© für alle Freundesbriefe Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk

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20 Über den postmodernen Roman und Träume > August 2011

19 Der „letzte Freundesbrief > April 2011

18 Ein Kapitel aus meinem Roman  > August 2010

17 Das Bild des Seeräubers Teil 2 – Piratinnen > März 2010

16 Das Bild des Seeräubers Teil 1 – Piraten > Januar 2010

15 Die Farbe Blau > August 2009

14 Das jenseitige Schwarz > Mai 2009

13 Harmonie und Dissonanz > Januar 2009

12 Die Farbe Weiss > August 2008

11 Design, Kommunikation und Anderes > Ostern 2008

10 Der Traum vom Norden > September 2007

9  Jan Mayen > Juli 2007

8  Piratin und Pirat > Januar 2007

7  Sinn > Dezember 2006

6  Überlegungen zur Symbolik > Jul 2006

5  Zeit im Traum > April 2005

4  Nachdenken über Rot > November 2004

3  Gedanken zum Tussen > Juli 2004

2  Der Traum als Schrift > Mai 2004

1  Grundsätzliches Vorgehen bei der Traumdeutung  > Februar 2004

 

 

Freundesbrief 20

19. August 2011

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

oh dear, da schrieb ich kühn, ich würde keinen Freundesbrief mehr schreiben und stattdessen bloggen. Mein Blog http://kbvollmarblog.wordpress.com/ hat sich aber zu einem literarischen Blog entwickelt, in dem die beiden BuchFeen Siri und Selma von Exzentrikern in meinem kleinen Dorf am Meer und ihrem Alltag hier berichten (mit Fotos) und über Literatur schreiben. Alles, was mit dem Norden (Skandinavien und Arktis) zusammenhängt, ist in dem Blog http://toffeefee.wordpress.com/ zu finden. Durch diese Entwicklung fehlt mir jedoch die Möglichkeit, über meine Termine und Projekte zu informieren. So habe ich mich entschlossen, zweimal jährlich, bevor ich auf Tournee gehe, wieder einen Freundesbrief zu versenden. Und dies ist der erste „Kurzfreundesbrief“. Viel Spaß beim Lesen.

Herzliche Grüße aus dem sonnigen, aber heute ziemlich windigen Cley

Klausbernd Vollmar

BÜCHER

Im sonnigen, aber erschreckend trockenen Frühjahr, wir hatten kein Regen zwischen dem 25. Februar und Ende Juni, stellte ich mit meinem klugen Lektor Dr. Martin Haeusler meinen Roman „Tantes Tod“ fertig, der nun bei Knaur Belletristik geprüft wird, ob er so veröffentlicht werden kann. Einige fragten mich neugierig, worum es geht. Hier die Zusammenfassung:
Merkwürdig ist das schon: Gerrits im Ölgeschäft reich gewordene Tante Viktoria ist verschwunden und ihr Anwalt bietet ihm einen großen Teil ihres Vermögens an. In dem kleinen idyllischen Küstenort, in dem seine Tante gelebt hat, erzählen ihm die Leute, seine Tante sei das Opfer skrupelloser Ölfirmen geworden, da sie aus ökologischen Gründen gegen eine Ausbeutung der arktischen Ölvorkommen gearbeitet habe. Und dann sind da noch die Bedingungen, an die seine Tante die Schenkung geknüpft hat: Heirat und einen Roman zu schreiben. Einige merkwürdige Vorkommnisse und seine Nachforschungen lassen in ihm einen Verdacht keimen: Ist das alles eine Inszenierung, die sich seine Tante ausgedacht hat? Will sie ihn an unsichtbaren Fäden in ein neues Leben ziehen?

Bitte die Daumen halten, dass dieser Roman nächstes Jahr veröffentlicht wird.
Nach dem Abschluss von „Tantes Tod“ las ich von Jan Kjærstad „Der Verführer“, einen Roman, der mich wie lange keiner mehr faszinierte. Ja, ich ließ mich hinreißen, die gesamte Trilogie („Der Eroberer“ und der hochausgezeichnete Roman „Der Entdecker“) zu lesen. Kjærstad ist einfach stilistisch brillant, sorry, wenn ich jetzt ins Schwärmen gerate, aber z.B. seinen Einsatz des Erzählers finde ich genial. Er verdeutlicht dem Leser, das es sich im Roman nicht um eine Abbildung der Realität, sondern um ein Artefakt, ein Kunstprodukt handelt. Da dieser norwegische Spitzenautor neben seiner erstaunlichen Belesenheit auch noch locker erzählen kann, werden seine Romane nie langweilig. Neben dieser Trilogie schrieb Kjærstad mit „Homo falsus“, wie viele Kritiker meinen, einen der wichtigsten postmodernen Romane, der jedoch durch seinen komplexen Aufbau, der viele Brechungen beinhaltet, nicht so unterhaltsam ist, wie die drei Bücher seiner Trilogie, aber dafür ein intellektuelles Abenteuer bietet.
Bei einer Fortsetzung von „Tantes Tod“ werde ich mich sicher von Kjærstad inspirieren lassen. Denn ist es nicht naiv und geradezu falsch, wie Bestsellerautoren wie Dan Brown und Ken Follett zu schreiben, als würde man die Realität abbilden? Kjærstad macht, wie insgesamt der postmoderne Roman deutlich, dass der Romanautor keineswegs eine Realität abbildet, sondern eine schafft, was mir als Autor ehrlicher, wenn auch illusionszerstörend erscheint. Die Kunst ist, dennoch unterhaltend zu erzählen. Oh dear, da muss ich noch einiges lernen. Mir war vor dem Schreiben von „Tantes Tod“ nie klar geworden, wie naiv mein erster Roman „Wasserberg“ geschrieben ist, wie viel Technik das Schreiben eines zeitgeistigen Romans erfordert und dass die Ich-Perspektive häufig ins Triviale des Illustriertenstils abgleiten lässt.

Im Bereich Traum werden drei Bücher von mir im Herbst erscheinen:

Die bearbeitete Neuauflage von „Besser schlafen, besser träumen“ (dieser Titel ließ mir die Haare zu Berge stehen) unter dem neuen Titel „Schlaf und Traum. Besser schlafen – gut träumen“ (Königsfurt-Urania, ISBN 978-3-86826-083-0). In diesem Buch geht es hauptsächlich um Schlafstörungen und wie man sie überwinden kann und über solch unangenehme Vorkommnisse der Nacht wie den Albtraum.

Besonders froh bin ich darüber, dass mein damaliges „Arbeitsbuch der Traumdeutung“, das viele als mein bestes Traumbuch ansehen, Anfang Oktober mit dem Titel „Das große Praxisbuch der Traumdeutung“ (ISBN 978-3-426-87534-6) bei Droemer Knaur herauskommt. Hierin finden Sie einen Überblick über alle Möglichkeiten, mit Ihren Träumen produktiv umzugehen.

Als dritte Neuerscheinung kommt bei Königsfurt-Urania zum Jubiläum von Jung fünfzigsten Todestag „Traumdeutung. Alles, was Sie wissen müssen“ (ISBN 978-3-86826-084-7) heraus – zwar leicht verspätet (um drei Monate) aber immerhin. Sie finden darin meine Verarbeitung Jungscher Ideen zur Traumdeutung, die ich heutzutage teilweise kritisch betrachte. Die Forschungen der letzten Jahre (über die „Die Zeit“ vom 4.8.2011 einen für den Laien verständlichen Überblick gibt) geben Freud weitgehend recht und selbst der amerikanische Psychiater Allan Hobson, der bis vor einigen Jahren es radikal ablehnte, dass Träume eine für den Träumer wesentliche Bedeutung besitzen, argumentiert seit dem letzten Jahr geradezu freudianisch. Nun ist auch er und mit ihm die führenden Traumforscher zu der Überzeugung gelangt, dass Träume wesentlich für die Bewältigung des Alltagslebens sind und dass Sexualität in ihnen eine wichtige Rolle spielt. Einige experimentelle Traumforscher meinen gar, dass Freud die Rolle der Sexualität unterschätzt habe.

Das wär`s. Herzliche Grüße

Klausbernd Vollmar

 

Freundesbrief 19

13. April 2011

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

dieser Freundesbrief wird der letzte Freundesbrief sein, den ich verschicke.

Ende vergangenen Jahres gestaltete ich mit der norwegischen Fotografin Hanne Siebers meine Website www.kbvollmar.de völlig neu. Dazu gehört auch, dass ich dort einen ein Blog eingerichtet habe (der auch direkt über http://kbvollmarblog.wordpress.com/ zu erreichen ist), der den Freundesbrief ablöst.

Die Aufsätze der alten Freundesbriefe finden Sie auf meiner neuen Website.

Was gibt es Neues bei mir?

Roman

Mein Roman „Tantes Tod“ ist fast fertig geschrieben. Ich muss „nur“ noch die Anmerkungen meines klugen Lektors und Freundes Dr. Martin Haeusler einarbeiten, dann übergebe ich das Werk meiner Agentin Dorothée Engel vom Hamburger Buchkontor. Nun überlege ich, wie der zweite Teil aussehen könnte. Wie im modernen Roman üblich, werde ich zunächst ungewöhnliche Charaktere ersinnen, solche, die exzentrisch genug sind, um das Interesse der Leser zu packen. Der abnorme Charakter prägt ja spätestens seit der Romantik die Romanliteratur. Er repräsentiert Schattenbereiche des „normalen“ Lesers und fasziniert deswegen. Wenn ich Leser frage, was sie an Romanen interessiert, sind es zu meiner Verwunderung weniger die Handlungen als die Hauptpersonen. Die Handlung, also das Plot-Design, des zweiten Teils von „Tantes Tod“ ist mir zumindest vage klar. Es wird wohl einen Mord geben, um Sie als geneigter Leser in Aufregung zu versetzen, aber mehr wird noch nicht verraten. – Wie dem auch sei, mich hat das Romanschreiben gepackt, das eine völlig andere Art des Schreibens darstellt als das Schreiben von Sachbüchern. Mich fasziniert daran, wie ich mich als Autor ständig selbst überrasche, wohin sich der Text entwickelt. Bisweilen ist es erschreckend wie peinlich, wie ich mit meinen eigenen Ängsten und Macken bei dieser Art des Schreibens konfrontiert werde. Meinen ersten Roman „Wasserberg“ schrieb ich dagegen mit naiven Schwung, aber die Zeiten änderten sich und vor allem bin ich älter und vielleicht auch komplizierter geworden (charmant ausgedrückt: differenzierter).

Sachbuch und Aufsätze

Anfang des Jahres kam „Schlaf und Traum“ (Königsfurt-Urania) von mir heraus, ein Sachbuch, das sich mit dem gesunden Schlaf und der Selbsthilfe bei Schlafstörungen auseinandersetzt. Das Buch wurde anmutig von Antje Betken bebildert, die schon zusammen mit mir „Magie der Farben“ gestaltete. Ich habe mich entschlossen, nur noch schön gestaltete Sachbücher zu veröffentlichen, die Zeit der Bleiwüsten ist vorbei. So versuche ich gerade mit Antje, für meinem Bestseller „Handbuch der Traumsymbole“ eine Bebilderung zu erarbeiten, die jedes Nachschlagen zur Freude werden lässt.

Außerdem erwäge ich mit meinem Verleger Johannes Fiebig, mein „erstes Lebenswerk“, das allgemeine Symbollexikon „Welt der Symbole“ als zweibändige Ausgabe wieder herauszubringen. Die Nachfrage nach diesem Werk war so groß, dass alle Ausgaben, selbst jene, die im Netz angeboten wurden, vergriffen sind.

Anfang des Jahres kam „Die Weisheit der Träume“ in einer kroatischen Ausgabe heraus, weitere Übersetzungen meiner Bücher in Kroatisch werden folgen.

Einen längeren Aufsatz über Farben schrieb ich für das Goethe-Institut in Osaka. Regelmäßig werden Sie umfangreichere Aufsätze von mir zu den Themen Traum und Farbe in der Berliner Zeitschrift Berg.Link www.berglink.de finden und versäumen Sie nicht meine monatliche Traumkolumne im KGS Berlin www.kgsberlin.de.

 Das wär`s. Herzliche Grüße vom sonnigen Meer

 Klausbernd Vollmar

Freundesbrief 18

August 2010

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

unverhofft bekam ich für die letzten beiden Freundesbriefe über die Piraten großes Lob von der Urenkelin von Grace O`Malley, jener großen irischen Piratin, – naja, immerhin ... einen Autoaufkleber mit Piratenfahne bekam ich auch, einige Piraten-Shirts, einen Ohrring mit Haifischzahn (den ich bei jeder Ausfahrt trage) und echt gute Piratentattoos als Abziehbilder, mit denen ich Eindruck schinden wollte. Das jedoch ging schief. Als ich in der Sauna an der richtigen Stelle am Oberarm Totenkopf über gekreuzten Krummschwertern stolz präsentierte, begannen diese zu bröckeln, was meine Freundin Guni zu einem enttäuschten Ausruf „Feigling!“ provozierte. Aber immerhin fuhr ich bislang so häufig wie nie zuvor mit meinem Boot unter der Piratenfahne aufs Meer hinaus, allerdings vergaß ich völlig das Entern. Es waren bislang auch keine verführerischen Prisen in Sicht.

Schon das Frühjahr und erst recht der Sommer waren fürchterlich trocken und heiß, ständig musste ich Wasser in meinen Garten schleppen, aber dafür hatte ich auch eine beachtliche Tomaten-, Feigen- und Artischockenernte. Eine liebe Freundin half mir, viele Gläser mit feinem Feigensenf einzukochen, es gab kandierte Feigen als Nachtisch und die Tomaten aßen wir gleich vom Busch. Irgendwann zwischendurch flog ich für eine Woche nach Frankfurt, wo ich für den Sender FFH eine Traumwoche bestritt. Ein super Team begrüßte mich dort und die Aufnahmen machten viel Freude, was auch bei den Hörern ankam. Eine kleine Unterweisung in Mediendarstellung fiel auch noch dabei ab.

Die Zeit seit dem letzten Freundesbrief war außer von der Gartenarbeit meistens vom Konzipieren und Schreiben von zwei Romanen geprägt. Ich liebe es, sich in fiktionale Welten zu verspinnen, die bei genauerer Betrachtung gar nicht so fiktional sind. Das Schreiben eines Romans besitzt für mich eine therapeutische Wirkung, da Stil und Thema einen doch erschreckend entlarven. Ich las aus meinen bislang unveröffentlichten Werken öfters vor geladenem Publikum und fand in Dr. Martin Haeusler nicht nur einen alten Freund wieder, sondern auch einen hervorragenden Lektor, der kurzerhand sogleich die Erzählperspektive von „Tantes Tod“, wie mein Werk heißen soll, veränderte. Erstaunlich, wie das sogleich den gesamten Text verändert, allerdings auch viele andere Fragen aufwarf, wie z.B. die der Spannungserzeugung. Ich hätte nie gedacht, dass einen Roman zu schreiben, derart viel Technik voraussetzt, obwohl ich bereits vor fast 30 Jahren mit „Wasserberg“ einen ganz erfolgreichen Roman veröffentlichte. Aber das war eine Jugendsünde, nun bemühe ich mich ums „große Werk“ und frage mich: „warum eigentlich?“

Mit herzlichen Grüßen
Klausbernd Vollmar

Hier auf Wunsch einiger Leserinnen und Leser eine kleine Kostprobe aus einem meiner Romane

Grönland bot lange Zeit eine wundersame Projektionsfläche, die Fantasiebeschreibungen und Übertreibungen anzog. Anfang des 17. Jahrhunderts behauptet Blefken in der vielgelesenen Sammlung von Hieronymus Megiser nicht nur, dass Grönland von Bremer Kaufleuten entdeckt wurde (den Vorgängern von Robinson Crusoe), sondern auch dass die Männer dort ein Fass Bier ohne abzusetzen trinken können und die Frauen unkeusch seien und ihre Kinder verschenken. Wale werden böse schauend à la Hieronymus Bosch als Ungeheuer dargestellt und als Seemonster detailliert gezeichnet. Als Bewohner dieser Insel werden dunkelhäutige Erdmännlein und Weiblein beschrieben, wobei die Reize der „Weiblein“ als höchst verführerisch dargestellt werden.
Die Männlein mit Bärten bis zum Eis des Bodens und die geilen Weiblein – die Blefken als „unvernüfftige Thier“ bezeichnet - habe ich leider nicht gesehen, aber immerhin bekam ich von diesem Autor den Tipp, wie man sich in Grönland seine Füße warm hält: Man rollt mit seinen Füßen ständig runde Hölzer, wodurch sie warm bleiben.
Mehr hat mich jedoch der Windzauber interessiert, den man in Grönland pflegt. Günstige Winde werden in ein Taschentuch geknotet und durch das Lösen des Knotens herausgelassen. Mit ihnen segelte mancher Seemann sicher und schnell durchs Eis.

Meine Freundin Poppy, die mich schon beim Gummiwanderstiefelkauf begleitete, hatte mir den Nachdruck von Megisers Büchlein augenzwinkernd in die Hand gedrückt: „Mögest du die verführerischen Weiblein treffen. Und pass auf! Sie werden dir dein Taschentuch verknoten.
Als Liebhaber der Bücher fiel mir gleich auf, dass diese Edition im „Verbrecher Verlag, Berlin“ herausgekommen war. „Verbrecher Verlag“ das versprach Abenteuer, wie auch die Lage jenes kleinen Buchladens im tiefsten Kreuzberg, der diese Büchlein verkaufte. Vor meiner Abfahrt suchten wir nächstens bei kaltem Nieselregen, heruntergekommen verkleidet diesen Ort auf.
Brauchst de wat?“, war das Mantra kapuzenverdeckter Typen mit Hund am U-Bahnhof Yorkstraße. Als Voyeure des Elends ließen wir uns in die Abenteuer-der-Großstadt-Fantasien fallen, die denen der Arktis entgegen standen. Wie auf die Großstadt Gewalt, so projiziert man auf die Arktis noch heute Sex. Dass Inuit ihre Frauen dem Gast anboten, das weiß man, seitdem Werke wie Megisers „Bericht“ verbreitet und immer wieder abgeschrieben wurden. Adam Olearius, der hochgelehrte Bibliothekar des dänischen Königs Friedrichs III., beschreibt im 17. Jahrhundert die Inuit-Frauen als „zur Hurerey freugigst geneiget und bey ihnen kein verbot dawider seyn sol.
Mir wurde kein geiles Erdweiblein angeboten. Schade, dass alte Sitten selbst in Ultima Thule verfallen.

