situationen hineingeraten zu sein, statt sich für sie entschieden zu haben.

Probleme im Geschäftsleben entstehen für ihn, weil er nicht Nein sagen kann. Aber er setzt sich durch seine Sturheit durch. Typ 9 stört Routinearbeit wenig. Er braucht feste Strukturen, in denen er produktiv arbeitet und sich genau an Vorschriften hält. Er kann mit großer Konzentration und Sorgfalt Routinearbeiten durchführen. Er liebt automatisches Handeln und übernimmt ungern Risiken. Ist der Handlungsablauf klar und müssen nicht ständig Entscheidungen gefällt werden, kann Typ 9 ein guter Führer sein, der seine Mitarbeiter vorbildlich unterstützt, gut zuhört und sich in andere hineinversetzen kann. Typ 9 liebt es, eine entspannte Arbeitsatmosphäre zu schaffen und ist deswegen ideal im Team - solange es dort keine Konflikte gibt, aber in der Umgebung eines Typ 9 gibt es erstaunlich wenig Konflikte.

Die Ureinwohner von Drittweltländern zeigen oft Charakteristika des neunten Enneagramm-Typs, so dass Rohr/Ebert glauben, dass ursprünglich die Menschen weitgehend wie Typ 9 reagierten. C.G. Jung lebte das Prinzip des befreiten Typ 9, indem er eine Psychologie der Integration begründete (coniunctio).

frühkindliche Situation:

Typ 9 wurde als Kind weitgehend ignoriert, da seine Eltern überstark und nur an sich interessiert waren (oft Kind eines mächtigen Vaters), oder er musste zwischen beiden Elternteilen vermitteln, so dass er sich ständig in die Bedürfnisse der anderen hineindenken musste. Andere Menschen dieses Enneagramm-Typs stammen aus einem harmonischen Elternhaus, in dem es wenig Gefühlsschwankungen gab und in dem sie verwöhnt wurden, so dass sie zu trägen, aber selbstzufriedenen Erwachsenen wurden.

unbewusstes Verhalten:

Typ 9 ist entscheidungsschwach und weicht jeder Anstrengung aus, da er sich den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen fühlt. Er fällt nicht auf, ist antriebsschwach und initiativlos. Er legt sich ungern fest und kann äußerst stur sein und sich dadurch bestens durchsetzen.

bewusstes Verhalten:

Er ist ehrlich und besitzt ein Talent, anderen zu helfen und zu vermitteln, nicht zuletzt, weil er zuhören kann. Er trägt keinen psychischen oder intellektuellen Ballast mit sich herum und bemüht sich stets, einfach und klar zu sein.

Lernaufgabe:

Typ 9 muss ein Selbstwertgefühl entwickeln und versuchen, seine Trägheit zu überwinden, er muss lernen, sich offen durchzusetzen und nein zu sagen. Das lässt ihn zufriedener werden. Seine beiden Schattenaspekte werden von den Typen 3 und 6 personifiziert. Typ 3 zeigt Typ 9 die aktive Seite des Lebens und Typ 6 führt ihn die Revolte gegen Autoritäten vor, denen sich Typ 9 fraglos unterwirft.

Entlastung und Stress im Enneagramm

Stresssymptome

Meiner Auffassung nach zeigt das Enneagramm Wege auf, wie man sich seiner Begrenztheit in Stresssituationen nicht nur bewusster wird, sondern sie auch abbauen kann. Dazu gibt es aus der Tradition der sogenannten Schulen des vierten Weges Bewusstseinsübungen, die einen anleiten, sich seiner selbst bewusster zu werden und damit Energien einzusparen, die man zielgerichteter einsetzen kann.

Die relativ einfachen und deswegen so effektiven Bewusstseinsübungen des Enneagramms helfen dem Anwender bei der Stressreduktion, da sie ihm seine Energielöcher klar erleben lassen. Es stellen sich die Fragen:

Wie komme ich aus Fixierungen, Zwanghaftigkeiten und den damit verbundenen Stress heraus?
Wie bemerke ich überhaupt mein Scheuklappendenken?

Das geschieht weitgehend durch

Auf dem Desintegrationskurs verschärft sich die Kluft zwischen Wissen und persönlichen Defiziten und dadurch klammert man sich an seinen Persönlichkeitstyp und erstarrt. Die Scheuklappensicht spitzt sich zu (vgl. auch den Begriff des Charakterpanzers nach Wilhelm Reich). Als Gegensteuerung ist es wichtig, offen zu sprechen. Dazu braucht man Freunde. Mentale Konzepte wie das des Ennea-gramms helfen zur Veränderung, da Verstehen entlastet.