Einst in meiner Jugend bekam ich eine Frau als Gastgeschenk angeboten.
Damals wohnten wir in Schweden. Es war ein verwunschenes Dorf in einem Wald voller Blaubeeren. Rostrote Holzhäuser standen heimelig beieinander, eine Sandstraße führte endlos durch dichte Wälder, vorbei an Seen in die nächste Stadt. Dahin fuhren meine Eltern jeden Dienstag, um einzukaufen und ihre Geschäfte bei der Bank zu regeln. Ich blieb allein im Dorf zurück, wo vormittags ab neun Uhr ein dicklicher Mann mit Backenbart im geröteten Gesicht und altertümlich schwarzen Gehrock zwölf Kinder in einer hellen Stube zu bilden versuchte. Lisa und ich saßen nebeneinander. Wir waren die Ältesten und deshalb mussten wir uns bisweilen um die Jüngsten kümmern, aber erst dann, wenn wir unsere Aufgaben zufriedenstellend gelöst hatten oder Hjalmar, unser Lehrer, zum Krebsfang verschwand. Krebse waren die Leidenschaft, des sonst so liebevoll ruhigen Mannes, der den Unterricht so einfallslos wie angenehm gestaltete – für sich selbst wie für uns. Gerne gingen Lisa und ich mit den Kindern Blaubeeren sammeln. Sie pflückten emsig, wir setzen uns hinter einem dieser grauen Findlinge ins Moos, redeten über unsere Eltern, rauchten verbotenerweise und berührten uns. Ab und zu ermahnten wir die Kleinen, sich nicht zu weit von unserem Stein zu entfernen, da sonst der Troll sie holen komme. Wir verwiesen sie auf diesen großen, bunt bemalten Holztroll, der die Kreuzung zur Glashütte bewachte. Das machte Eindruck.
Lisa und ich malten uns aus, wie es wäre, sich in diesen Wäldern zu verlaufen. Die spannendste Stelle war immer das von ihr erfundene Gewitterszenario. Wir hatten die Richtung des Dorfs verloren, irrten uns bei den Händen haltend umher und dann begann es unweigerlich zu donnern, wilder Wind wehte in den Wipfeln. An dieser Stelle pflegte Lisa sich an mich zu kuscheln, deswegen wehte es noch stärker und länger und bald fielen die ersten Tropfen.
Jetzt erfinde eine Höhle für uns“, beschwor mich Lisa leise und zitternd.
Die Höhle war erfunden, der Regen zog ab und wir trockneten unsere Kleider in der Sonne. An dieser Stelle musste Lisa stets lachen und so gab es immer wieder Regen und Kleidertrocknen. In diesem Sommer regnete es auch wirklich häufig, aber dann saßen wir bei Lisas Mutter in der Stube. Dieser Raum war für mich Heimat. Weiße gehäkelte Gardinen hingen vor den großen Fenstern zum See. Der gusseiserne Ofen strahlte wie immer behagliche Wärme aus. Die Stube war ziemlich leer, ganz anders als in unserem Haus, das ich durch die Häkelgardinen wie eingesponnen am anderen Ufer des Sees stehen sah. Ein großer orangegelber Teppich bedeckte die gescheuerten Fichtendielen, es gab zwei Schaukelstühle, einen Tisch mit Bank und viel freien Raum. An der weißen Stirnwand der Stube hing ein großes Gemälde mit feinen Farbübergängen von Braun über Gelb bis zu einem warmen Rot. Da lagen Farben hinter Farben, die es zu entdecken galt.
Meine Mutter ist eine berühmte Künstlerin“ erzählte mir Lisa stolz, als ich ihr gestand, dass ich dieses Bild sehr mag. „Sie stellt in Stockholm, Göteborg und Malmö aus. Willst mal ihren dicken Katalog sehen?
Lisa legte Wert darauf, dass ich ihr Besuch war. Ihre Mutter begrüßte mich stets als willkommenen Gast. Einen Vater gab es nicht. Mir wurden bröselige Ingwerplätzchen angeboten, die Lisa und ich knirschend zum Kakao mit Sahne knabberten und dabei alte Magazine betrachtete, die in einer Holztruhe im Flur gestapelt waren. Die Mutter zündete dann wie immer alle zwölf Kerzen des Leuchters an, der an einer silbrigen Kette vom Deckenbalken hing. „Damit ihr euch die Augen nicht verderbt“, wie Lisas Mutter jedes Mal lachend sagte.
Als wir eines Tages alle Magazine durchgeblättert hatten, setzte sich Anna-Lena, Lisas noch junge Mutter zu uns. Ich fühle noch heute, nach über vierzig Jahren, wie mir ganz warm wurde, weil sie so schön war. Lisa war anmutig, ihre Mutter hingegen war die schönste Frau der Welt. Ich konnte nicht anders, ich musste sie immer verstohlen anschauen. Sie trug an jenem Tag ein einfaches blaues Kleid und ihre strohblonden Haare offen. Der Regen prasselte gegen die Scheiben, es roch angenehm nach Holzfeuer.
Heute weiß ich, dass Lisas Mutter um ihre Wirkung auf mich wusste.
Auch Lisa war blauäugig und blond, so wie man sich ein Schwedenmädchen vorstellt. An diesem Tag kam sie in einem weißen Kleid, das ihre gebräunte Haut fein kontrastierte, ihre festen Brüste und schlanke Figur betonte. Ich mag Lisas Nase, fiel mir auf.
In alten Zeiten“ begann Anna-Lena, „war es im Norden Sitte, dass man einem lieben Freund seine Tochter anbot – wenn diese einverstanden war. Lisa ist einverstanden. Ja, was soll ich noch mehr sagen? Morgen fahre ich für ein paar Tage zu Eröffnung meiner Ausstellung nach Göteborg. Du kannst solange hier wohnen. Ich ruf an, bevor ich zurückkomme.
Lisa und ich waren glücklich. Wir waren es auch noch nach vier Tagen, als mein Vater mich nach Hause bestellte.
Da saß er ernst in seinem Sessel in unserem vollgestopften Wohnzimmer am großen Glastisch. Das war Wilhelm: bartlos, glatte Haare von einer unbeschreiblichen dunklen Farbe, eine Metallbrille vor den braunen Augen. Sein Bauch war mir ebenso peinlich wie seine hellbraune Cordjacke, die immer etwas schlampig wirkte und gar nicht zu dem exakt geordneten Haar passte. Lea war in Hamburg „ihre Geschäfte regeln, wie es hieß.
Mein Sohn“ setzte Wilhelm, wie ich meinen Vater nannte, nicht unfreundlich an, „lass dich nicht vom Geruch der Frauen verführen.
Er schenkte sich ein Glas Rotwein ein und bot auch mir eins an, das ich verwirrt annahm, während ich darüber nachsann, was er meinte. Lisa roch gut, Lea und Anna-Lena auch, dachte ich. Wilhelm roch nach dem Rasierwasser, das ich ihm zu seinem Geburtstag geschenkt hatte.
Frauen machen dich unfrei, ruinieren deine Karriere. Außerdem bist du noch viel zu jung.
Ich verstand. Nickte, trank und bedankte mich für die Unterweisung, wie Wilhelm es erwartete, und ging zu Lisa. Ich redete nie über diesen Vorfall, weder mit Lea noch mit Lisa. Fast hatte ich ihn vergessen, bis er hier vor Grönland kurz vor dem Einschlafen wieder auftauchte. Ich glaube, es war das kratzende Eis am Schiffsrumpf, das den gleichen Ton erzeugte wie das gefüllte Glas, das Wilhelm mir über die gläserne Tischplatte zuschob.

***

 

Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt:

Gendler, Ruth J.: Das Buch der Lebensgeister (edition Spuren, Winterthur 2010)
„Das Buch der Lebensgeister“ stellt die verschiedenen Ichs in uns poetisch, witzig und unterhaltsam vor. Es ist ein Buch, in dem man immer wieder blättern kann und Erstaunliches findet. Die einzelnen 75 Kräfte, die in uns wirken, sind kurz dargestellt und assoziativ beschrieben. Und genau das ist die Stärke dieses Buchs, das bereits 1984 in den USA herauskam und seitdem in vierzig Auflagen erschien. Es ist nämlich von keinen esoterischen Ideen oder psychologischen Theorien angekränkelt, wie es sonst bei Büchern dieses Themas üblich ist. Zusammen mit den Strichzeichnungen der Autorin ähnelt es einem fantasievollen Künstlerbuch, das zum Nachdenken anregt. Ein Blick in „Das Buch der Lebensgeister“ lohnt sich und sei es „nur“ zum Schmunzeln.

Rubenfeld, Jed: Morddeutung (Heyne, München 2007)
Eigentlich bin ich kein Krimileser, aber dieser Krimi aus dem Umkreis von Freud, Jung, Brill und anderen Größen der Psychoanalyse hat mich sogleich gepackt. Der Aufhänger ist Freuds Reise nach Amerika um 1909. Während sich Freud in New York aufhält, geschehen Morde, die mit der psychoanalytischen Technik aufgeklärt werden. Parallel dazu wird von den Zwistigkeiten und Intrigen der ersten Analytiker aus dem Umfeld Freuds berichtet. Wenn es sich hierbei auch um fiktionale Literatur handelt, sind dennoch fast alle Fakten dieses Romans bestens recherchiert und unterhaltsam dargestellt. Klug beginnt der Roman mit einer Reflektion von Sinn und Glück, wobei Glück im Hier und Jetzt stattfindet, während der Sinn der Vergangenheit und Zukunft bedarf. Viele solcher scharfsinnigen Beobachtungen durchziehen diesen Freud-Krimi, in dem, wie könnte es anders sein, die Auseinandersetzung mit dem Ödipuskomplex im Mittelpunkt steht. Wollte man etwas kritisieren an diesem Roman, so ist es die Auflösung aller Verwicklungen am Schluss, die zwar einsichtig, aber von der Romanarchitektur zu geballt auf den letzten Seiten präsentiert wird.

Schwarzenbach, Alexis: Auf der Schwelle des Fremden. Das Leben der Annemarie Schwarzenbach (Collection Rolf Heyne, München 2008)
Hierbei handelt es sich um ein aufwändig gestaltetes Buch für Liebhaber. Die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach war eine Frau mit vielen Talenten, die eng mit der Familie von Thomas Mann verbunden war. Wäre sie ein Junge, wäre sie ausgesprochen schön zu nennen, so beschrieb sie Thomas Mann. Annemarie Schwarzenbach bereiste fast die ganze Welt teilweise mit dem Auto von den zwanziger bis in die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, schrieb Romane (ein Text von ihr als Hörbuch liegt dem Buch bei), fotografierte und wurde gerne fotografiert. Diese androgyne Frau starb mit 34 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls. Das Buch zeichnet nicht nur den Lebensweg dieser Frau auf, die, nachdem sie in Vergessenheit geraten war, vor etwa dreißig Jahren als Kultfigur wie James Dean und Andy Warhol, mit denen sie einiges gemeinsam hat, wiederentdeckt wurde. Die Ausgabe ihrer Biografie besticht durch außergewöhnliche schwarz-weiß-Fotografien – sowohl von Frau Schwarzenbach aufgenommen, als auch jenen, die Annemarie Schwarzenbachs eigenartige jünglingshafte Schönheit zeigen. Für diejenigen, die sich für große Frauengestalten und die literarischen Kreise Europas der zwanziger und dreißiger Jahre und für Fotografie interessieren, ist dieses Buch ein Muss.

Sabatini, Rafael: Captain Blood (Unionsverlag, Zürich 2010)
Vor Sabatini muss man die Leser geradezu warnen. Der Roman ist derart packend geschrieben, dass man sogleich alles andere fallen lässt und sein Lesen nicht mehr stoppen kann. Ruinös! Bis fünf Uhr morgens las ich gestern den Roman und heute Abend muss ich ihn zu Ende lesen. Zu recht wird er als größter Piratenroman aller Zeiten gepriesen. Im Gegensatz zu anderen Piratenromanen wie „Die Schatzinsel“ schildert „Captain Blood“ historisch korrekt das Leben der Piraten am Ende des 17. Jahrhunderts. Dennoch hat Captain Blood nicht real existiert, sondern er ist eine Konstruktion aus Colonel Blood, einem bekannten Schurken des 17. Jahrhunderts, und dem berühmten Piraten Sir Henry Morgan (1635-1688), der kometenhaft zum „Admiral der Piraten der sieben Meere“ aufstieg und Spaniens Seemacht empfindlich störte. Sabatini geht in seinem Roman auf Alexander Esquemelin zurück, einem Holländer, der im 17. Jahrhundert mit „The Buccanneers of America“ einen intelligenten Bestseller schrieb, der in viele Sprachen übersetzt wurde. Esquemelin war ein Augenzeuge, der das erste Standardwerk über Piraterie schrieb. Sabatinis Buch ist derart packend geschrieben, dass der Leser das Gefühl hat, selbst Augenzeuge der sich ständig wandelnden Geschehnisse zu sein. Es ist zugleich ein durchweg romantisches Werk, in dem eine Liebesgeschichte nicht fehlt. 1934 wurde der Roman werkgetreu mit Errol Flynn in Hollywood verfilmt. Der Film war ein großer Erfolg, wenn auch Graham Greene die Kostüme kritisierte.

Mosebach, Martin: Der Nebelfürst (dtv, München 2008)
Dieser vielfach ausgezeichnete Roman ist zwar stilistisch gelungen, jedoch eher schlampig im Umgang mit den Fakten. Die Bäreninsel, um die es in diesem Roman geht, wird nördlich von Spitzbergen angesiedelt, wobei ein Blick auf die Karte der Arktis genügt hätte, sie südlich von Spitzbergen zu finden. Mir gefällt jedoch an diesem Roman die Ironisierung der Kolonialpolitik zum Ende des 19. Jahrhunderts und sein Sprachwitz. Dass der deutsche Theodor Lerner die bis dahin herrenlose arktische Bäreninsel 1898 in seinen Besitz nahm, ist ein erstaunliches, aber gesichertes Faktum. Trotz einiger Ungenauigkeiten in bezug auf die Fakten (äußerst schlampig recherchiert) handelt es sich um einen witzigen Hochstaplerroman, der jedoch keineswegs an „Felix Krull“ heranreicht.

 

 

Freundesbrief 17

März 2010

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

auf meinen letzten Freundesbrief zum Thema Piraten erhielt ich erfreulich und erstaunlich viele Rückmeldungen. Manch einer erträumt sich (wie auch ich), in rührender Naivität im kuscheligen Zimmer sitzend, Pirat oder Piratin zur Goethezeit zu sein. Dieser Traum symbolisiert die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit. Er steht für das Ausleben männlicher Kindlichkeit bei Mann und Frau. Der Pirat gibt seinen festen Wohnsitz auf, er nimmt von der Gesellschaft Abschied. Er ist der klassische Außenseiter, der Projektionen des Verbotenen und Anarchischen wachruft. Es reizt das Leben an der Grenze. Natürlich ist solch ein Grenzgänger ein mächtiges Sexualsymbol. Zur erotischen Anziehungskraft des Piraten gehört neben seiner Kühnheit, dass er nie altert.
Wie beliebt Piraten heute sind, zeigt auch folgender Vorfall vom 19. Januar 2010. Der Schädel von Deutschlands berühmtesten Piraten Klaus Störtebeker wurde aus dem Hamburg Museum gestohlen. Haben Sie ihn?

Zur Zeit befinde ich mich auf einer Vortragstour meerfern in Murnau. Es ist der Geburtsort der Künstlergruppierung „Der blaue Reiter“, da dort Wassily Kandinsky und seine Gefährtin Gabriele Münter wohnten und das Paar häufig u.a. von Marc und Jawlensky besucht wurden. Mich erstaunte, dass gerade an einer Hochburg der Nazis sich die Avantgarde der damaligen Zeit traf.
Als mit dem Impressionismus und russischen Formalismus die Künstler begannen, sich von der Abbildung der Wirklichkeit zunehmend zu lösen und sich der Struktur zuwandten, entdeckte Sigmund Freud die allgemeinen Mechanismen unserer Psyche, indem er jene Strukturen erforschte, die sich im Traum zeigen. C.G. Jung prägte in dieser Zeit den wenig überzeugend definierten Begriff des Archetyps. Der Zeitgeist ließ grundlegende Strukturen in den Mittelpunkt des Interesses rücken, was drei Jahrzehnte später im radikalen Strukturalismus seinen Höhepunkt fand, der mit seinem Credo provozierte „Form ist Inhalt“.

Mit herzlichen Grüßen aus Oberbayern
Klausbernd Vollmar

 

Das Bild des Seeräubers

(Teil II)

 

Die reale Piratin

Anne Bonny, Anne Bonny
O Bonny, my honey.
Leben ist ein Wort für Bauch,
Recht ist eins für Blut und Rauch,
Freiheit eins für Strafgesetze.
Und dich, my Bonny, nennt das Pack
Räuberin und Metze 

Englisches Shanty

 

Frauen nehmen sich die Freiheit

Lassen Sie mich mit einer Geschichte über die berühmte Lady Killigrew aus Falmouth beginnen, die in der Mitte des 16. Jh. dem Handwerk des Kaperns wacker nachging. Eigentlich hatte sich die Dame seit einiger Zeit zur Ruhe gesetzt, als sie aus ihrem Fenster im Alter von 78 Jahren ein schnittiges Segelschiff der Hanse in den Hafen einfahren sah. Sie war so begeistert von diesem Segler, dass sie ihn unbedingt besitzen wollte. Und wie gelangt man in den Besitz eines Schiffes? Das war unserer alten Dame klar, die es kurzerhand mit einigen Vertrauten kaperte. Obwohl noch sehr rüstig, hatte sie sich doch bei diesem Unterfangen überschätzt. Sie wurde gefasst, entging aber einer Verurteilung wegen ihres hohen Alters. Nebenbei gesagt: Diese Lady war eine Spezialistin im Entgehen der Strafe. Sie war bereits zuvor (wie im Abschnitt über die Piraten erwähnt) gefasst worden, aber durch den Einfluss ihres Mannes straffrei ausgegangen.
Was ist die Moral von der Geschicht`?
Das Beispiel von Lady Killigrew (ob Gerücht oder historischer Fakt) macht allen Frauen deutlich, dass sie sich die Freiheit zugestehen sollen, sich das zu nehmen, was sie begehren. Sie sollen ihre Tatkraft dafür einsetzen. Das jedoch konnten Frauen damals nur als Piratin, weil das Meer befreit.

Die Triebkraft der meisten Piratinnen wie bei Granuaille und vielen anderen Piratinnen wie Dona Catalina de Erauso, Mary Ann Talbot, Lucy Brewer, bei Mary Read, Anne Bonny und den wikingischen Piratinnen war ihre gnadenlose Freiheitsliebe und die Befreiung von der männlichen bzw. staatlichen Autorität. Die See war der einzige Weg für Männer wie Frauen, den Repressalien der feudalen Gesellschaft zu entkommen. Unter dieser Unterdrückung litten Frauen durch die damaligen strickten Rollenerwartungen mehr noch als die Männer. So war ihre Befreiung als Seeräuberinnen radikaler. Als Piratin waren sie dem Mann gleichgestellt. Deswegen haben Piratenromane und Piratenfilme als zentrales Thema die Freiheit bis hin zur Anarchie.
Dies ist auch heute noch ein aktuelles Thema, da der Staat, an den keiner mehr glaubt, zunehmend mehr Kontrolle ausübt und die Medien und Werbung weiterhin, wenn auch subtiler, Rollenerwartungen zementieren. Dass vom Konsumterror bedrängte Frauen sich kokett mit Piratinnen identifizieren, ist verständlich. Ferner fasziniert die Solidarität der Gruppe. Wieder zeigten sich gerade die Piratinnen in der Lage, geschickt eine Gemeinschaft wilder Menschen unterschiedlichen Hintergrunds zusammenzuhalten.

Auf die Freiheit der Piratin wurde sogleich ihre sexuelle Freiheit projiziert. Es wäre unrealistisch zu behaupten, dass es nicht auch um diese ging. Kühn wirkte es für die damalige Zeit, dass Piratinnen sich ihre Sexualpartner selber suchten, was in Literatur und Film entweder romantisierend mit dem Klischee der Liebe auf dem ersten Blick dargestellt wird oder mit tierischer Geilheit wilder Weiber.
Die romantische Variante ist auf den weiblichen Rezipienten zugeschnitten, der bei den meist konfliktreichen Liebesgeschichten mitzittern kann. Die Emotionalität der Piratin wird der heutigen Rezipientin angenähert, damit diese sich identifizieren kann. Die verliebten Piratinnen sind deswegen unter ihrer rauen Schale meist edle Geschöpfe, d.h. oft adelig oder zumindest doch aus besserem Hause. Auch sie entgehen wie ihre männlichen Kollegen nicht der Verharmlosung zur edlen Wilden.
Die geile Variante ist mehr auf den männlichen Rezipienten zugeschnitten, um seine masochistischen Tendenzen anzusprechen. Der hingabegehemmte Mann - und ist das nicht fast jeder? - findet seine Befriedigung darin, dass er zur Hingabe gezwungen wird. Die Lust unterworfen zu werden, kann die triebgesteuerte Piratin ideal befriedigen. So erzählte man sich Geschichten, dass Piratinnen gefangenen Seemännern befahlen, ihre Hosen herunter zu lassen. Da sahen sie, wer seinen Mann stand. Der war an Bord willkommen, für die anderen gab es die Planke. Einen historischen Beleg konnte ich für diese Fantasien freilich nicht finden. Belegt ist jedoch, dass Piratinnen sich mehrere Männer als Liebhaber hielten, was allerdings in der Geschichtsschreibung häufig so formuliert wird, als ob sich mehrere Männer eine Piratin geteilt hätten. Es kommt eben immer auf die Perspektive an. Sicher ist, dass sich die Piratinnen sexuelle Freiheiten herausnahmen, von denen selbst noch heute die meisten Frauen nur träumen können. Ständig in der Nähe des Tods zu leben, erzeugt eine ganz eigene Freiheit. Es lässt Rollenverhalten und Normen rasch irrelevant werden.

Frauen in Männerkleidern

Ganz so gleichberechtigt integriert in die Männergesellschaft, waren allerdings bei näherer Betrachtung die Piratinnen nicht, wenn auch viele Piratinnen ihre eigenen Schiffe und Mannschaften befehligten. Die meisten Seeräuberinnen wie Mary Read, Anne Bonny und Charlotte de Berry, um nur die Prominentesten zu nennen, mussten sich zumindest auf Deck als Mann ausgeben. Es war ein Tabu und oftmals tödlich, sich als Frau auf einem Schiff zu offenbaren.
Das machte Edward Lloyd am Beispiel der Piratin Charlotte de Berry in seiner „History of Pirates“ (1836) deutlich. Lloyd, ein zu seiner Zeit vielgelesener Autor von Trivialliteratur, ging zwar von historischen Fakten aus, spann diese jedoch weiter, malte sie aus und veränderte sie, wie es dem Publikumsgeschmack entsprach. Aus diesem Grund ist er eine wesentliche Quelle, um die Projektionen auf Piratinnen zu studieren. Er lässt geschichtlich noch korrekt Charlotte de Berry ihrem geliebten Mann auf See folgen. Dazu war es notwendig, Männerkleider zu tragen. Frauen konnten sich damals leicht als Mann verkleiden, da die Mode weite, lose Kleidung bevorzugte. Von einem Offizier wird Charlotte dennoch als Frau entlarvt. Der will sie haben. Er versucht ihren Mann zu töten, was ihm auch fast gelingt, worauf Charlotte diesen Offizier ersticht, da sie um ihr Leben fürchtet.
Mit dem Ablegen der weiblichen Kleidung und Rolle wird dem Leser klar gemacht, beginnt das Verhängnis. Erst der Mord und danach wird unsere Piratin in spe auf ein Piratenschiff entführt, auf dem sie nach ihrer Strafe, der Vergewaltigung durch den Kapitän, eine Meuterei anzettelt und sich zur Piratenkapitänin wählen lässt. So ergeht es einer Frau, die Männerkleidung trägt, will Edward Lloyd seinem ungebildeten Publikum sagen. Ich sehe hierin allerdings auch eine beachtliche Karriere. Selbst heute noch gelingt es wenigen Frauen, Kapitänin zu werden.

Wenn es um Frauen in Männerkleidung geht, wird sicher Mary Read, der Medien-Star unter den Piratinnen angeführt. Sie ist der seltene Fall einer Frau, die von Kindesbeinen an Männerkleidung trug, was historisch belegt ist. Das kam so: Ihre Mutter bekam Geld von Verwandten für einen verstorbenen Sohn. Da sie auf das Geld angewiesen war, kam sie findig auf die Idee, Mary als diesen Sohn auszugeben. Sie wurde zu einer der wenigen Frauen, die beinahe ihr gesamtes Leben in Männerkleidern verbrachte. Vor ihrer Piratenkarriere diente sie nämlich beim Militär. Auffallend ist, dass Defoe, von dem wir am meisten über Mary Read wissen, die Bewunderung ihrer Schönheit hervorhebt und dennoch ist sie die Frau, die die Freiheit besitzt, sich perfekt als Mann zu bewegen. Darin ähnelt sie dem zuvor erwähnten Bartholomew Roberts, nur dass dieser seine Identität wohl nie enthüllt hat.

Dass Frauen Männerkleider anziehen, ist keine Erfindung der Piratinnen. Vielmehr ist es ein Motiv, das seit der griechischen Klassik faszinierte, da es die Geschlechterrolle als soziokulturelles Konstrukt demaskiert. In unserem Kulturbereich finden wir es bei Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Kleist und in Thomas Manns Josefsroman. In der Weltliteratur geschieht dieser Kleidertausch fast immer aus Liebe: die Frau möchte das am Leib spüren, was ihr Geliebter getragen hat. Bei den Piratinnen verhält es sich dagegen eher wie bei Achilles, der Frauenkleidung trug, um sich zu schützen. In der Literatur tragen Frauen viel häufiger Männerkleider als Männer Frauenkleider, denn wie bei den Piratinnen gewinnt die Frau als Mann an Status, d.h. sie nimmt sich Macht. Mit dem Identitäts- und Rollenwechsel durch die Kleidung, der weitaus radikaler als die Verkleidung der Piraten ist, wird die Piratin zum androgynen Wesen, nämlich männlich und weiblich zugleich. Zumindest auf der symbolischen Ebene, und was ist Kleidung anderes als zur Schau getragene Symbolik, lebten die Piratinnen ihren Animus aus und werden so ganz. Zugleich wirkt Androgynität verführerisch, was nicht nur die Verbindung zwischen Mary Read und Anne Bonny dokumentierte. Deswegen werden Piratinnen im Film stets mit großer sexueller Präsens dargestellt. Bei zeitgenössischen Bildern von Piratinnen wird oft der Blick bei den Hosen auf den Schritt gelenkt, der durch auffällige Knöpfe oder Schnüre betont wird. Häufig ist in den Abbildungen ihr Männerhemd so weit aufgeknöpft, dass die Brüste entblößt werden. Solche Männerkleidung steigerte die Verführungskraft dieser Frauen, weswegen sie von anderen Frauen aus Konkurrenzgründen gehasst wurden, was in der Literatur zu dramatischen Eifersuchtsszenen genutzt wird. Wie Lady Killigrew nahmen sich Piratinnen, was sie wollten und stellten damit das herrschende Frauenbild grundsätzlich in Frage.
Mit ihrer männlichen Verkleidung entsprachen Piratinnen zugleich dem Zeitgeist, sie waren sozusagen Avantgarde, denn Travestie war ein Thema, das im 17. und 18. Jh. die intellektuelle Diskussion erregte. Piratinnen lebten das, was intellektuelle Männer rationalisierten.

In diesem Zusammenhang muss Granuaille erwähnt werden, über die Sie weiter unten noch Erstaunliches lesen werden. „Granuaille“ heißt die Glatzköpfige, so wurde diese irische Piratin genannt, da sie ihre Haare wie ein Mann kurz geschnitten trug. Im Gegensatz zu den rothaarigen Schönheiten mit wallendem Haar, als die Mary Read und Anne Bonny dargestellt wurden, gab sich Granuaille männlich, indem sie ihr Haar als Symbol weiblicher Schönheit opferte, um „ihren Mann zu stehen“. Obwohl Granuaille sich die Freiheit nahm, ein selbstbestimmtes abenteuerliches Leben zu führen, interessierte sich Hollywood für ihre illustre Geschichte nicht. Eine Frau in Männerkleidung war ein Tabubruch. Eine Frau, die ein wesentliches Attribut ihrer Schönheit aufgab und sich damit enterotisierte, das ist zu viel Tabubruch, um filmisch vermarktet werden zu können.

Das Schiffsdeck

Ob Piratinnen oder Piraten, die Bühne ihres Kampfes ist das Schiffsdeck. Speziell im Film bietet es Möglichkeiten, die Auseinandersetzung mit allen Finten dramatisch in Szene zu setzen. Diese Finten sind es, die das Publikum begeistern. Zugleich liebt der Hollywoodfilm den Gerichtssaal. Auf dem ersten Blick erscheinen das chaotische Schiffsdeck und ein Gerichtssaal, in dem „law and order“ herrscht, als Welten, die unterschiedlicher nicht sein können. Aber symbolisieren nicht beide den Ort des trickreichen Kämpfens in einer männlich dominierten Welt? Erst wenn die Piratinnen auftreten, wird die Ordnung dieser männlichen Welt wirklich in Frage gestellt. Es ging das Gerücht, wenn Anne Bonny oder Mary Read ihre Brüste im Kampf entblößten, der Gegner totgeweiht war. Die Erwartungen prägende Ordnung wird durch diese simple Geste verblüffend und zugleich tödlich außer Kraft gesetzt. Der Moment des Innehaltens angesichts dessen, das nicht sein kann, war der letze des männlichen Gegners. Anschaulicher kann es kaum ausgedrückt werden, wie mit weiblichen Waffen der Mann besiegt wird. Mit dem Todesstoß nach dem time-out, das wesenhaft eine Suspendierung der Ordnung darstellt, fallen die Piratinnen wieder in die phallische Ordnung zurück und kämpfen wie die Männer. Der weibliche Todesstoß muss natürlich ein Stich ins Herz sein. Ist es überhöht, dies als Stich in Herz der männlichen Weltordnung und somit der Befreiung des Weiblichen zu sehen?

 

Piratinnen und Macht

Eine der mächtigsten weiblichen Piratinnen neben der Witwe Cheng (auch Tschang) war Grace O`Malley, genannt „Granuaille“. Ihr Leben ist im Gegensatz zu dem der meisten anderen Piratinnen gut dokumentiert, da sie in die damalige Geschichte durch ihre erfolgreichen Verhandlungen von 1586 mit Elisabeth I. einging.
Sie wuchs als Tochter eines Piraten in einer einflussreichen irischen Familie auf und verbrachte ihre Jugend weitgehend auf Schiffen. Ihren ersten Piratenkampf bestand sie als Teenie, als das Schiff ihres Vaters von Engländern angegriffen wurde. Durch beherztes Eingreifen rettete sie den Vater. Trotz aller Selbstständigkeit und Wildheit war sie eine Weile verheiratet. Sie befehligte in dieser Zeit ihre Schiffe ähnlich wie die chinesische Witwe Tschang vom Land aus. Ihren Piraten gelang es, durch eine Seeblockade englischen Schiffen den Westen Irlands unzugänglich zu machen.
Ursprünglich kann man Granuaille als irische Freiheitskämpferin sehen, die englische Schiffe kaperte, um einen Einfall der Engländer in Irland zu verhindern. Das änderte sich jedoch nach ihrem Treffen mit der damals mächtigsten Herrscherin der Welt. Granuaille vereinbarte mit der englischen Königin, keine englischen Schiffe anzugreifen und, was Historiker später herausfanden, Lord Walsingham, dem genialen Spion der Krone, Informationen zukommen zu lassen. Dafür bekam Granuaille als Freibeuterin Handlungsfreiheit und ihr Sohn ein Stipendium. Diese Vereinbarung sollte sich zwei Jahre später für beide Seiten auszahlen. Als nämlich die Armada geschlagen wurde, versuchten einige der angeschlagenen spanischen Schiffe an die westirische Küste zu fliehen, wo Granuailles Freibeuter sie erwarteten und kaperten. England wie Irland war damit geholfen, indem sich die Spanier nicht in Irland festsetzen konnten.
Augenscheinlich litten diese Spanier an historischer Amnesie. Sie sollten die Piraten fürchten, denn durch sie, die niederländischen See-Geusen, hatte Philipp II. zwölf Jahre zuvor die Niederlande verloren. Diese Piraten hatten die niederländischen Städte gegen die Spanier aufgewiegelt, was Wilhelm von Oranien zu dem entscheidenden Sieg über Spanien bei Leyden verhalf.

Als irisches Vollweib und kluge Politikerin, wie Granuaille von Zeitgenossen beschrieben wurde, kommt sie dem Zeitgeist als Projektionsfläche für ehrgeizige Frauen entgegen. Einige Frauen wie Judith Cook und Anne Chambers schrieben gut recherchierte Bücher über Granuaille, die von der Tourismusindustrie von Galway längst vereinnahmt worden ist. Über Granuaille kann man spannend schreiben, da sie die Piratin ist, die ihren Kopf stets im allerletzten Moment aus der Schlinge zog. Beide Autorinnen beschreiben, wie Granuailles schöner Hals bereits in der Schlinge steckte, als Reiter angeprescht kamen, die ihre Freilassung im Namen der englischen Königin forderten.

Granuaille verstand wie z.B. bereits Jane de Belleville zuvor und die chinesische Piratin Lo Hong Sho, die etwa ein Jahrhundert später chinesische Revolutionäre unterstützte, dass nur durch ein politisches Verständnis ihres Gewerbes sie ihre Macht erhalten konnte. Dass es hierbei auch um die Macht der Frauen ging, zeigten japanische Piratinnen, die Schiffe von Frauenhändlern gezielt kaperten.

Die mächtigste Piratin aller Zeiten, die selbst Granuaille in den Schatten stellte, war die chinesische Witwe Tschang (Cheng I Sao oder Piratin Tsching), deren Leben in „Shining Behind the Screens“ verfilmt wurde und deren Geschichte Jorge Luis Borges in seinem Buch „Die Witwe Tsching, Seeräuberin“ für die Nachwelt bewahrte.
Statt von einem politisch motivierten Freiheitsgedanken war sie von der Gier geprägt. Es schien dieser chinesischen Piratin um die Macht an sich gehen, die sie perfekt durch ihre maffiöse Politik abzusichern wusste.

Die Witwe Tschang stieg von einer Prostituierten zur Befehlshaberin der größten aller Piratenflotten auf. Zu Beginn des 19. Jh. herrschte sie über 200 als Kriegsschiffe ausgerüstete Dschunken neben 700 bis 900 weiteren kleineren Schiffen (andere Quellen sprechen von isg. fast 2000 Schiffen). Historiker vermuteten, dass zu ihrer erfolgreichsten Zeit ihr etwa 50.000 Piraten (andere Quellen sprechen von über 80.000) und deren Helfer dienten.
Die mächtige Witwe, die zugleich als grausamste aller Piratinnen bezeichnet wurde, soll eine totsichere Rekrutierungsmethode praktiziert haben: Gefangene der gekaperten Schiffe hatten die Wahl, entweder Pirat unter ihrer Führung zu werden, oder an Deck festgebunden mit Knüppeln zu Tode geschlagen werden.

Die Piratenwitwe brillierte als Taktikerin in Seeschlachten. Sie bereitete der chinesischen Kriegsflotte eine schmerzliche Niederlage und konnte selbst von den europäischen Seemächten - einschließlich England - nicht geschlagen werden. Neben der Piraterie zur See zwischen der chinesischen Küste und Malaysia betrieb sie erfolgreich Flusspiraterie.
Sie war zu einer der mächtigsten Personen Chinas geworden, indem sie strenge Regeln erließ, die denen der englischen Kriegsmarine ähnelten. Regelbruch wurde gnadenlos mit dem Tod bestraft. Besonders in sexueller Hinsicht waren ihre Regeln strikt, da, wie sie angeblich selber sagte, ihre Männer arbeiten und sich nicht sexuell vergnügen sollten. Mit eiserner Disziplin kontrollierte sie weitgehend Süd-China, fast die gesamte chinesische Küste und die Malaysias. Im Vergleich zu ihr wirkt die Piraterie in der Karibik wie Spielerei.
1810 stieg sie aus ihrem Gewerbe aus, indem sie nicht nur eine Amnestie für ihre Piraten bewirkte, sondern auch die Führer ihrer Piratenflotte in hohe Posten der chinesischen Kriegsflotte unterbrachte. Zur Ruhe gesetzt, betrieb die vermögende Piratin ein Spielcasino, das einige Historiker als Bordell beschrieben, und war im Opiumhandel tätig. Sie starb friedlich und hoch angesehen im Alter von 69 Jahren als wohlhabende Bürgerin Kantons.

Wie Granuaille erbte die Witwe Tschang bereits eine bemannte Piratenflotte, die beide Piratinnen geschickt auszubauen wussten. Das verwundert bei der Witwe Tschang, da sie auf keinerlei nautische Erfahrungen zurückgreifen konnte. Bei einer ehemaligen Prostituierten kann man allerdings davon ausgehen, dass sie über weitreichende Erfahrungen in Männerführung verfügte.
Der Witwe Tschang ging es um persönliche Macht und Besitz. Bei ihrer Piraterie spielten höhere Werte keine Rolle. Ihre weibliche Seite zeigte sich nur darin, dass ihre Vertrauten mütterlich beschützte und sie in hohe Ämter unterzubringen wusste. Die schlaue Witwe ließ, im Gegensatz zu vielen männlichen Piraten der Karibik (z.B. Rackham), sich nicht durch ihre Gier ins Unglück treiben. Als umsichtige Geschäftefrau las sie die Zeichen der Zeit. Sie gab ihre Piraterie auf, als es deutlich wurde, dass sie ihren Höhepunkt überschritten hatte. Wie ein moderner Geschäftsmann investierte sie fortan in anderen Geschäftsfeldern, obwohl sie sich auch ohne geschäftliches Engagement ein luxuriöses Leben hätte leisten können. Die Witwe Tschang war ihrer Zeit als eine der ersten modernen Unternehmerinnen voraus. Sie dient als Beispiel dafür, wie Frauen durch ihre geschickte Organisationsfähigkeit gepaart mit brutalen Mitteln zu großer Macht kommen können.
Ist es zu konventionell gedacht, auch hier wie beim Kleidertausch eine Verbindung vom Weiblichen (Organisationsfähigkeit und soziales Geschick) und Männlichem (Brutalität) zu sehen? Je nach Standpunkt erkennen wir ein Ganzheit oder Travestie.