Teambildung

Die inneren Linien des Enneagramms sind wichtig bei der Teambildung zu betrachten. Letztlich steht die Idee dahinter, dass ein ideales Team aus 9 Personen besteht, die die unterschiedlichen Enneagramm-Eigenschaften personifizieren. In einem kreativen Team kommt es darauf an, dass sich die einzelnen Teammitglieder ergänzen. Das bedeutet, dass sie durch die inneren Linien des Enneagramms miteinander verbunden sind. Ein Typ 1 im Team ergänzt sich zum Beispiel mit einem Typ 7 oder auch mit einem Typ 4, wenn er sich durch letzteren nicht irritieren lässt.

Die unterschiedlichen Bewusstseinsebenen

Die 9 Typen drücken sich auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen aus. Stark gestörte Persönlichkeiten findet man nicht nur in der Psychiatrie sondern auch an der Spitze großer Betriebe. Speziell manische Tendenzen, wie sie beispielsweise beim Typ 3 auftreten können, sind dort nicht selten vorhanden. Die neun Typen treten nicht nur in einer bewussten und unbewussten Form auf, sondern sie können sich auch als stark neurotisch geprägt, als Borderline oder gar als psychotisch zeigen. Je pathologischer der Typ ausgeprägt ist, desto zugespitzter zeigen sich seine Eigenschaften.

Die Suchtproblematik

Jeder Typ kann in verschiedene Bewusstseinsgrade unterteilt werden. In diesem Zusammenhang ist das Suchtthema wichtig. Jeder der 9 Typen kann Suchttendenzen ausbilden.

Suchtthema am Beispiel von Typ 3: Arbeit tritt als Suchtfaktor auf. Dieser Suchtfaktor baut darauf auf, dass Erfolg als hoher Lustgewinn erlebt wird. Da die Stärke eines jeden Typs zugleich seine Schwäche ist, kann sich die Stärke verselbständigen und suchthaft werden. Alles kann im Grunde zum Suchtfaktor werden, so z.B. Perfektion bei Typ 1, Dienen bei Typ 2, Arbeit bei Typ 3, tiefe Gefühle und ihr dramatischer Ausdruck bei Typ 4, die distanzierte Betrachtung der Welt und der Rückzug bei Typ 5, der Zweifel bei Typ 6, das spielerisch Oberflächliche und der "Thrill" bei Typ 7, die starre Sicht der Welt bei Typ 8 und die Vermittlerrolle bei Typ 9.

Praktische Bestimmung der Enneagramm-Typen

Neben unseren Fixierungen zeigt die Typenlehre auf, wie welche Menschen mit-einander auskommen, was voraussichtlich ihre Reibungspunkte sein werden und wie sie sich in einem Team oder einer Partnerschaft kreativ ergänzen können. Wenn ich weiß, wo meine Schwächen liegen, kann ich meine Mitarbeiter dementsprechend wählen. Die Frage stellt sich sogleich: Wie kann man den anderen einschätzen? Die Beobachtung ist das beste Einschätzungsmittel. Wenn man sich selbst einschätzen kann, kann man auch andere einschätzen. Verlassen Sie sich auf Ihre Intuition! Ferner gibt es Enneagramm-Tests. Allerdings sind die 9 Typen nicht signifikant unterschieden, das bedeutet, sie sind nicht trennscharf von einander abgegrenzt. Das bringt einen Vorteil mit sich, da Persönlichkeitseigenschaften niemals trennscharf sind und so eine nicht-signifikante Unterscheidung der Typen der Realität entspricht. Trennscharf unterscheidende Typenlehren (z.B. Hippokrates, Galen bis hin zu C.G. Jungs Typenlehre) sind idealtypisch und nicht real.

Es ist aber nicht nur wichtig, den Wahrnehmungstyp zu erkennen, sondern auch welche Wahrnehmungstendenz man nicht einnimmt.

Das Prozessmodell des Enneagramms

Die 9 Typen des Enneagramms besitzen keinerlei Affinität zu den 9 Schritten, die das Enneagramm bei einem Prozessablauf unterscheidet. So hat beispielsweise der dritte Enneagramm-Typ keine spezielle Verbindung zum dritten Enneagramm-Punkt des Prozessmodells. Typenlehre und Prozessmodell stellen zwei unterschiedliche Sichtweisen der Realität dar.

Das Prozessmodell des Enneagramms ist ein Werkzeug im Sinne einer Landkarte zur Erkenntnis von Prozessabläufen. Das Dreieck repräsentiert in diesem Modell die allgemeine Struktur eines jeden Prozesses, das Sechseck die individuelle Ausprägung des betrachteten Prozesses. Die Dreiecksspitzen stellen jene Punkte dar, an denen ein Prozess gerichtete Impulse von außen benötigt - z.B. die Anleitung durch einen Lehrer oder Therapeuten, der heutzutage im gewissen Sinne die Rolle des Schamanen einnimmt.

Zunächst zeigt uns das Prozessmodell an, wo wir zur Zeit in unserer Entwicklung als Individuum stehen und was wir von dieser Position aus sehen und nicht sehen können. Zugleich gibt es Empfehlungen, wie man diesen Ort verlassen kann. Es zeigt z.B. auf, wie das festgefahrene Stressverhalten des dritten Enneagrammtyps (leistungsabhängiger Workaholik) praktisch geändert werden kann.

Besonders erklärt uns das Prozessmodell, wie wir immer wieder in fruchtlose Wiederholungen fallen. Das ist die Freudsche Neurose, man kommt nicht aus dem circulus vitiosus heraus (Freud definierte die Neurose als die uns unglücklich machende Wiederholung). Wenn man von Punkt 4 nicht nach Punkt 5 springt, fällt man in die Wiederholung zurück, was schon die inneren Linien des Enneagramms anzeigen, die von Punkt 4 aus nur zurück auf Punkt 1 und 2 verweisen. Das heißt, man fällt vom Krisen-Punkt 4 auf den Punkt 1 oder 2 zurück, da man die Schwierigkeiten einer Veränderung leid ist und den Zuständen nachtrauert, in denen man naiver und, wie man meint, zufriedener war.

Der Übergang von Punkt 4 zu Punkt 5 ist der Sprung in das Unbekannte, die Jungsche Nachtmeerfahrt des Helden. Diese Nachtmeerfahrt des Helden geht auf die keltische Vorstellung der imrama (Seefahrtgeschichten) zurück, die vor der Geschichte von den 3 Reisen Sindbads aus 1001-Nacht entstanden. Die berühmteste dieser Nachtmeerfahrten ist jene des Odysseus (Odyssee), der über das die Gefühle symbolisierende Meer fährt, um auf viele weibliche Mysterien zu stoßen. Dieser Sprung von Enneagramm-Punkt 4 zu 5 wird durch einen Paradigmawechsel charakterisiert. Dabei herrscht am Punkt 4 eine Paradigmaunsicherheit vor, d.h. dass die alten Paradigmen als nicht mehr sinnvoll erlebt werden. Das erzeugt eine Krise, die stets dann auftritt, wenn große Unsicherheit entsteht, da man keine Orientierungspunkte mehr besitzt. Man könnte eine Krise als die übergroße Abweichung vom Erwartungshorizont eines Individuums ansehen. Solche Abweichungen machen Angst, und diese Angst bietet nach dem alten Spruch der Gestaltpsychologie "Wo die Angst ist, geht`s lang" eine große Chance, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Diese neue Richtung zeigt sich am Enneagramm-Punkt 5, an dem die beiden inneren Linien nach vorne, aufs Ziel hin weisen. Übrigens legt diese Auffassung des Krise nahe, dass durch eine bewusste Hervorbringung einer Krisensituation Bewusstseinsfortschritte zu erreichen sind.

Charles Howard Hinton (1853-1907) verfasste viele Aufsätze und Bücher über das Problem der vierten Dimension, die von Albert Einstein abends im Bett gelesen worden sind. Hinton geht davon aus, dass nur aus der vierten Dimension die dritte voll erkannt werden kann. Im Sinne Gurdjieffs und des Enneagramms könnte man behaupten, dass der Sprung von der rechten auf die linke Seite des Enneagramms ein Übergang von der dritten in die vierten Dimension darstellt, der die Wahrnehmung erweitert. Um jedoch diesen Übergang vollziehen zu können, muss es so etwas wie Hintons Verlerner geben. Der Verlerner beseitigt Konventionen und befreit damit den Geist, um ihn zur Kreativität zu öffnen. Intuition und Kreativität, die auf der linken Seite des Enneagramms angesiedelten sind, bedürfen des Verlernens der Konventionen, Automatismen und Mechanismen, ohne die nichts Neues gesehen, gedacht und geschaffen werden kann. Aus diesem Grund ist zu betonen, dass man sich beim Übergang von Punkt 4 zu Punkt 5 von allen mechanischen Überzeugungen, Wahrnehmungen und Handlungen zu befreien hat. Die rechte und linke Seite des Enneagramms stellen zwei unterschiedliche Welten dar.