 

Wer wird Piratin

Halte dich an die Klischees und du wirst selten enttäuscht 

Color of the Night (Film)

 

Die Starpiratinnen Anne Bonny und Mary Read bekräftigen ein psychologisches Vorurteil: Sie waren beide uneheliche Kinder. Um eine Karriere als Medien-Piratin zu machen, muss man natürlich auch schön sein, am besten man hat rote Haare und grüne Augen, was beides auch als Attribut der Hexen angesehen wurde. Blonde Piratinnen sind undenkbar, da blond als Haarfarbe der Engel reserviert ist, obwohl die sagenhaften wikingischen Piratinnen sicher blond waren, aber die treten in den Medien nicht auf.
Defoe beschreibt seine Zeitgenossinnen Anne und Mary als rothaarige Schönheiten, die dazu noch durch eine wache Intelligenz auffallen. Von Anne berichtet er, dass sie sich von Jungen angezogen fühlte, von denen sie Grundfertigkeiten einer Piratin lernte, nämlich zu kämpfen. Ein Indianer sollte ihr noch als Mädchen den Umgang mit Messern beigebracht haben. Die Geschichte, Anne habe ihre englische Dienstmagd mit einem Tafelmesser erstochen, hält Defoe für ein Gerücht.
Auf jeden Fall eint viele Piratinnen, dass sie durch eine männlich geprägte Sozialisation früh auf ihren späteren Beruf vorbereitet wurden. Viele besaßen zusätzlich wie Granuaille nautische Erfahrungen. Zu diesen günstigen Voraussetzungen kam häufig hinzu, dass entweder ihr Mann oder Geliebter Pirat war oder dass sie von Piraten gefangen genommen oder entführt wurden. Selten liest man, sie wären in das Piratenleben gezwungen worden. Zumindest entscheidet sich die Frau der Fiktion meist freudig für das Piratenleben, weil es Freiheit verspricht und eine willkommene Flucht aus der Unterdrückung an Land darstellt.
In Film und Literatur wird bisweilen die Szene erfunden, in der eine Gefangene der Piraten (für die man entweder Lösegeld erpressen will oder sie als Odaliske zu verkaufen gedenkt) mit einer Piratin konfrontiert wird. Beide verachten sich nicht nur aus dramaturgischen Gründen, sondern auch weil die Piratin der Gefangenen ihr elendes Leben in der Unterwerfung unter die männlichen Normen vorwirft. Der Gegenvorwurf geht auf das Argument zurück, dass es gegen die Natur sei, so als Frau zu leben.
Ein Grund Piratin zu werden, sind revolutionäre Energien, die man als Frau in sich spürt. Es ist wie bei ihren männlichen Kollegen ein unwiderstehlicher Freiheitsdrang, der immer auch eine sexuelle Komponente aufweist. Die Piratin der Medien ist die geile Frau im Gegensatz zur treuen Mutter, die an Land ihrer Familie dient. Deswegen werden außer Anne Bonny Piratinnen nie schwanger. Sie entziehen sich der Biologie. Als John Rackham, Anne Bonny und Mary Read 1720 gefangen wurden, bekamen zwar beide Frauen von einem Arzt attestiert, dass sie schwanger seien und werden deswegen nicht gehängt werden durften. Allerdings war dieser Arzt Anne und Mary verpflichtet und mit ihnen befreundet, so dass sein Attest nicht gerade aussagekräftig war.
Mary Read starb noch im Gefängnis an einem Fieber und die Spuren von Anne Bonny verlieren sich im Dunkel der Geschichte.

Zu Piratinnen werden ferner handlungsstarke Frauen, die nicht davor zurückschrecken, Männer aus ihren Führungspositionen zu verdrängen wie z.B. Charlotte de Berry. Sie zettelte eine Meuterei an, um sich zur Piratenkapitänin wählen zu lassen. Mary und Anne wählten eine bekannte weibliche List. Sie spielten dem einst mächtigen John vor, der den Jolly Roger erfunden haben soll, dass er als Kapitän das Kommando auf seinem Schiff habe. John war zu jener Zeit bereits dem Opium verfallen. Die „Revenge“ wurde längst von den beiden Frauen befehligt. Diese hatten sich, zwar unbelegt, aber dennoch immer wieder angeführt, ineinander verliebt. Sie hielten zusammen. Diese reizvolle Komponente darf nicht fehlen. Sie wird in Film und Literatur ausgebaut. Das spricht speziell die Leserinnen aber natürlich auch die Leser an. Dem Rezipienten wird nahe gelegt, dass dieses Dreierverhältnis aus dem mächtigen Rackham einen Süchtigen machte. Es soll dem Leser zeigen, was dem Mann geschieht, wenn starke Frauen die Führung übernehmen. Zugleich bestätigt es den Aberglauben, Frauen bescheren einem Piratenschiff nichts als Unglück. Zugleich wird die Hoffnung der Leserinnen geschürt, dass auch sie als starke Frauen die Macht übernehmen können, wenn sie zu handeln bereit sind. Das zeigt sich anschaulich in der historisch belegten Situation bei der Einnahme der „Revenge“: Mary und Anne kämpfen an Deck, während die Piraten einschließlich Rackham volltrunken unter Deck bleiben.

Wieder finden wir die Verkehrung der Geschlechterrollen, die wir stets entdecken, wenn wir Piratinnen betrachten. Zur Piratin wurde man, wenn man ein „Mannweib“ war. Verstehen Sie das nicht negativ, es meint, die androgyne Frau wird zur Piratin, was auch mit der lesbischen Komponente des Verhältnisses unserer beiden Starpiratinnen angesprochen wird.
Eine Verkehrung liegt zudem in dem Dreierverhältnis von Anne, Mary und John. Es ironisiert nämlich das mythologische Dreierverhältnis König Arthus, Lancelot und Ginevra, das ebenfalls zum Untergang des Herrschers führte. In der Piratenliteratur werden die Paritäten der Geschlechter vertauscht: Ist im keltischen Mythos noch das Männliche in der Überzahl, so haben in der Karibik viele Jahrhunderte später die Frauen die Übermacht.

Besonders Anne Bonny tritt in vielen Piratenfilmen und in der Piratenliteratur mehr oder weniger verfremdet auf. Hollywood verfilmte 1951 ihr Leben unter dem Titel „Die Piratenkönigin“.

Anne Bonny und Mary Read waren zwar durch Defoe berühmte gemachte Skandalfrauen des 18. Jh., aber durch piratische Taten haben sie sich während ihrer kurzen Piratinnenkarriere weniger hervorgetan. Anders war es bei Jeanne (oder: Jane) de Belleville (Dame de Clisson), die sich neben der Witwe Ching (Madame Tsching) zum brutalsten Piraten aller Zeiten entwickelte. Bei ihr, wie bei vielen Piratinnen, war das Motiv die Rache. Dabei ging es um einen Mann. Jane de Belleville heiratete mit 14 und, was ja vorkommen soll, sie liebte ihren Mann. Oliver de Clisson wurde wegen Konspiration mit den Engländern 1343 von den Franzosen geköpft. Sie war 25, verkaufte ihr ansehnliches Vermögen, von dessen Erlös sie drei Kriegsschiffe erwarb und bestens ausstattete. Ihren Mann rächend köpfte sie selbst auf der Stelle jedes adlige Besatzungsmitglied der gekaperten Schiffe mitleidlos, so wie man ihren Mann enthauptet hatte. Die anderen Gefangenen ließ sie in ihrem Beisein enthaupten. Zwei Gefangenen schenkte sie stets die Freiheit, damit diese dem französischen König berichteten, dass Janes schwarze Flotte aus Rache für den Tod ihres Manns das Schiff überfallen hatte. Sie verwüstete ferner zahlreiche normannische Küstenorte durch Brandschatzung nach Mord und Plünderung.

Dreizehn Jahre, die sie mit ihrem geliebten Mann verheiratet war, war sie die schlimmste Plage des Kanals und der französischen Küste, dann setzte sie sich 1356 zur Ruhe. 1359 starb sie in Frieden nahe dem Land, das ihrem Mann gehört hatte.
Das wäre Stoff für Hollywood: „Piratin aus Liebe“ oder „Der Racheengel schlägt zu“. Allerdings haben die Medien sie vergessen, wohl da sie wenig Anlass für erotische Projektionen bietet.

Eine weitere Piratin aus Liebe war Rachel Wall (geborene Schmidt), die von etwa 1760 bis 1789 lebte, als sie am 8. Oktober als letzte Frau in Massachusetts hingerichtet wurde. Rachel stammte aus einer streng gläubigen Familie von Presbyterianern. Als schwarzes Schaf heiratete sie jung den Matrosen George Wall und begann mit ihm und seinen Freunden mit einem „geliehenen“ Schiff vor der Küste von New Hampshire das Handwerk des Kaperns. Rachels Trick war, auf ihrem Schiff verzweifelt um Hilfe rufen und Seenot zu imitieren, um dann die Retter auszurauben, was ihrer Crew bei 12 Schiffen gelang. Zwischen 1781 und 1782 sollen sie dabei 24 Seeleute getötet und 6000 $ erbeutet haben. Nachdem ihr Mann über Bord gegangen war, gab Rachel die Piraterie auf, wohl auch deshalb, da sich ihr Trick herumgesprochen hatte. Bei einem Raubüberfall an Land wurde sie gefasst. Sie wurde zum Tod durch den Strang wegen Straßenraubs verurteilt.

Das Gegenbild zu diesen eher fragwürdigen Piratinnen ist Alvilda, die Saxo Grammaticus in „Gesta Danorum“ beschreibt. Sie wurde als Tochter des Königs von Gotland zur guten und deswegen auch blonden Piratin, die mit einer Frauenmannschaft erfolgreich kapert. Wie einige Piratinnen kam sie zu diesem Beruf, weil sie nicht den heiraten durfte, den sie wollte. Aber es geschehen noch Wunder: Alf von Dänemark, ihre große Liebe, die ihr verwehrt wurde, kaperte ihr Schiff. Er erkannte Alvilda wegen ihres Helms nicht. Nach erbittertem Kampf erst überwand er sie. Da er so tapfer gekämpft hatte, heirateten Avilda und Alf gleich auf dem Schiff. Und sie lebten glücklich fürderhin als König und Königin von Dänemark. Das ist der Stoff, aus dem die Märchen sind, zu schön, um wahr zu sein.

Saxo Grammaticus basierte seine rührende Geschichte auf einen klassischen Grund, um Piratin zu werden: Man darf nicht den heiraten, den man will. Ob Alvilda wirklich nur eine Einbildung des männlichen Geistes war, kann nicht mehr geklärt werden. Fest steht nur, dass es einige Piratinnen bei den Wikingern gab, die z.B. als Wigbiorg, Hertha, Wisna und Ladgerda in ähnlichen Geschichten auftreten.

 

Die Faszination der Piratin

Wenn ich davon erzähle, dass ich über Piratinnen forsche, sind es besonders die Männer, die sogleich interessiert nachfragen. Die meisten halten Seeräuberinnen, selbst in solch einem seefahrenden Land wie England, für Fabelwesen ähnlich den Nixen, der Fantasie gelangweilter Seemänner in den Kalmenzonen entsprungen. Andere sprechen vom geschäftsträchtigen Kalkül irgendwelcher Hollywood-Produzenten. Sucht man im Netz Piratinnen, kann man diese Haltung weitgehend verstehen, angesichts ahistorischer Spinnereien, die geschwätzig dort verbreitet werden. Aber dennoch, Piratinnen waren eine geschichtliche Tatsache und es gab erstaunlich viele Seeräuberinnen.
Es ist eine Binsenweisheit, dass unsere Geschichtsschreibung die Frauen vernachlässigt. So ist es zu verstehen, dass unsere Schulweisheit von Piratinnen nichts wusste.
Dennoch sind Frauen wie Männer an Piratinnen interessiert, die es auch in der modernen Piraterie wie z.B. die philippinische Piratin Linda wieder gibt. Welche Rolle Frauen bei den heutigen Piraten Puntlands spielen, ist mir nicht bekannt.

Warum sind Frauen an Piratinnen interessiert?
Frauen lernen Piratinnen meist durch die Romanliteratur kennen. Da die Autorin, um einen lesbaren Piratinnenroman zu schreiben, sich mit der Piratin zumindest teilweise identifiziert, fällt es auch den Leserinnen leicht, im Einfühlen in diese wilden Frauen das auszuleben, was sie im geordneten Alltagsleben unterdrückt halten. Diese Identifikation mit der exotischen Piratin dient als unterhaltsame Sublimationshilfe. Sie wird mit einer gewissen Angstlust belohnt, die man auch vom Kriminalroman kennt.
Biedere Frauen verfallen der Engelmode, kühnere Frauen den Piratinnen.

Warum sind Männer an Piratinnen interessiert?
Zunächst ist festzustellen, dass Männer seltener über Piratinnen lesen, schon alleine deswegen, da im Vergleich zu Frauen äußerst wenige Männer Literatur lesen. Was jedoch nicht bedeutet, dass die männliche Fantasie nicht von der Piratin angesprochen wird. Wie das geschieht vermutet Zora del Buono (welch wohl gewählter Anklang an einen Piratinnennamen) in einem Aufsatz der Zeitschrift mare. Sie meint, starke und oft auch kalte Frauen sprechen die masochistischen Bedürfnisse der Männer an. Außerdem, meine ich, kommt hinzu, dass Männer in einer gewissen Potenzherrlichkeit sich vorstellen, wie sie solche Frauen durch (sexuelle) Unterwerfung „bekehren“ können.

Beschluss

Das Wilde fasziniert in einer Massengesellschaft, die um zu funktionieren auf Sublimation baut. Der Pirat und die Piratin dienen wie der Mörder des Krimis oder der Cowboy als Ikone des Unangepassten und somit Individuellen. Dieses Individuelle, dessen Verlust heute beinahe jeder mehr oder weniger bewusst betrauert, lebt in Pirat und Piratin wieder auf. Freilich spielt sich deren Leben weit entrückt von uns durch Raum und Zeit ab. Aber für den Moment der Identifikation entsteht ein Hoffnungsschimmer.
Pirat und Piratin wirken als Archetyp in unserem Unbewussten, um immer wieder in das Bewusstsein aufzusteigen, um uns zu faszinieren. Seit der Antike betrachtete man Piraten mit bewunderndem Schrecken. Selbst unseren gleichgeschalteten Medien ist es nicht gelungen, jenem Schrecken seine Bewunderung zu nehmen. Der rationale Geist muss angesichts eines derart alten Gewerbes kapitulieren, zumal es noch die Freiheit auf seiner Seite weiß.

Piraterie ist nicht auszurotten, bemerkten schon die Römer. Sie überlebt nicht nur in den Schutzgebieten unserer Fantasien und Träume. In der Straße von Malakka und an der südamerikanischen und indischen Küste und deren Häfen bedroht sie die heutige Handelsschifffahrt. Sie lebt auch wieder in ihrem klassischen Gebiet der Karibik auf. Außer an der Ausrüstung hat sich bei der Piraterie wenig geändert.

Anhang

Eine Aufstellung der bekanntesten Piratinnen

Fü Jen     (7. Jh. vor unserer Zeitrechnung) legendäre chinesische Piratin, Operationsgebiet: chinesische Küste
Artimisia von Halicarnassus    (5. Jh. vor unserer Zeitrechnung) dass sie Piratin war, ist zwar wahrscheinlich, aber unsicher. Herodot berichtet, sie habe fünf Schiffe in der Seeschlacht von Salamis gegen die Griechen befehligt. Operationsgebiet: Mittelmeer
Elissa    (5. Jh. vor unser Zeitrechnung) auch als „Dido“, die legendäre Gründerin von Carthago bekannt. Legendäre Piratin. Operationsgebiet: Mittelmeer
Alvilda (Alfhild)    (5. Jh.) Wikingerin aus Gotland, wahrscheinlich Legende. Operationsgebiet: Ostsee
Wigbiorg, Hertha, Wisna, Ladgerda    (alle vier 9. Jh.), Winkingerinnen, höchst unsicher, Operationsgebiet: nördliche Nordsee
Jeanne de Montfort (The Flame)    (14. Jh.) auch als Jeanne de Belleville, Löwin der Bretagne oder Dame de Clisson bekannt, Operationsgebiet: Kanal, speziell französische Kanalküste
Granuaille (Grace O`Malley)     (1530-1603) eine der bekanntesten und einflussreichsten Piratinnen, die gut historisch dokumentiert ist. Operationsgebiet: Küste Westirlands
Lady Killigrew von Falmouth    (1530-1570) Operationsgebiet: Atlantik
Donne Catalina de Erauso     (1592-1635) spanische Seeräuberin, die in Spanien Kultstatus erreichte. Operationsgebiet: spanische Küsten
Lambert of Aldeburgh     (spätes 16. Jh.) als Mann verkleidete Piratin, Operationsgebiet: Küste von Suffolk/East Anglia
Jacotte Delahaye, Anne Diau-le-veut     (17. Jh.) Operationsgebiet: Karibik
Marie de Frèsne     (17. Jh.) Operationsgebiet: Mittelmeer
Charlotte de Berry     (1636 – Todesdatum unbekannt) Operationsgebiet: Küste Afrikas
Anne Bonny     (1690 – Todesdatum unbekannt) eine der bekanntesten Piratinnen, Operationsgebiet: Karibik
Mary Read    ( ~ 1685 London – 28.4.1721), eine der bekanntesten Piratinnen, Operationsgebiet: Karibik
Mary Farley (auch Harley)     (18. Jh.) Operationsgebiet: Karibik
Sarah Bishop     (18. Jh.) Freibeuterin auf Seiten der Engländer, Operationsgebiet: Atlantik
Mary Ann Talbot     (1778-1808) englische Piratin, die zu ihrer Zeit sehr bewundert wurde, Operationsgebiet: Atlantik und andere Meere
Rachel Wall     (1760-1789) Operationsgebiet: nordamerikanische Küste
Lucy Brewer     (1793, Todesdatum ungewiss) amerikanische Piratin, die in Nordamerika Kultstatus gewann, Operationsgebiet: Ostküste Amerikas
Li     (18. Jh.) arbeitete mit ihrem Mann Chen Acheng zusammen, Operationsgebiet: südchinesisches Meer
Witwe Ching (Cheng I Sao, Madam Tschang)     (1785-1844) mächtigste und erfolgreichste Piratin aller Zeiten, Chinesin, Operationsgebiet: südchinesisches Meer, Malaysia
Cai Qin Ma     (Geburtsdatum unbekannt, starb 1804) Operationsgebiet: südchinesisches Meer
Gunpowder Gerti (Gertrude Imogene Stubbs)     (spätes 19. Jh.) Operationsgebiet: Britisch Kolumbien, Flusspiratin
Lo Hong Cho     (20. Jh.) übernahm Piraterie von ihrem Mann, unterstützte die Chinesische Revolution, Operationsgebiet: chinesische Küste
Wong, Lai Choi San, Ki Ming, Huang P`ei Mei     (20. Jh.) Piratinnen, die erhebliche Flotten befehligten, Operationsgebiet: chinesische Küsten
Linda    berühmte zeitgenössische Piratin, Operationsgebiet: Philippinen

In der feministisch ausgerichteten Literatur werden noch viele weitere Frauen wie z.B. Aethelflaed, Tochter des Königs von Wessex, die 918 starb und gegen die Dänen kämpfte, genannt. Sie als Piratin zu bezeichnen, halte ich jedoch für fragwürdig. Wie bei ihr handelt es sich meist um seefahrende Frauen.

Und hier noch ein Link auf eine Liste aller Piratenfilme
http://www.thepirateking.com/movies/index.htm

 

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Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt

Yalom, Irvin D.: Die rote Couch (btb, München 1998)
Leider ist das witzige Wortspiel des englischen Titels „Lying on the Couch“ im Deutschen nicht nachzuahmen. Ich las alle Bücher dieses amerikanischen Psychiaters, der psychoanalytisch ausgerichtet arbeitet, und dieser Roman hat mir besonders gut gefallen. In der Form eines spannenden und häufig ironisch witzigen Romans gelingt es Yalom, kluge Überlegungen zur Psychoanalyse und Therapie dem Leser gefällig zu vermitteln. Der Analytiker Ernest Lash, die Hauptperson dieses Romans, möchte die klassische Therapieform, die auf Freuds Forderung der Abstinenz beruht, erneuern. Er gerät dabei in große Verwirrungen. Aus Rache will ihn eine Klientin verführen. Das ist nur einer der vielen genialen Einfälle von Yalom, der ein Händchen für Plot-Design besitzt.
Berühmt wurde Yalom durch „Und Nietzsche weinte“, seinen Roman, der inzwischen einfühlsam verfilmt wurde. Wen Schopenhauer interessiert, der sollte unbedingt Yaloms „Die Schopenhauer-Kur“ lesen. Nietzsche und Schopenhauer bilden, wenn auch oft ungenannt, den philosophischen Hintergrund zu allen Romanen Yaloms, der zuerst als Autor des heutigen Standardwerks zur Gruppentherapie bekannt wurde.

Mamani, Hermán Huarache: Die Traumheilerin (btb, München 2008)
Mamani, Hermán Huarache: Schattenfänger (btb, München 2007)
Eigentlich wollte ich diese beiden Bücher nicht lesen. „Wieder solch ein Esoterik-Quatsch“, dachte ich, und Indianer interessieren mich eh nicht. Aber in jenen Tagen, als mein kleines Dorf am Meer fast eingeschneit war, ich alle neuen Romane gelesen hatte, griff ich aus Verzweiflung zu diesen beiden Romanen. Mit „Die Traumheilerin“ begann ich und konnte diesen Roman kaum mehr zur Seite legen. Ich las ihn eines lasziven Nachmittags von vorn bis hinten durch. Es geht wie allen Büchern Mamanis um die Liebe. In „Die Traumheilerin“ wird die „Erziehung“ einer modernen peruanischen Frau zu einer Frau, die ihre Stärke in der Liebe entdeckt, geschildert. Über weite Strecken liest sich der Roman wie ein weiblicher Castaneda. Obwohl ein alter peruanischer Initiationsweg geschildert wird, auf dem eine Frau trainiert wird, in positiver Weise Macht über Männer zu bekommen, hat mich das Buch als Mann berührt. Es ist eine Art Tantrabuch, das schildert, wie eine Frau einen Mann trotz großer sozialer und kultureller Unterschiede für sich gewinnt, aber es ist mehr. In diesem Roman geht es um eine kluge Darstellung, was Liebe sein kann, ohne in Kitsch oder Platitude abzugleiten. Mamani vertritt die Ansicht altperuanischer Kulturen, dass durch die Sexualität die Frau dem Mann spirituelle Räume erschließt, die er selber nicht betreten kann. Damit wird die Sexualität wie im Tantra ideologisiert. Ist das nicht eine neue Spielweise der Prüderie, die einfach die Lust um der Lust Willen ablehnt?
„Die Traumheilerin“ ist spannend geschrieben, während „Schattenfänger“ langatmig beginnt. In „Schattenfänger“ wird im Grunde das Gleiche in der gleichen Weise beschrieben wie in „Die Traumheilerin“, aber in „Die Traumheilerin“ bringt der Autor seine Aussage weitaus besser auf den Punkt.

Sandhaya Muldandani: Kamasutra (Collection Rolf Heyne, München 2008)
Das Kamasutra ist einer der bekanntesten Klassiker der Kultivierung der Erotik. Die großformatige Liebhaberausgabe besticht durch ihre liebevoll gesetzte, reichhaltige Bebilderung und einer leicht lesbaren Übersetzung von Marita Böhm aus dem Englischen. Es ist mit Abstand die Kamasutra-Ausgabe, die am liebevollsten gemacht ist. Danach möchte die vielen Billigausgaben dieses Erotikklassikers nicht mehr sehen. Durch die aufwändige Präsentierung in einer Box eignet sich diese Kamasutra-Ausgabe hervorragend als Geschenk.

 

 

Freundesbrief 16

Januar 2010

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

das alte Jahr verabschiedete sich großartig. Eine Woche vor Weihnachten sank für diese milde Küste völlig ungewöhnlich die Temperatur unter Null und nicht nur das, es lag sogar Schnee. Die Engländer glaubten ihren Augen kaum, vor ihrem Fenster sahen sie eine weiß verhüllte Landschaft, die sie nur von Weihnachtspostkarten her kannten. Das wunderbare Winterwetter mit Sonnenschein aus stahlblauem Himmel führte zu einem angenehmen Chaos. Da Schneepflüge und Streuwagen in Nord-Norfolk als exotisch gelten und von Winterreifen behauptet wurde, so etwas gäbe es nicht, als ich vorsichtig nachfragte, brach der Verkehr zusammen. Bis Weihnachten waren selbst die Straßen weiß. Gemütlich konnte ich meine letzten Einkäufe in der nahen Marktstadt tätigen, da nur die Kühnsten unterwegs waren. Nachdem der Schnee über die Weihnachtstage durch ständigen Sonnenschein bei leicht steigenden Temperaturen geschmolzen war, wachte ich am Neujahrstag spät auf und wieder glitzerte und funkelte eine dünne Schneedecke in der Sonne.
Bilder aus meiner Jugend an die gemütlichen Julfeste in Schweden und Finnland stiegen auf, an sparsam geschmückte Zimmer mit Pfefferkuchen in Herzchenform, die an roter Schnur am Balken über dem Kamin hingen, an die Weihnachtssauna mit Aufgüsse mit Wodka und Bier.

Winter ist für mich die Zeit, in der ich mich kuschelig vorm Kamin räkele und in die Welt fragwürdiger Romane versinke. Genauso war es diesmal, wenn auch anders als erwartet. Ich feierte Weihnachten und Sylvester allein. Das hatte ich nie zuvor getan. Es ergab sich unverhofft. Ich habe es genossen. Natürlich gab es die obligatorische Weihnachts- und Sylvestersauna. Wie es sich gehört, trank und aß ich zu viel, und dann wandte ich mich meinen Weihnachtsgeschenken zu. Eine norwegische Freundin, die teils in Key West – „The Pirate`s Paradies“ – wohnt, hatte mir Piratenliteratur und Piratenfilme in einem riesigen Paket geschickt. So entschwand ich trotz Schnee und Eis in die Karibik, auf Schiffen, die von „echten“ Männern beherrscht wurden. Im Schaukelstuhl sitzend, den Drink zur Hand, ist es angenehm, in solche Träume zu versinken, die nur ab und an unterbrochen werden, um mit einem Holzscheit das sanft wärmende Feuer zu füttern.
Was ich gelesen, mir als Film betrachtet habe und warum nicht nur ich gern über Piraten träume, darüber berichte ich in dem anschließenden Artikel über das Bild des Seeräubers.

Vielleicht schwang ich mich auf die Qualität des Orts hier ein, falls es sowas gibt. Im Nachbardorf schrieb Frederick Marryat den Prototyp des göttlichen Seefahrerschmökers auf seinem Landgut (der in ein paar Wochen im Schweizer Unionsverlag herauskommen wird). Nur wenige Meilen weiter war das Heim von Kapitän Blight, der bei der Ermordung von James Cook dabei war und weltberühmt durch die Meuterei auf der „Bounty“ wurde. Einige der Meuterer stammten ebenfalls von dieser Küste, an der auch Englands Seeheld Nelson geboren wurde, einer der wenigen Seemänner, der in seiner Karriere die Erfahrung als Kaperfahrer ausließ. Dafür bekämpfte er jedoch Piraten, freilich nur nebenbei.
Der Traum vom Piraten ist sicher an solch einer historisch belasteten Küste wahrscheinlicher als anderswo. Landratten in Süddeutschland oder den Schweizer Bergen werden seltener ihre Freiheitsbedürfnisse auf das Bild des Piraten lenken. Allerdings hat Johnny Depps romantische Darstellung des Piraten Jack Sparrow sicher auch die Träume der Frauen fern vom Meer geprägt.
Die Bilder unserer Träume sind u.a. von der Qualität des Orts, an dem wir träumen, abhängig. Natürlich auch, wie Freud betonte, von Jugenderfahrungen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich als Kind mit Taschenlampe unter der Bettdecke Käpten-Conny und später Störtebecker-Bücher gierig las. Als mich als Jugendlicher Entdeckungsreisende faszinierten, traf ich auf Martin Frobisher und William Dampier, die wie viele Entdecker ihre nautische Erfahrung als Pirat gewannen. Meine erste wissenschaftliche Einweihung in die Geschichte Piraterie erhielt ich von Herr Dr. Lang, der über Piraterie an der Universität Leuwarden/NL lehrte. Als Student arbeitete ich als sein Assistent im Küstenmuseum von Juist, dessen Direktor er damals war. Seine begeisterten Ausführungen über friesische Piraten haben mich tief beeindruckt.

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens am Meer gewohnt, geboren wurde ich allerdings meerfern in der deutschen Stadt, die sich „Seestadt auf dem Berge“ nennt ...

Ich wünsche Ihnen allen ein Jahr voller glücklicher Momente, Gesundheit und Erfolgserlebnisse und all das, was sich selber wünschen und Ihnen gut tut.

Mit lieben Grüßen vom Meer
Klausbernd Vollmar

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Das Bild des Seeräubers

Der edle Wilde

 

Erstaunliche Reisende! Welch edle Geschichten! Wir lesen in euren Augen tief wie die Meere! 

Charles Baudelaire

 

Das modische Credo und die Norm der Massengesellschaft lautet: „Weg von der Norm.“ Wer kann diese Haltung anschaulicher verkörpern als der Seeräuber, welcher wie der von Schiller glorifizierte Räuber auf Land der romantischen Tradition der Deutschen und Engländer entspricht. Wurde die Blütezeit der Piraterie durch die Ausbeutung der Kolonien in den beiden Amerikas geschaffen, so wird der Traum vom Piraten durch eine hierarchische Gesellschaft produziert, der sich der Einzelne hilflos ausgeliefert fühlt. Nicht so verhielt es sich bei den Piratengruppen, die eine flache Hierarchie aufwiesen, indem z.B. der Anführer jederzeit abgewählt werden konnte.
Seeräuber waren zwar Nihilisten oder Anarchisten, aber keineswegs nur gesetzlos oder asozial: Sie waren es, die eine effektive Sozial- und Krankenversicherung erfanden, die festlegte, wie viel bei bestimmten Verletzungen und Verkrüppelungen bezahlt wurde. Einige Schiffsbesatzungen legten in ihrem Ehrencode fest, dass auf Vergewaltigung die Todesstrafe stand (z.B. Madame Tschings Piratengruppen), weswegen selbst in der pornografischen Piratenliteratur selten Vergewaltigungsszenen zu finden sind. Gewalttätig wurden zwar weibliche Passagieren gekaperter Schiffe genommen, es geschah jedoch eher selten.
James Fenimore Cooper, der das Bild des edlen Piraten in seinem Roman „Der rote Freibeuter“ beschwört, hielt sie für die erste demokratische Gemeinschaft seit der Antike.

In diesem Zusammenhang ist der Mythos von der Piratenrepublik „Libertalia“ auf Madagaskar zu sehen. Er wird gern in Piratenromanen und teilweise in Filmen wie der locus amoenus beschrieben, der ideale schöne Ort, an dem alle in einer Naturharmonie leben, die schwerlich kitschiger zu beschreiben wäre. Dieses Libertalia ist eine Utopie, wie sie durch Thomas Morus seit dem 16. Jh. in Mode kam.

Es ist zweifellos korrekt, dass die Piraten keine Gesetzlosen waren. Sie besaßen selbstgewählte Regeln, die allerdings von denen der übrigen Gesellschaft abwichen und an Land häufig nicht galten. Aber waren Piraten diese edlen Wilden, von denen man in den Salons schwärmte? Trotz aller Faszination hatte man auch Angst vor ihnen wie Goethe bei seiner Mittelmeerfahrt von 1787 auf seiner italienischen Reise. Angst und Faszination gehen oft zusammen.

Das Bild des edlen Wilden, das Jean-Jacques Rousseau zu Beginn des 18. Jh. auf den Naturmenschen bezog, geistert bis heute durch die Piratenliteratur, ein Genre, das weitgehend als trivial bewertet werden kann. Die Umsatzzahlen zeigen, dass es sehr wohl tief verdrängte Bedürfnisse speziell der weiblichen Leserschaft befriedigt. Was dem Mann sein Wild-West-Roman ist der Frau ihr Piratenschmöker, in dem der Kaperkapitän als edel und gut, sogar teilweise als hilfreich im klassischen Sinne dargestellt wird. Rousseaus Ansicht, dass der Mensch durch den Einfluss der Zivilisation vom Guten abweicht, die u.a. Karl May beeinflusste, zeigt sich überdeutlich in einem Klischee der Piratenliteratur, dass nämlich der triebhaft wilde Mensch, der zivilisatorischen Zwängen entsagt, zum guten Menschen wird. Diesem edlen Wilden wird die verdorbene, dekadente Gesellschaft der Kolonialherren und ihrer Frauen als Kontrastfiguren entgegengesetzt. Der Pirat folgt in diesen Fiktionen einer höheren Gerechtigkeit. Das war historisch keineswegs der Fall, da Piraten mit den Ausbeutern Hispaniolas und anderer Kolonien geschäftlich notwendige und engste freundschaftliche Beziehungen pflegten. Speziell die englischen Gouverneure und Piraten arbeiteten im 17. und 18. Jh. in der Karibik zusammen, was nur den Naiven wundert, denn häufig wurde der Bock zum Gärtner gemacht, indem der frühere Pirat zumindest zum Helfer des Gouverneurs gemacht wurde und dessen in der Tat geringe Besoldung durch gemeinsame Geschäfte aufbesserte. Filme wie „Piraten im karibischen Meer“ (Oscar-Gewinner 1943 für Spezialeffekte) und „Piraten der Karibik“ zeigen diese für beiden Seiten profitable Zusammenarbeit historisch korrekt auf. Außerdem war der englische Adel den Piraten meistens wohl gesonnen, solange er nicht die eigenen Geschäfte störte.

Der edle Wilde entpuppt sich also bei genauerer Betrachtung als der berechnende, seefahrende Geschäftsmann, der skrupellos wilde Risikogeschäfte tätigte. Pirat und Establishment bilden keinen Gegensatz, den der naive Bewunderer der vorgeblich revolutionären Piraten vermuten möchte.

 

Die Entstehung unseres Piratenbilds

So lehnte ich bewusst eine Welt ab, die mich abgelehnt hatte 

Jean Genet

 

Der Roman „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson, der 1881 bis 1882 als Fortsetzungsroman in England erschien, prägte unser Piratenbild. Er war ein derartiger Erfolg, dass der Autor sich mit „Kidnapped“ und „John Belfour“ weiter in diesem Genre bewies. Stevenson gilt als erster Autor, der die positiven und negativen Seiten der Seeräuberei unterhaltsam darstellte.
In diesem als Jugendbuch konzipierten Roman, finden wir alles, was unser Piratenbild fürderhin ausmachen sollte: das Holzbein des unvergesslichen Schiffskochs Long John Silver, den Stahlhaken für die im Kampf verlorene Hand, den Papagei und die Augenklappe, die das Markenzeichen des Piratenkapitäns Flint sind. Außerdem darf der Piratenschatz nicht fehlen.
Das Holzbein war zwar eine effektvolle Erfindung Stevensons, der jedoch jede historische Grundlage fehlte. Ein Pirat mit Holzbein konnte nicht entern genauso wie einer mit einem Metallhaken als Hand. Stevenson verwechselte bei diesem Bild die Piraten mit Matrosen der englischen Kriegsmarine, in der es Brauch war, Versehrte als Schiffsköche einzusetzen. Piraten, die ein Bein oder eine Hand verloren, überlebten fast nie, da der Wundbrand sie sterben ließ. Augenklappe und Papagei dagegen waren wahrscheinlicher, da durch die Positionsbestimmung durch das Schießen der Sonne mit dem Sextanten viele Seefahrer auf einem Auge blind waren und Papageien hielten einige Seeleute an Bord.
Wie viele Autoren des 19., selbst noch des 20. Jh. bezog Stevenson seine Kenntnis der Piraterie aus Kapitän Charles Johnson „Allgemeine Geschichte der Piraterie“ (1724). Dieses Werk des unbekannten Kapitäns schreiben viele Forscher dem englischen Puritaner Daniel Defoe zu. Es ist die einzige zeitnahe Dokumentation über das Leben der Piraten, die auf Gerichtsakten und Zeugenaussagen beruht. Es gibt allerdings noch die Berichte des Wundarztes Alexander Olivier Exquemelin (Hendrik Barentszoon Smeeks). Er fuhr lange mit Henry Morgan, deswegen wissen wir viel über diesen Piraten. Im Gegensatz zu Defoe erfahren wir über andere Piraten von seinen Berichten, die relativ unbekannt blieben, eher wenig.
Daniel Defoe wurde berühmt durch „Robinson Crusoe“, einen Roman mit Piratenhintergrund. Die Idee zu dessen Geschichte bekam der Autor durch den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der von einem Piratenschiff ausgesetzt und von der „Duke“ einem anderen Piratenschiff fünf Jahre später gerettet wurde.
„Die allgemeine Geschichte der Piraterie“ wirkte über „Die Schatzinsel“ u.a. auf J.M. Barrie, der in seinem Bühnenstück „Peter Pan“ Kapitän Hook an die Beschreibungen Stevensons anlehnte. Alle unsere Vorstellungen von Piraten sind auf Defoe und Stevenson zurückzuführen.

Unser Bild des Piraten entspricht romantischen Sehnsüchten, die in der Literatur effektvoll beschworen werden. Dazu gehört der Piratenschatz, der die beliebte Jugendbuchtradition der Schatzgräberliteratur prägte. Es ist wissenschaftlich gesichert, dass Piraten ihre Schätze nicht versteckten.
Verbreitet war das Gerücht, der erfolgreiche Pirat William Kidd habe einen Schatz auf Gardiners Island (vor New York) vergraben. Dort wurde von Schatzsuchern bis heute emsig jeder Quadratzentimeter umgegraben – jedoch vergeblich. Die Geschichtsschreibung weiß längst, dass Kidd wie schon Dampier vor ihm (der sowohl auf dem Schiff war, das Selkirk aussetze, wie auch auf dem, das ihn rettete), seine Vermögen bei seinen Geschäftspartnern hinterlegte, was freilich nicht so romantisch klingt wie ein vergrabener Schatz. Dieser Schatz darf selbstverständlich in Filmen wie den zuvor erwähnten „Piraten der Karibik“ nicht fehlen, der alle Klischees ausmalt vom Einbeinigen, über die berüchtigte Planke bis hin zum Aussetzen auf einer einsamen Insel. Wie Kinder, die beim Märchen Bekanntes hören wollen, so spekuliert der Piratenfilm auf ein Publikum, das glücklich ist, wenn es das Klischee, das seine Erwartung prägt, möglichst dramatisch in Szene gesetzt sieht.