Man möchte aus dem Beruf aussteigen, eine Weltreise machen mit Kind und Frau oder hat mit 50 - 55 das Gefühl, die Leistungsanforderungen nicht mehr erfüllen zu können. All das ist von diesem Übergang von Punkt 4 zu 5 geprägt und erfordert Mut und den Sprung in Ungewisse. Aber ohne Kühnheit sieht man im wahrsten Sinne des Wortes alt aus. Auch wenn man sich neben Berufsleben dem eigenen Leben intensiver zuwenden möchte, ist damit dieser Übergang angesprochen, der sich durch Krisen und Ängste bemerkbar macht. Das ist immer der Fall, wenn man seine Prioritäten verschiebt.

Zur psychischen Gesundheit ist es wichtig, Brüche im Leben aufbauen. Der zeitgenössische Philosoph Sloterdijk schreibt, dass wir in einem Zeitalter der Beschleunigung - d.h. der Automatismen - leben. Wenn man bewusst sein Tempo verlangsamt, kann man sich eher seiner Wiederholungen bewusst werden. Wenn man unrastig wird, wenn man in seine Arbeit vertieft ist und immer wieder herausgerissen wird, ist es höchste Zeit, Pausen und Brüche in sein Leben einzubauen. Wie schon der Volksmund sagt, empfiehlt es sich, fünf Atemzüge Pause einzulegen, ehe man weitermacht. Das weiß jeder, aber selten einer bringt die Disziplin auf, es zu tun.

Dieses von mir entwickelte Prozessmodell des Enneagramms gibt einen gangbaren Weg wieder, wie man seine Persönlichkeit verstehen, verändern und somit mehr Freiheit erleben kann. Normalerweise fühlt man sich durch seine Verhältnisse eingeengt, was jedoch eine Widerspiegelung der eigenen Persönlichkeitsstruktur darstellt. Freiheit zu erleben, bedeutet seine Persönlichkeit zu entwickeln, so dass man seine Umwelt und sich selbst differenzierter wahrnehmen wird. Stress ist Einengung, Bewusstsein ist Freiheit.

Schauen wir uns jetzt genau den Steßablauf im Enneagramm an:

Der Stressablauf im Enneagramm

Die rechte Seite des Enneagramms bildet eine Perspektive, die linke Seite des Enneagramms die andere Perspektive. Man muss sich von dem einen Wahrnehmungsmodus (rechte Seite des Enneagramms), der automatisiert ist, in einen anderen Wahrnehmungsmodus begeben. Das geschieht durch

Das entspricht einem freiwilligen Opfer unserer automatisierten Persönlichkeitseigenschaften, mit denen wir uns identifizieren und die uns vorgebliche Sicherheiten geben.

Dass man immer nur in einer Perspektiv hängen bleibt, zeigt sich an ganz bestimmten Wahrnehmungsphänomenen: Wenn Sie in Ihrem Leben eine Häufung von Déja-vu-Erlebnissen bemerken, ist Ihre Wahrnehmung durch Erstarrung überfordert. Sie sehen immer wieder alles so, als sei es schon einmal vorgekommen. Ihr Wahrnehmungsapparat ist derart starr geworden, dass er alles so aufnimmt, als sei es schon einmal vorgekommen. Neues kann nicht mehr als Neues wahrgenommen werden. Das Wiedererkennen einer bekannten Struktur ist für die Begriffsbildung und das Überleben zwar notwendig, aber es behindert die Erkenntnis der Kreativität, die Neues erahnen und erkennen lässt.

Wenn wir unsere Wahrnehmung einschränken, schränken wir zugleich unseren Horizont ein und bleiben auf der rechten Seite des Enneagramms. Diese Wahrnehmungsbeschränkung bedeutet nicht nur eine Bewusstseinsbeschränkung sondern auch Stress. Nur ein flexibles Bewusstsein kann komplexe Informationen aufnehmen. Bleibt das Bewusstsein auf der rechten Seite, kommt es zu Vermeidungsverhalten und dieses Vermeidungsverhalten kostet Energie und erzeugt damit Stress. Vermeidungsverhalten führt zu Fehlentscheidungen, da man das Typische einer Struktur nicht mehr erkennen kann. Oftmals werden in dieser Situation die Fehler bagatellisiert, wodurch letztlich Kalamitäten zu Katastrophen werden.