Einige Piraten erlangten großen Reichtum. Der geniale Navigator Kapitän Henry Avery (Long Ben) war der erfolgreichste Pirat aller Zeiten, indem er das Prachtschiff des indischen Großmoguls kaperte. Danach setzte er sich als Benjamin Bridgeham in Devon zur Ruhe. Ebenfalls sehr erfolgreich war der bartlose Jack Sparrow genannte Bartholomew Roberts, der als ausgesprochen gutaussehender Mensch die Folie für viele Piratendarstellungen (wie auch jene durch Johnny Depp in „Piraten der Karibik“) bot. Er kaperte über 400 Schiffe, war ein Exzentriker unter den Piraten, da er weder trank, noch dem Glückspiel oder der Hurerei frönte und ein großer Liebhaber der Musik war. Die heutige Forschung vermutet, dass Roberts eine Frau war, zumal sie es durchsetzte, sofort bei ihrem Tod in ihren Kleidern über Bord geworfen zu werden, was auch geschah. Roberts starb als reiche Frau.
Beim Traum vom Piraten spielt sicher dieser Reichtum eine Rolle. Wer möchte nicht im Luxus leben, ohne jemals wieder arbeiten zu müssen?

Piraten faszinieren uns desweiteren als Outlaws. Sie sprechen unsere Gefühle an, da wir mit dem Bösen (auch in uns) konfrontiert werden. „Sind sie wirklich nur böse?“, fragen wir uns, „Und wie wurden sie so?“ Der Pirat als edler, da ungehemmter Wilder, stellt eine Sehnsucht in einer hochgradig triebunterdrückenden Gesellschaft dar, die das Gegenbild des triebenthemmten Menschen als heimliches Ideal verehrt. Diese Polarität verstand bereits Blackbeard, der sich als Teufel stilisierte. Er hätte sich höllisch über seine gelungene PR gefreut, wenn er sehen könnte, wie wir derzeit seine Stilisierung in Literatur, Film und geheimen Fantasien noch überbieten.
Aber nicht nur heute faszinieren diese wilden Seemänner, die das zweitälteste Gewerbe betreiben. Waren nicht schon Jason und die Argonauten die ersten mythologisch verklärten Piraten? Plutarch beschreibt bewundernd, wie Caesar mit kilikischen Piraten umging und Heliodor nimmt sich begeistert des Themas der Piraten des Ionischen Meers an.

 

Piraten und Frauen

It`s the Old Disney Plot: Boy Meets Girl. Girl Hates Boy. Boy and Girl Meet Again on a Pirate Ship. Boy and Girl Now Fall in Love 

Henry Ramsager

 

Alle Piratenklischees finden wir in der von Frauen geschriebenen Piratenliteratur des 20. Jh. Erst im letzten Jh. begannen Frauen sich in diesem Genre zu versuchen, übernahmen es schnell und produzierten Unmengen von Piraten-Herz-Schmerz-Schmökern, die an die Romane von Barbara Cartland erinnern – nur dass sie auf See spielen.
Zunächst fällt auf, dass diese Werke alle den mehr oder weniger gleichen Titel tragen, nämlich eine Variation auf „Die Königin der Piraten“. Dass die Titel dieser Romane sich gleichen, ist berechtigt, denn in Inhalt und die Form unterscheiden sie sich nur unerheblich voneinander. Sie werden wie der Seller „Königin der Piraten“ von Danelle Harmon weitgehend von US amerikanischen Frauen des Mittelstands geschrieben, die sich redlich bemühen, ihre sexuellen Freiheitsfantasien in einer Piratengeschichte auszuleben. Es handelt sich bei dieser Literatur eher um Liebensgeschichten, die durch den Hintergrund der Piraterie exotisch aufgepeppt werden. Und ist es nicht niedlich, wenn in Harmons Roman das ganze Bestreben des Helden darauf gerichtet ist, seine widerspenstige Piratin zu heiraten? Natürlich gibt es, wie in all diesen neo-romantischen Romanen ein Happy End, das freilich erst mit der Trivialisierung des romantischen Gedankens aufkommt. In der Literatur der Romantik bleibt es bei der Sehnsucht und das Begehren unerfüllt, was in diesen meist dicken Romanen über viele hundert Seiten ebenfalls geschieht, um dann doch die Erfüllung im nie zuvor erlebten Orgasmus oder der Heirat zu trivialisieren.

Die weniger fantasiebegabte Amerikanerin, die einen Schreibkurs bei irgendeinem College oder dem Women`s Institute besuchte, schreibt solch einen Roman wie „Die Piratenkönigin“. Schon das Cover macht unmissverständlich klar, dass sich die Autorin Pamela Jekel an Frauen richtet. Sie beschreibt die tausendmal erzählte Geschichte der Piratin Anne Bonny, die im Gegensatz zur Piratin Maeve Merrick in Harmons Roman wirklich gelebt hat. Wer die Geschichte von den beiden berühmtesten aller Piratinnen Anne Bonny und Mary Read nicht kennt, mag diesen bisweilen langatmigen Roman mit Interesse lesen. Immerhin hält er sich weitgehend an die historischen Fakten.

Dem gegenüber steht die pornografische Piratenliteratur, die ausnahmslos von Frauen geschrieben wird. Historisch Belegtes sucht man in dieser Literatur vergeblich. Der Leser, der zu diesen weitaus dünneren Romanen greift, erwartet anderes als Faktentreue. Da solche Bücher den Stellenleser anziehen, ist die Verbindung der einzelnen sexuellen Episoden nicht derart wichtig.
In diesen Büchern entspricht die Gefangene des Piraten und seltener die Piratin eher dem charmanten Bild einer Domina, das im niedlichen Bemühen von Autorinnen wie Kerri van Arden (Pseudonym der Heftchenromanschreiberin Kerstin Dirks) und Samara Fraser (die bezeichnenderweise deutsche Beamtin ist) stets an der Grenze von akzeptablen Fantasien gehalten wird. Diese Romane nutzen ebenfalls, wie die zuvor erwähnten, die Piratenszene als peppigen Hintergrund um unterhaltsame Erotik zu schreiben, was ihnen oft gut gelingt. Wenn diese Piratenromane im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen erfrischend unkitschig sind, folgen sie doch wie diese stets einem Schema. Hat man zwei gelesen, kennt man alle. Deswegen zeigen sie auf oftmals fast identischem Cover eine geschnürte Frau, bei der man „oben und unten ohne“ erahnen soll. Ferner eint sie, dass Held oder Heldin sich meist als adelig und somit edel herausstellen. Schade, selbst im erotischen Piratenroman muss das Wilde letztendlich doch noch veredelt werden. Dabei ist es geschichtlich belegt, dass Piraten keine Ladies oder Damen liebten sondern Huren, die sie sich oft zu mehreren teilten. So darf auch die Orgie in einigen dieser Romane nicht fehlen, die meistens von der Heldin fasziniert betrachtet und zugleich abgelehnt wird. So werden die zwei Seelen in unserer Brust ausgedrückt. Freud hätte im Teilen der Frauen den Ausdruck einer latenten Homosexualität vermutet, zumal erstaunlicherweise eine offene Homosexualität bei Roman- und Filmpiraten selten nur angedeutet wird. Anders sah die Realität aus. New Providence/Bahamas, der in-Ort der damaligen Piraten, wurde häufig als „blühende homosexuelle Gemeinde“ bezeichnet. Calico Jack und Pierre Vane sind die wenigen berühmten Piraten, deren homosexuelle Neigungen bekannt sind. Aber das passt nicht ins Bild unseres Medienpiraten, der wie der Cowboy ein „echter Mann“ zu sein hat.

Der Piratenschatz darf auch in diesen Büchern nicht fehlen, wobei die Autorinnen die sexuelle Symbolik des Schatzes, der tief in der feuchten Höhle versteckt ist, genüsslich ausmalen.

 

Der reale Pirat

Das Wesen des Menschen kann nicht nur nicht ohne Wahnwitz verstanden werden, sondern wäre nicht einmal das Wesen des Menschen, trüge dieser nicht den Wahnwitz in sich wie eine Freiheit 

Jacques Lacan

 

Wie gesagt, die meisten Piratenromane enden enttäuschend konventionell und moralisch. Die Bösen finden ihre Bestrafung und der eigentliche Outlaw entpuppt sich als Adliger. Diesem Klischee folgt selbst ein anerkannter Autor wie James Fenimore Cooper in „Der rote Freibeuter“. Er führt das Happy End durch verwickelte Verwandtschaftsbeziehungen herbei, wie es in der Literatur seit dem Barock üblich wurde.
In der Geschichte gab es adlige Piraten wie Sir Richard Edgecumbe im 15. Jh., Sir Henry Mainwaring, der erst im Auftrag der englischen Krone den berühmten Piraten Peter Easton vor Neufundland jagte, um dann selbst Pirat zu werden, und Sir Robert Rich (Mitte 17. Jh.) , der 2. Earl of Warwick, dessen Kaperfeldzüge gegen die Spanier schmählich scheiterten. Sie erfuhren viel Aufmerksamkeit, stellten aber eine Minderheit dar.
Mich faszinierte am meisten Lady Killigrew (Mitte 16. Jh.), die aus einer Piratenfamilie in Suffolk stammte und zuerst gemeinsam mit ihrem Mann Henry auf Beutezug ging. Um die Killigrews auszuschalten, machte man Henry zum Admiral mit der Aufgabe Piratenverfolgung. Seine Frau störte das bei der Ausübung ihres Handwerks wenig, bis sie gefangen wurde, jedoch durch Einfluss ihres Mannes einer Bestrafung entging.

Zur Blütezeit der Piraterie in der Karibik (17.-18. Jh.), zur der alle diese klassischen Piratenromane spielen, gab es fast keine adeligen Piraten. Henry Morgan, war allerdings der Sohn eines Gentlemans. Seine Geschichte erzählt John Steinbeck in seinem Buch „The Golden Cup“.
Es gab jedoch äußerst gebildete und kultivierte Piraten wie William Kid und Stede Bonnet, der in „Die Piratenkönigin“ auftritt und als adeliger Stutzer beschrieben wird, der liebenswert als brillanter Liebhaber ist. Stede Bonnet war ein vermögender Gentleman. Augenscheinlich grundlos wurde er plötzlich Pirat wurde, der sich Edward Teach anschloss, da er wenig Ahnung von der Seefahrt besaß. Das alles finden Sie in „Die Piratenkönigin“ historisch korrekt beschrieben, auch wie Bonnet von Teach ausgenutzt wurde.
Der berühmte William Kidd, ein Pfarrerssohn, war ein Lebemann mit feinsten Umgangsformen, was ihn nicht davor bewahrte, 1701 nach einem Schauprozess in England am Galgen zu enden. Die englische Krone hatte ihn ungerechterweise zum bösen Piraten an sich stilisiert, um die Bevölkerung von ihrer Bewunderung abzubringen und ein Exempel zu statuieren.

Die meisten Piraten waren allerdings weniger edel, sondern machten sich über die Edlen und das Establishment lustig. Durch ihre ausgewählt exzentrische Kleidung, die einer dandyhaften Kostümierung entsprach, ironisieren viele von ihnen die Vornehmen der etablierten Gesellschaft. Sie waren die ersten Vertreter der Ethnomode. Nicht nur Edward Teach (Blackbeard) und Caliko Jack (John Rackham, der nur bekannt wurde, da er der Kapitän von Mary Read und der Geliebte von Anne Bonny war) bildeten mit ihrer Verkleidung ihr wildes Schicksal ab. Sie waren keinem Herrn und so auch keiner Mode verpflichtet. Fast karnevalistisch trieb es Teach. Er flocht seinen schwarzen Bart zu Zöpfen, in die er bei Geschäften bunte Schleifen band und die er beim Entern mit Rauchkerzen versah, um das Bild des Fürsten der Hölle abzugeben. Pierre Vane, zusammen mit Rackham der Ober-Narziss der Piraten, liebte in weiblichen Kleidern aus Seide im Film und wohl auch real aufzutreten.

Andere Piraten stiegen zu Edelmännern auf. Sir Francis Drake wurde 1580 für erfolgreiche Piraterie nicht nur geadelt, sondern auch Vizeadmiral der englischen Flotte. Wie schon bei Sir Killigrew war es im 16. und 17. Jh. typisch für die englische Krone, fähige Piraten zum Piratenbekämpfer zu machen.
Der Pirat und spätere Sir Henry Morgan wurde Gouverneur von Jamaika. Er war einer der wenigen Piraten, die ihren Erfolg und Reichtum genießen konnten. Zu dieser Gruppe gehörte auch der Piratenkapitän Robert Surcouf, der 1808 von Napoleon zum Baron ernannt wurde, worauf er sich als erfolgreicher Reeder zur Ruhe setzte. Karl May widmete ihm seine einzige Piratengeschichte.
Fast vergessen ist John Ward, der sich einen luxuriösen Lebensstil genießend in Tunis zur Ruhe setzte, bis ihn 1622 die Pest hinraffte.

Die erfolgreichen Piraten waren einflussreiche Kaufleute, nicht zuletzt weil sie die größten Schiffe befehligten wie Bartholomew Roberts, Henry Avery, William Kidd und Henry Morgan. Die Rechnung war einfach: Je größer das Schiff, desto mehr Beute konnte mitgenommen werden. Beim Entern auf offener See bot eine größeres Schiff auch Vorteile. Das Schiff symbolisiert zugleich, worauf Roland Barthes verweist, die abgeschlossene Welt, es ist eine Chiffre der eigenen Welt, des eigenen Königreichs. So galt dem Piraten ein großes Schiff als sein großes Reich – und Größe und Menge war für die meisten Piraten enorm wichtig, da sich hinter ihrem zur Schau gestellten Selbstbewusstsein, oft das Gefühl der Minderwertigkeit verbarg, das jedem Outlaw als Fluch der Gesellschaft ereilt.

Eine einzigartige Karriere machte der italienische Pirat Baldassare Cossa im 15. Jh. Er fiel durch eine ausgeprägt kriminelle Energie auf, die mit der Kunst des Mords und der Intrige gepaart war. So war er der ideale Mann für die Kirche, von der er sich durch Spenden seiner Beute und Bestechungen 1410 zum Papst Johannes XXIII ausrufen ließ. Auf dem Konzil zu Konstanz wurde er jedoch 1414 abgesetzt, aber Kardinalbischof blieb er bis zu seinem Tod. Erstaunlicherweise wurde diese Geschichte von Literatur und Film bislang noch nicht aufgegriffen, obwohl sie hollywoodlike in Szene zu setzen wäre und dem Zeitgeist entgegenkäme.

Aus Filmen ist uns der Pirat als kämpfender Muskelmann vertraut, der mit seinem Entermesser grandios umgeht. Das lässt Frauenherzen höher schlagen. In der Tat gibt es historische Berichte von Piraten, die an Küsten einfielen, wo sie die Frauen wie einst Cooks Männer in der Südsee massenhaft anzogen. In Cornwall sangen bis Ende des 19 Jh. Mädchen Lieder, in denen sie ihre Freundinnen vor der sexuellen Faszination der Piraten warnen. Dass „die Frau“ dem Piraten verfällt, ist eine Binsenweisheit, die in Literatur und Film immer wieder genutzt wird. Die Verbindung von weiblich und wild zeigt auch hier als tief in der Psyche verwurzelt.

Der Kampf dient nicht nur im modernen Piratenfilm als Metapher für männliche Virilität. Historisch falsch ist die Darstellung des Vorspiels, nämlich die von Spezialeffektspezialisten großartig in Szene gesetzte Breitseite, bei der die Kanonen der Piraten das zu erobernde Schiff wild beschießen. Schon die Logik macht deutlich, dass solch eine Aktion nicht im Sinn der Piraten war, da von einem sinkenden Schiff – und Breitseiten führten unweigerlich zum Sinken – kein Schatz mehr zu holen ist. Außerdem waren Piraten nicht selten an dem eroberten Schiff interessiert. Die Breitseite stammt aus der Seeschlacht, Piraten war sie ein Gräuel, was auch Blackbeard im Film „Piraten der Karibik“ seiner Mannschaft erklärt.

 

 

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Freundesbrief 15

August 2009

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

dieses Jahr hatten wir bislang einen Bilderbuchsommer. Man nennt ihn bereits „Jahrhundertsommer“, für den englische Exzentriker in ihrem Garten eine Gedenksäule errichten. Es war sonnig und warm, aber viel zu trocken. Seit Ostern fiel in Nord-Norfolk kein nennenswerter Niederschlag, so sind meine Wassertonnen seit Langem leer. Gut hat sich die Trockenheit auf meine Pfirsich- und Feigenernte ausgewirkt und der Lavendel wird dieses Jahr zweimal blühen.

Jetzt sitze ich unter dem alten Apfelbaum und schreibe. Wenn ich mich umgucke, sehe ich verbrannten Rasen. Hoffentlich verdorrten auch die Unkräuter, jene Kräuter am falschen Platz, die den Rasen zu verdrängen suchen und sich der Beete bemächtigen. An der Südmauer meines Grundstücks leuchten die Tomaten rot und riesige Artischocken überragen alles.

Das sind die guten Nachrichten. Die schlechte ist, dass Mitte August mein Bootsmotor gestohlen wurde. Nun rudere ich wacker, lasse mich von der Ebbe hinaustreiben und von der Flut wieder in unseren Minihafen bringen.

Zu Beginn des Sommers begann ich an einem Buchprojekt über Sterbehilfe zu arbeiten. Dieses aktuelle Thema, über das fast täglich in den großen englischen Tageszeitungen berichtet wird, reizte mich. Ein philosophisches Buch über den Sinn des Lebens und die individuelle Freiheit sollte es werden. Vor einigen Wochen habe ich jedoch kapituliert. Der Manuskriptentwurf wartet in meinem Computer auf die letzte entscheidende Inspiration. Mich hat das Thema in depressionsartige Stimmungen versetzt, obwohl es ein lebensbejahendes Buch werden sollte.
Stattdessen wandte ich mich einem Mal- und Kunstbuch für Erwachsene zu, eine alte Idee von mir, die nun nach vielen Jahren ausgereift war. Neben dem Text, der in die Farbenlehre und die Kunstgeschichte einführt, ersann ich Malübungen, suchte Beispielbilder und entdeckte wieder meine Skizzenbücher aus der Zeit, als ich Schüler der Goetheanistin Olga von Ungern-Sternberg war. Nach der Beschäftigung mit der Sterbehilfe war das eine Wohltat. Speziell die Zusammenarbeit mit der zwischen den Meeren arbeitenden Grafikerin Antje Betgen und der Illustratorin Monika Obser war die reine Freude. Es ist ein wunderschönes Buch geworden, das Anfang nächsten Jahres bei Königsfurt-Urania herauskommt und kein 08/15-Ratgeber à la „Mit Farben heilen“ oder „Finden Sie Ihre Farbe“ ist. Lassen Sie sich überraschen.

In diesem Herbst erscheint im Kunstbuchverlag ars momentum ein kleiner Band zum Thema Formen in der Kunst von mir. Die Kunden der Boesner Kunstkaufhäuser werden diesen Band kostenlos erhalten.

Viele Aktionen gab es diesen Sommer zum Thema Traum. Es begann mit der Münchner Tagezeitung tz, in der ich vom 20. bis 24. Mai täglich auf einer Seite über Träume und Traumsymbolik berichtete (darüber schrieb ich im letzten Freundesbrief). Im Juni schlossen sich Radiosendungen bei Antenne Bayern, Radio FHH und dem RBB an. Besonderen Spaß hat die ganztägige Sendung mit Wolfgang Leikermoser (Leiki) gemacht, der nicht ohne Grund Starmoderator in Bayern ist.

Außerdem versuchte ich lange vergeblich, einen Maulwurf aus meinem Garten zu verjagen, was endlich mit aktiver Hilfe meiner Nachbarn gelang.

Ich hoffe, auch Sie hatten bis jetzt einen feinen Sommer.

 

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Einige assoziative Gedanken zu Blau

Blau wie ein Veilchen am blauen Montag

 

Blaue Augen, Himmelsstern,
lieben und poussieren gern.

 
Blauglöckchen (Fotografie: Konrad Lenz, www.foto-praxis.eu)

Blau ist die Farbe des Unendlichen, des Himmels und des Ozeans. Blau ist so differenziert wie der blaue Himmel und kann uns deswegen in unsere Emotionen führen. Blau zieht nach innen, wie die blaue Blume, das Symbol der Romantik, zeigt. Blau ist Weiblichkeit. Es weist auf das ewig Beständige. So zeigte sich Gott, als er den Bund mit seinem Volk geschlossen hat, auf Saphirplatten auf dem Berg Sinai stehend. Das erinnert an Zeus, der im Kampf zwischen Himmel und Erde mit beiden Füßen fest auf dem blauen Azur stand.

Die alchemistischen Vorstellungen des 14. Jahrhunderts kennen eine blaue Flüssigkeit, die tinctura oder das aqua permanens, die wie die Seele und der Himmel unzerstörbar sind. Es handelt sich um das heilige Wasser, ich würde sagen: um das geläuterte Gefühl. In der Terminologie C.G. Jungs steht die tinctura für die Anima.

Blau ist das Unerwartete, das Unbewusste, das Geheimnis. Das zeigt sich bei Ausdrücken wie „ins Blaue hinein“, „die Fahrt ins Blaue“ und im Englischen „out of the blue“. Blau ist so geheimnisvoll, dass selbst die Etymologie des Worts nicht endgültig geklärt ist.

Blaue Gegenstände wechseln häufig ihren Farbcharakter, wie die blauen Augen, der blaue Himmel, das blaue Meer, blutunterlaufende Körperstellen und das Blau der Flamme.
Nachtszenen in Schwarz-Weiß-Stummfilmen wurden am Tag gedreht. Die Kopien färbte man später blau ein, womit das beste Ergebnis erzielt wurde.
Die Dunkelheit wirkt im Blau. Sie lädt ein, sich zurückzuziehen und bietet dazu einen Raum an.

 

Symbolik

Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen ins Unendliche, weckt in ihm Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem.

Wassily Kandinsky

 

Das Farbwort „Blau“ bezeichnet ein erstaunliches Farbspektrum, größer als bei jeder anderen Farbe: vom hellen Blau als Farbe von Eis und Wasser bis zum dunklen Blau der Nacht. Blau besitzt eine große Farbreichweite. Es ist sowohl dem Schwarz und der Finsternis als auch dem Weiß und dem Lichten verwandt. Es kann dem Hellen und Dunkeln zugleich als wesensgleich angesehen werden. Es ist der Nacht und der Luft des lichten Tages zu eigen. So gesehen ist Blau weniger eine Farbe als ein Zustand des Lichts. Deswegen kennen viele indogermanische Sprachen kein Farbwort für Blau.

Blau steht für Tradition. Es ist die Farbe der konservativen Parteien. Blau symbolisiert Treue und Beständigkeit. In der Kleidung soll es Besonnenheit, Nüchternheit und Zurückhaltung zeigen. Darum sind die Uniformen von Militär und Polizei häufig blau. Presbyterianer werden wegen der blauen Kleidung ihrer Pfarrer blueskins genannt.

Blau ist die Farbe der Einbildungskraft, sowohl der Fantasie als auch der Illusion. Blau vernebelt und das besonders die blauen Jungs, die bei ihrem Landgang oft blau sind und blau machen.
Mögen diese Assoziationen zu Blau weitere Ideen zu dieser geheimnisvollen Farbe in Ihnen auslösen.


www.kunstdialog.eu (Lenz-Gohres)

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Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt

Zunächst möchte ich ein Buch empfehlen, das in meiner unmittelbaren Umgebung spielt: W.G. Sebald „Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“. Sebald war ein deutscher Professor, der der Universität Norwich (UEA – University of East Anglia) Weltruhm im Bereich des kreativen Schreibens brachte. Er verstarb bei einem Autounfall vor einigen Jahren. Der Autor beschreibt eine Wanderung auf dem Suffolk Coast Path und lässt dabei seinen Assoziationen freien Lauf. Ich bewundere die Fülle seines Wissens und seinen Stil. In langen, aber klaren Sätzen verbindet er Informationen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeiten in verblüffender Weise. Dieses skurrile Buch, das bereits 1997 erschien, wurde zu Recht in Deutschland hoch gelobt und häufig ausgezeichnet.

Da ich mich bei meiner Arbeit am Malbuch zur Farbenlehre ausführlich mit der Kunstgeschichte beschäftigte, stieß ich auf den brillant konzipierten Roman von Peter Dempf „Das Geheimnis des Hieronymus Bosch“. Einerseits wählte der Autor die Form einer Kriminalgeschichte, bei der es darum geht, die Motive eines Säureanschlags auf das Bild „Der Garten der Lüste“ zu verstehen. Andererseits entführt uns Dempf nach s'Hertogenbosch (Brabant) zur Zeit der Inquisition und des Schaffens von Hieronymus Bosch. Der Roman bietet anspruchsvolle Unterhaltung, bei der der Leser viel über die damaligen Bedingungen in der Kunst lernt.
Und last not least sei noch ein Klassiker empfohlen, und zwar von Thomas Mann „Doktor Faustus“. Als ich neulich diesen Roman wieder las, gefielen mir besonders Manns Ausführungen zur Ästhetik: Das Harmonische ist seit der Romantik zum Langweiligen geworden. Adrian Leverkühn, der Protagonist dieses Romans, vertritt die Dissonanz als angemessenen ästhetischen Ausdruck jenseits des Kitsches. Dass diese Bewegung weg vom automatisierten Ideal der Harmonie nicht erst mit der Moderne beginnt, belegt kenntnisreich Umberto Eco in seiner „Geschichte der Hässlichkeit“. Thomas Mann wandte sich in „Doktor Faustus“ der Musik zu, Eco betrachtete dagegen die bildende Kunst mit ihrer Darstellung des Ekelhaften und Schauerhaften, das in der Literatur zur Zeit der Romantik insbesondere in Mary Shellys „Frankenstein“, Bram Stokers „Dracula“ und Robert Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ (von C.G. Jung ausführlich in seinen Überlegungen zum Schatten zitiert) zelebriert wurde.
Und hier schließt sich der Kreis zu Sebalds „Die Ringe des Saturn“, die der Autor mit einem Zitat aus „Das verlorene Paradies“ von John Milton beginnt: „Good and evil we know in the field of this world grow up together almost inseparably.“ (Gut und Böse wachsen in dieser Welt weitgehend untrennbar voneinander.)

 

 

Freundesbrief 14

Mai 2009

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

die Sonne scheint, der Wind weht leicht, ich höre die Vögel durch mein geöffnetes Bürofenster singen. Allerdings bin ich auf die Vögel gerade nicht gut zu sprechen, da sie in meinem Kamin ein Nest bauten. In einem Vogelschutzgebiet findet man keinen, der das Nest entfernt, bevor die Jungen geschlüpft sind. So ist das mein Beitrag zum Naturschutz, auf ein offenes Feuer zu verzichten.
Für meine Pflanzen im Garten ist das Jahr bislang schwierig gewesen. Es will einfach nicht regnen. So gieße ich morgens und abends den Mangold, die Tomaten, Rapunzel, Zucchini, Gurken und Artischocken. Selbst den Mittelmeerkräutern wird es zu trocken. Dafür herrscht aber ideales Wetter zum Bootsfahren, das ich nach wie vor genieße.

Der unerwartete Tod meines Freunds Hajo Banzhaf zu Jahresbeginn hat mich tief berührt. Gerade lese ich sein Lebenswerk „Zwischen Himmel und Erde“, das die Quintessenz aus seiner Beschäftigung mit der Esoterik und modernen Psychologie kenntnisreich und teilweise augenzwinkernd zusammenfasst. Das Buch lässt Hajo geradezu wieder lebendig werden.

Ich wollte ursprünglich einen Roman über den Tod meiner Mutter in Zürich schreiben. Den hatte ich bereits begonnen, als mich meine Agentin überredete, das Thema als ein Sachbuch zu präsentieren. Zunächst war ich nicht erfreut über diesen Vorschlag, aber nun sehe ich ein, dass sie recht hat. Für mich als rheinische Frohnatur ist es fürwahr eine Herausforderung, ein Buch über den Tod zu schreiben. Das ist nur auszuhalten, indem ich diszipliniert einen halben Tag am Text arbeite und dann in den Garten verschwinde, wo ich beim Pflanzen, Jäten und Rosenschneiden meine Erdung finde. Das Thema Tod hat mich gepackt, aber ich bemerke es schon jetzt, es wird kein dramatisches oder trauriges Buch werden. Lassen Sie sich überraschen.

Ansonsten ist zur Zeit das Thema „Traum“ wieder gefragt. Die Münchener Tageszeitung TZ lud mich ein, mit ihnen eine Woche lang vom 20./21.5. oder 23./24.5. eine Traumaktion durchzuführen. Dort werde ich über Traumsymbole berichten, Träume deuten und ein fünfteiliges Interview mit mir wird abgedruckt werden. Ein Lob für die TZ: Bei den Layout-Entwürfe der Seiten haben sie sich richtig Mühe gegeben. Wer Träume für diese Aktion einsenden möchte, der kann dafür folgende E-Mailadresse benutzen:

traum(_AT_)tz-online.de

Zum Thema „Farbe“ hat mich die Firma Bosch entdeckt. Für ihre Werbetexte für eine neue Farbspritzpistole schrieb ich einen längeren Text über die Farbwirkung in Wohnräumen und zu meiner großen Freude, bekam ich solch ein Farbspritzsystem von ihnen geschenkt. Das probierte ich sogleich aus. Nun glänzen meine Schränke in einem warmen Gelb und Orange. Vielleicht war es nicht so klug, die Küchenschränke orange zu spritzen, denn diese Farbe steigert nach vielen Untersuchungen den Appetit, senkt aber die Heizkosten.
Ansonsten wurde ich von einigen Rundfunkanstalten und Zeitschriften zur Farbe Weiß interviewt. Da ich nun einiges zur dieser Farbe der Kälte veröffentlicht habe, wende ich mich anschließend einer Betrachtung der Farbe Schwarz zu, die ich persönlich für kultur- und kunstgeschichtlich die interessantere Farbe halte. Viel Spaß beim Lesen.

Mit herzlichen Grüßen
Klausbernd Vollmar

 

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Das jenseitige Schwarz

Von weiblicher Finsternis und männlichem Licht

Ist Schwarz überhaupt eine Farbe?
Für van Gogh war es eine Farbe wie jede andere. Die Impressionisten dagegen lehnten Schwarz als Farbe ab, da es Abwesenheit von Licht sei und in der Natur in reiner Form nicht vorkomme.
Schwarz gehört nicht zu den Lieblingsfarben der Mitteleuropäer. Gerade sieben Prozent bezeichnen es als ihre Lieblingsfarbe. Landläufig wird diese Farbe also abgelehnt. Das war nicht immer so. Erst mit dem Aufkommen der Lichtreligionen – besonders mit der Zarathustras in Persien – wird das Schwarze dämonisiert. Warum? Weil sich mit den Lichtreligionen das Patriarchat durchsetzt, das seinen Gott oben in der Sonne fand. Das Männliche schaut himmelwärts. Sein Ideal ist der Geist. Es ist typisch für patriarchale Religionen, dass das männliche Licht phallisch und erkennend zugleich in das Schwarz der weiblichen Finsternis eindringt. In diesem Denken wird Erkenntnis als Helligkeit erlebt. Die vom weiblichen Geist geprägten Religionen schauten stets nach unten auf die Erde. In den Ländern der Anfänge unserer Kultur wie Mesopotamien und Ägypten brachte die Erde als schwarzer Flussschlamm Fruchtbarkeit und Leben. Alles Leben wächst in der Dunkelheit heran. Deswegen war Schwarz die Farbe des Weiblichen und des neuen Lebens.
Schwarz ist auch die Farbe des Chaos (da man in der Finsternis nichts unterscheiden kann – dort herrscht tohuwabohu, wie in der Bibel das wüste Chaos der Finsternis bezeichnet wird), von dem das I Ging sagt, dass es die Mutter aller Dinge ist.
Dem Weiblichen ist die schwarze Nacht zugeordnet, dem Männlichen der Tag. Damit wird das Schwarze zugleich mit dem passiven Hingebungsvollen assoziiert. Das Schwarze ist aber auch das verschlingende Weibliche, das Unbewusste und das Geheimnis, vor dem das Männliche sich ängstigt und es daher dämonisiert. Schwarz ist die weibliche Anderswelt, in der Männliches sich fürchtet, zu versinken und sich aufzulösen. Es ist das Unbestimmte und Sanfte, das dem aggressiven Licht gleißend entgegensteht. Es ist das bergende Dunkel.
In weiblicher Geste umfasst Schwarz alles. In ihm ist die Ganzheit aller Flächenfarben präsent. Bei der subtraktiven Mischung mischen sich alle Farben zu Schwarz (da allerdings die Pigmente meist nicht eine absolute Farbreinheit besitzen, mischen sie sich in der Realität zu einem Braunton).

Der schwarze Tod

Als William Turners Freund und Künstlerkollege Sir David Wilkie 1841 starb, malte Turner eines seiner berühmtesten Bilder „Frieden, Bestattung zur See.“ In diesem Bild hätte Turner, wie er es selbst bekannte, gern ein Schwarz verwandt, das noch schwärzer ist als das schwärzeste Schwarz. Mit diesem Schwarz wollte Turner seine Trauer ausdrücken.
Schwarz ist die Farbe des Todes: Die Trauerkleidung ist schwarz wie tote Zähne und verfaultes Fleisch der Pesttoten. Rudolf Steiner sieht im Schwarz das Lebensfremde. Schwarz ist die Nacht, die Zeit, in der das Licht gestorben ist. Es ist der Urzustand, die Zeit vor dem Licht.
Zudem wird der Tod mit geschlossenen Augen verbunden. So verwundert es nicht, dass bei den Babyloniern, Phöniziern und Griechen die Unterwelt schwarz oder dunkelgrau gedacht wurde. Doch dieser Raum besitzt einen Funken Licht, denn dort leben die Schatten. Das Schwarz wird erst lebendig, wenn es vom Licht berührt wird. Schwarz wirkt am besten im Kontrast zum Weiß – was die Popart ausgiebig nutzte.
Die schwarze Szene liebt es finster: Gruftis, SMler, Anarchisten, Leder- und Latexfetischisten drücken mit Schwarz Ihren Flirt mit dem Tod aus. Auch die SS und spanischen Faschisten trugen Schwarz - allerdings ist es ebenfalls die Symbolfarbe der Anarchisten. Schwarz wird als Farbe der Macht und des Todes präsentiert. Mit Macht und Tod sind wir bei der Gottesvorstellung: Gott als autoritärer Herrscher über Leben und Tod.

Weltanschauungen

Schwarz ist eine abstrakte Farbe wie alle unbunten Farben. Für Piet Mondrian und die niederländische Künstlergruppe de Stijl ist Schwarz wie Weiß: Ausdruck des leeren Raums. Jasper Johns und Roy Lichtenstein benutzen Schwarz als Grenze. Aus dieser Sicht ist es verständlich, dass es sich als Farbe für abstrakte Ideen und Religionen anbietet – zumal die Religion dem Geheimnis und Unbewussten verbunden ist. Schwarz tritt uns im weltanschaulichen Bereich als heilige und somit autoritäre und absolute Farbe entgegen. Sie ist die archetypische Farbe für das Geheimnis, mit dem die mystischen Bewegungen innerhalb der Religionen ringen.

Ägyptisch
Mnevis, der von den Ägyptern in Heliopolis verehrte schwarze Stier, galt als die Verkörperung des Sonnengottes Re. Zunächst fällt auf, dass Schwarz in diesem Fall der Sonne verbunden ist. Die Sonne ist schwarz als Geheimnis allen Lebens, als Ursprung unseres Kosmos. Hier wird die Kraft der Ausstrahlung der Farbe Schwarz betont, die uns heute bei der Betrachtung der Black Box der modernen Physik wieder begegnet (Emissionstheorie Planks, 1900)

Islamisch/sufisch
„Stirb bevor Du stirbst“ heißt es bei den Sufis. Man wird aufgefordert, sein Ego sterben zu lassen und der Welt eine Absage zu erteilen. Diese Haltung drückt sich in der schwarzen Farbe der Gewänder islamischer Geistlicher und Mystiker aus. Sie sagt: „Die Welt ist tot für mich.“ Die islamischen Geistlichen und Mystiker tragen in Schwarz ihre Abgewandtheit von der Welt zur Schau. Allerdings gibt es noch eine tiefere Ebene dieser Symbolik: Als Erfassung der reinen Essenz - d.h. die selige Auflösung in Gott – gilt das schwarze Licht. Die Erfahrung dieses Lichts gilt als Ziel eines gottgefälligen Lebens und der mystischen Suche.

Christlich/jüdisch
Schwarz ist die Farbe reformierter Geistlichkeit. Luther trug einen schwarzen Talar, womit die auf das Wort beruhende Intellektualität ausgedrückt werden sollte. Schwarz ist Ordensfarbe und Lieblingsfarbe des Outfits der Kirchgänger. Bereits die orthodoxen Juden und Rabbiner pflegen sich in schwarzer Kleidung zu zeigen.
Im patriarchalisch geprägten Christentum ist Schwarz eine Farbe des Weiblichen. Maria wurde grundsätzlich am Samstag, dem Tag des schwarzen Saturn speziell verehrt. Maria Magdalena wurde als die schwarze Geliebte Jesu bezeichnet. Ferner spielen in der katholischen Kirche die schwarzen, wundertätigen Madonnen wie die von Einsiedeln, Tongeren und Tschenstochau eine wesentliche Rolle. 1277 wurde vom Papst angeordnet, diese weiß zu streichen. Begründung: Das Schwarz käme durch den Ruß der Kerzen zustande und würde die Marienbilder entehren. Die Wunder hörten auf. Die weiße Farbe wurde entfernt oder die Madonnen wieder schwarz umgestrichen, die Kirchenkassen wurden von den Pilgern wieder gefüllt.
Die schwarzen Madonnen gehen auf heidnische Vorbilder wie Isis, Kybele und Diana zurück. Die schwarze Isis war besonders verbreitet und einflussreich. Sie bot das Modell für die Madonna mit Kind.
Schwarze Madonnen finden sich in unseren Breiten hauptsächlich im Gebiet der Maas, ein Gebiet, von dem aus die Merowinger herrschten, die Anhänger der Isis waren.
Für die christliche Kirche war Schwarz jedoch auch die Symbolfarbe des Bösen und wurde somit zur klassischen Farbe des Teufels. Die Dämonisierung der Farbe Schwarz verstärkte sich mit der Verbreitung des Lilith-Kults durch spanische Kabbalisten im 13. Jh. Lilith, die erste Frau, ist die schwarze Göttin der Kabbalisten – sie ist die Frau, die es ablehnt, sich dem Mann zu unterwerfen.

Im christlich beeinflussten Kult des Vodoo spielt wie in allen zaubrisch-mystischen Kulten die Farbe Schwarz eine wichtige Rolle. Normalerweise trägt die Vodoo-Priesterin in Westafrika Weiß, werden jedoch besonders mächtige Energien angerufen, greift sie zum schwarzen Gewandt. Sie wird so zum Geheimnis und zur mächtigen Lenkerin der Energien.

Hinduistisch
Die Hindus verehren eine wilde weibliche Gottheit, die stets mit schwarzem Körper dargestellt wird. Es ist Kali, eine Verkörperung des verschlingenden und gebärenden Weiblichen. Sie ist die fruchtbare und furchtbare Mutter zugleich. Ihre tödliche Seite wird mit der Farbe Schwarz genauso verdeutlicht, wie ihre Weiblichkeit. Aber Kali ist nicht nur die Schwarze, sie wird stets mit roten Accessoires dargestellt, die ihre Lebenskraft betonen. Diese Verbindung von Schwarz mit Rot finden wir häufig als Symbolfarbe des Dämonischen. Sie ist konventionell bei Teufelsbildern und Bildern von fragwürdigen Frauen. In feministischen Kreisen wird diese Farbkombination als Farben der großen Göttin auf Voll- und Neumond bezogen.

Buddhistisch
Buddhistische Thankas (Rollbilder) mit schwarzem Hintergrund gehören zu den mystisch-esoterischen Meditationsbildern. Sie sind für den fortgeschrittenen Meditierenden geeignet. Im Buddhismus symbolisiert Schwarz die Farbe des Hasses, der durch die Weisheit in „die Vollkommenheit der letzten Wirklichkeit“ verwandelt wird. Schwarz kündet vom Bevorstehen des Absoluten, es ist die Schwelle der Erfahrbarkeit und des Todes. Es geht bei der Meditation auf schwarze Thankas um die Überwindung alles Bösen.
Yamantaka, die archetypische Gottheit der Gelugpas, der Überwinder des Todes, wird schwarz dargestellt. Er repräsentiert sowohl höchste Weisheit, als auch den Triumph über das Leiden. Er haftet nicht mehr an. Er gilt als machtvoller Beschützer. Die Beschützer Mahakala und Pälden Lamo (die weibliche Schutzgottheit Lhasas und des Dalai Lama) werden ebenfalls schwarz dargestellt, denn Schwarz steht für die letzte Realität, die Leerheit und somit für die Meditation.

 

 

Freundesbrief 13

Januar 2009

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

hier kommt er, mein neuer Freundesbrief. „Endlich!“, werden Sie sagen.
Ich kann die lange Pause nur mit Faulheit entschuldigen. Seit ich von meiner Vortragsreise im Herbst zurück kam, habe ich mein gemütliches Haus & Grundstück genossen. Ich liebe den Winter an der Nordküste Norfolks, an der sich bereits die Wikinger heimisch fühlten, die unter König Knut den Großen das wikingisch-dänische Weltreich von Nord-Norfolk aus regierten. König Knut starb in Norfolk und hinterließ blühende Städte wie Norwich, eine Gründung der Wikinger wie auch alle Dörfer an der Küste. Diesen Winter hätten sich die Wikinger hier sicher wohl gefühlt: Wir haben einen echten Winter. Das ist eine Rarität, da an dieser Küste eigentlich ein ausgeprägtes mildes Winterklima herrscht & Kinder den Schnee nur aus dem Bilderbuch kennen. Die erste Woche des neuen Jahrs kam mit Frost & sogar mit Schnee, freilich in homöopathischen Dosen. „Die kälteste erste Woche des Jahres seit über zwanzig Jahren“, lese ich im Supermarkt in der Zeitung. Selbst im Radio spricht man vom Frost nicht freundlich, obwohl aus stahlblauem Himmel die Sonne scheint & die Sterne nachts zum Greifen nah sind.
Um diese Jahreszeit lebt eine riesige Schar Vögel in meinem Garten, nicht die „rare birds“, auf die die Vogelgucker hier aus sind, sondern normale Gartenvögel wie Stare, Finken & Spatzen. Meine wilden Apfelbäume haben nämlich den Garten mit Äpfeln übersät & so zu einem Paradies für Vögel gemacht. Nachdem ich - mit tatkräftiger Hilfe - im Schweiße meines Angesichts zwanzig Schubkarren vermoderter, ausgepickter & schimmliger Äpfel auf den Kompost warf, residieren dort die Vögel. Sie rollen jedoch zu meinem Leidwesen ihre Äpfel, die sich inzwischen dem Stadium des Apfelmuses angenähert haben, wieder auf den Rasen zurück. Man kann gegen die Natur einfach nicht gewinnen, außer gegen den Weihnachtsbaum, der gerade neben mir im Kamin mit einem letzten Knistern & Leuchten verbrennt.
Während meiner Vortragstour & hinterher zu Hause bin ich der Freude erlegen, an meinem Roman zu schreiben. Besonders wenn ich zu Hause lebe & es so einrichte, dass ich allein bin, kann ich tagelang der selbst erdachten Welt meines Romans verfallen. Die Realität scheint gegenüber der Geschichte unwesentlicher zu werden, freilich nur bis zum Ende des Quartals, wenn die Umsatzsteuervoranmeldung anliegt.
Als Sachbuchautor habe ich das Schreiben aus einer bestimmten Stimmung heraus als eitle Tusserei von Romanautoren lächelnd abgetan. Nun merke ich es selbst: Um einen Roman zu schreiben, muss man sich für längere Zeit eine förderliche Umgebung schaffen. Ich bin zum Beispiel abhängig von einem mir als anmutig erscheinenden Zimmer. Es ist meine Muse, wie jetzt mein Kaminzimmer, in dem ich auf dem Schaukelstuhl sitzend schreibe. Der Weihnachtsbaum ist fast verbrannt. Wildgänse fliegen in einem großen Schwarm über das Haus in die Salzmarschen, wo einige Wasserlöcher weiß zugefroren sind. Diejenigen, in denen der Sage nach Grendel oder seine Großmutter leben, sind freilich noch nicht vereist, damit das Monster schnell herausspringen kann, um von dem einsam Wandernden die Glieder abzubeißen. Später kommt der Hund von Baskerville, der sich die Knochen zum Abknabbern holt, da er, bereits zur Legende erstarkt, so kühn die Küste vor neugierigen Blicken schützt. Das ist der wohlverdiente Lohn für den Schutz der Schmuggler.
Jetzt sind die letzten Touristen abgefahren, die über Weihnachten & Neujahr Parkplätze, Supermärkte & Läden füllten & den Strand bevölkerten – genauer gesagt: die ersten zehn Meter des Strandes, wenn man vom Parkplatz her kommt. Nur der zähe Vogelbeobachter geht den Strand entlang hinaus die sechs Kilometer auf das Haff, um sich am Ende des Landes unter Vögeln & Seehunden wohl zu fühlen.
So manch ein Vogelbeobachter erinnert mich an „Birdy“, die Hautperson des Romans, in dem ein Vogelliebhaber zu einem Vogel wurde. Die winterlichen Vogelbeobachter, „the real birdwatchers, findet man in Bäumen stets mit dem Fernglas am Auge sitzend oder in Scharen am Strand erscheinend. Diese wetterfesten Gestalten gehören zur winterlichen Landschaft wie die hohe Dünung der See.
Neben den Birdwatchern sehe ich Eulen öfters zur Zeit. Eine weiße Eule, die jedoch keine Schneeeule ist, jagt an der Wiese hinter meinem Haus. Nachts höre ich sie schreien & schlafe glücklich weiter, wohl wissend keine Maus zu sein.
Bis Ende Februar werde ich noch zu Hause den Winter genießen, jeden Tag Anmachholz hacken & die Asche des Kamins auf den Beeten verteilen & schreiben.
Ich wünsche Ihnen und Euch einen geruhsamen & gemütlichen Winter.

Mit lieben Grüssen
Klausbernd Vollmar 

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Harmonie vs Dissonanz

Die Weihnachtszeit inklusive die ersten Tage des neuen Jahres inspirieren dazu, über das nachzudenken, was wir als „harmonisch“ bezeichnen.
Als ich über ein Buch über die Formen in der Kunst nachsann (siehe weiter unten in diesem Freundesbrief) und emsig zu diesem Thema las, stieß ich fortwährend auf den Begriff der Harmonie – und das noch zur Adventszeit. Was wir als harmonisch ansehen, ist vom Zeitgeist geprägt. Bei einem mir befreundeten Fotografen in Hamburg erlebte ich den Wandel von dem, was landläufig harmonisch wirkt, als ich seine Gallerie von Covergirls von den vierziger Jahren bis heute bewunderte.
Dass wir überhaupt in der Harmonie einen positiven Wert sehen, ist von Traditionen geprägt, wissen die Kunsthistoriker. Was wir als harmonisch betrachten, ist vom Zeitgeist abhängig.
Die Renaissance, die gemäß der Kunstauffassung der Antike die Harmonie der Natur abbildete, sah beispielsweise in den mittelalterlichen Proportionen der Gotik etwas Überholtes, ja geradezu Hässliches und Barbarisches. Ihrer Auffassung nach wirkten die Harmonien der Gotik disharmonisch. Die Renaissance-Künstler wollten die Natur und menschliche Szenen wiedergeben, wie ein objektives mathematisch geschultes Auge sie sah. Dagegen wehrte sich allerdings der Manierismus vehement, dem die Auffassungen der Antike und Renaissance von mathematischen Proportionen - ähnlich wie viel später den romantischen Künstlern – als zu starr und eng erschienen. Die Klassik feierte dann wieder die Harmonie nach der Devise: Je mehr Symmetrie, desto harmonischer. Ein Schema, das freilich über kurz oder lang in langweilige Eintönigkeit wegen all der Harmonien münden musste.
Das Aufkommen der Schauerliteratur in der Romantik wirkte sich auch auf die bildende Kunst aus, in der nun das sogenannte Formlose oder Disharmonische versucht wurde darzustellen. Friedrich Schlegel (1772-1829) betonte in seiner Schrift „Über das Studium der griechischen Poesie“ von 1797, unter dem Einfluss der Französischen Revolution, dass das Disharmonische und Regelwidrige in der Kunst das Moderne sei. Die Auflösung der Harmonie wurde als Notwendigkeit betrachtet, um Neues hervorzubringen. Was letztendlich zu dem als Provokation gedachten Zelebrieren des abgrundtief Disharmonischen bei einigen Futuristen und Expressionisten führte. Theodor Wiesengrund Adorno geht in seiner ästhetischen Theorie davon aus, dass der Expressionismus die Disharmonie nutzt, um sein Unbehagen mit der Kultur auszudrücken. Allerdings, so wendet Umberto Eco ein, ist die hässliche Form der damaligen Avantgarde längst als neues Schönheitsmuster akzeptiert.
Grundsätzlich stellte Thomas Mann (1875-1955) in seinem Roman „Doktor Faustus“ (1947) die Harmonie in Frage, wenn er, teilweise ähnlich wie sein Kollege Bert Brecht (1898-1956), die Dissonanz lobt, da das Harmonische dem Kitschigen oder zumindest dem Gewohnten zuneigt, das uns nichts Neues mehr vermittelt und nicht zum Denken anregt. Außerdem, so betont die Wahrnehmungspsychologie, wirkt die Dissonanz erregend, auch wenn Eco sicher richtig vermutet, dass sie bald die neue Harmonie sein wird.
Dass man die Harmonie hinterfragt, ist keine Errungenschaft der Moderne. Schon in der Antike wurde der als harmonisch propagierte attische Stil von dem disharmonischen asiatischen und später afrikanischen Stil in Frage gestellt. Im dunklen Mittelalter des 7. bis 10. Jahrhunderts wurden die ausgewogenen Harmonien der Antike ins Maßlose und damit ins Hässliche übersteigert und zerstört. Als Erster drückt der italienische Philosoph Antonio Rocco (1586-1653) diese Kritik des Harmonischen in seinem Werk „Della Bruttezza“ von 1635 klar aus, wenn er meinte, zu viel Harmonisches führt zum Überdruss.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) formulierte, dass der Mensch das Maß der vollkommenen Harmonie darstellt. Der Betrachter hält jene Formen für harmonisch, die ihm sein Bild widerspiegeln. So schufen bereits im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung der griechische Bildhauer Polyklet und dreihundert Jahre später der römische Architekt und Autor Vitruvius einen Kanon der Harmonien, der an dem menschlichen Maß ausgerichtet war. In der Moderne war es der Schweizer Architekt Le Corbusier (eigentlich Charles-Elouard Jeanneret-Gris, 1887-1965), der von Modulen ausging, die allerdings nicht mehr dem Maß des Menschen entsprachen, sondern dem der Maschine. Und dieses Maß führte den einflussreichen Architekten zu den „harmonischen Formen“ Kreis, Rechteck und Quadrat bzw. den Kubus.
Aber alle Harmonien werden, wie der über lange Zeiten hochgelobte Goldene Schnitt, langweilig, da sie das Erwartete wiedergeben. Das Auge und der Geist des Betrachters werden durch diejenigen Formen angenehm gereizt, die eine mittlere Abweichung vom Erwartungshorizont bieten. Insofern wandelt sich die Ansicht über die Harmonie und somit über die Schönheit ständig innerhalb der Grenzen unserer Wahrnehmung.

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Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt

Per Petterson: Pferde stehlen. Roman, Fischer, Frankfurt/M. 2008
Christensen ist das neu entdeckte Romantalent Norwegens, das lange im Schatten von Herbjörg Wassmo und Lars Saabye Christensen stand (beide kommentierte ich in Freundesbriefen des letzten Jahres). Nun ist er in aller Munde. Als ich beiläufig beim Essen erzählte, dass ich einen zeitgenössischen norwegischen Autor lese, erwähnten meine Gastgeber sogleich Per Christensen, dessen Roman „Pferde stehlen“ im „Guardian“, der Zeitung der Intellektuellen, hoch gelobt wurde. Auch „Die Zeit“ empfiehlt diesen Roman als Lektüre wegen seines ruhigen und zugleich kraftvollen Stils. In Norwegen war der Roman ein Riesenerfolg. Er erzählt langsam mit wunderbaren Natur- und Stimmungsschilderungen, obwohl einiges in diesem Roman geschieht, der heute und zur Zeit der deutschen Besatzung spielt. Wie fast immer in der nordischen Literatur geht es u.a. um die Themen Tod, Männerfreundschaft und eigentlich das Übliche, aber es ist hervorragend erzählt.

Erika Mann: Wenn die Lichter ausgehen. Rowohlt, Hamburg 2005
Dieser Roman von Thomas Manns Tochter erschien zuerst 1940 in den USA und Kanada. Ich bekam ich ihn eigentlich zum Geburtstag, aber dann doch durch dunkle Umstände erst zu Weihnachten geschenkt und musste sofort darin blättern, da ich Erika Mann, die älteste Tochter von Thomas und Katia, bislang „nur“ als Journalistin und von dem Münchner Kabarett „Die Pfeffermühle“ her kannte. Erika, eines der wenigen geschädigten Kinder dieser Schriftsteller-Familie, gelingt es in anschaulicher und leicht zu lesender Weise ein Bild des Alltagslebens im faschistischen Deutschland zu zeichnen. Dabei erfährt selbst der informiertere Leser Details, die ihm neu sein werden. Dass Erika Mann derart informationsreich über den faschistischen Alltag berichten kann, liegt an der Struktur des Romans, der uns Menschen aus verschiedenen Schichten in ihrem Alltag beschreibt. Wer sich für das Alltagsleben während des deutschen Faschismus interessiert, für den ist das Buch eine Pflichtlektüre – meine ich.

Als ich an meinem Roman „Tantes Tod“ schrieb, recherchierte ich unter anderem über Romane, in denen Bibliotheken vorkommen, so wie es nach Umbertos Ecos Welterfolg „Der Name der Rose“ in Mode gekommen war. Dabei stieß ich auf Jean Paul Sartres „Ekel“. Einen Klassiker zu lesen, bringt immer Freude, dachte ich naiv, und war erschrocken, wie langweilig ich diesen Roman fand, in dem eine Person vorkommt, die eine Bibliothek systematisch von A – Z liest, um, wie sie meint, klug zu werden. Sartre lehnt selbstverständlich diese Haltung ab und ich muss sagen, mit seinem Roman wurde ich nicht klug, aber er ist ein gutes Mittel bei Schlafstörungen (klinisch getestet in einem lauten Hotel in der Schweiz). Seine Freundin Simon konnte viel besser schreiben als er – oder?
In Umberto Ecos „Der Name der Rose“ spielt die Bibliothek die Rolle des gefährlichen Labyrinths und des zu unterdrückenden Wissens. Ähnlich wie Eco sieht Borges in „Die Bibliothek von Babel“ die Bibliothek als ein labyrinthisches Universum an. Für ihn existiert dieses Universum seit Ewigkeiten und der Mensch ist nur ein unvollkommener Bibliothekar, dem sich die Rätsel dieser Bibliothek nie vollständig lösen. Von Borges hat sich auch Tad Williams für seine gefährliche Bibliothekswelt in „Otherland“ inspirieren lassen.
Der blinde Bibliothekar in Ecos Roman ist ein Hommage an Borges, der außer Autor auch noch hochrangiger Bibliothekar war und fast erblindet starb. Eco liebt es, mit solchen Anspielereien seine belesene Leserschicht zu erfreuen.
In Thomas Bernhards „Der Stimmenimitator“ erhängt sich der Bibliothekar der Universitätsbibliothek Salzburg nach 22 Dienstjahren, da er es nicht mehr ertragen kann, Bücher zu ordnen und auszuleihen, die Unheil anrichten.
Ist es nicht erstaunlich, fragte ich mich, dass Autoren, also richtige Buchmenschen, Bibliotheken als gefährliche Orte beschreiben? Für mich sind sie ein aufregender Ort der Ruhe und Konzentration – nichts von gefährlich ... obwohl ich vor vielen Jahren fast von einem Bücherregal erschlagen wurde, das ich als handwerklich schwächelnder Autor, an die Wand geschraubt und dann mit dem großen Brockhaus und der Dudenreihe, zusätzlich je einen dicken Weltatlas und Sternenatlas gefüllt hatte.
Es war noch in den Tagen der elektrischen Schreibmaschinen. Bei meiner fuhr der Wagen beim Zeilenumbruch imposant wie ein Torpedo zurück. Als ich nichtsahnend in die zweite Zeile wechselte, der Wagen also energisch zurück schnellte, kamen mir Duden, Brockhaus und Atlanten entgegen. Sie hauten mich unter meinen Schreibtischstuhl, der mich vor der Bücherflut gerade hinreichend schützte, um nur mit blauen Flecken davon gekommen zu sein. Das war übrigens auch das Ende meiner elektrischen Schreibmaschine. Vielleicht sind Bibliotheken doch gefährlich?
Auf alle Fälle kann ich Ihnen die 1047 heilig gesprochene Wiborada von St. Gallen empfehlen. Sie ist als Heilige für den Schutz der Bibliotheken und all jener, die Bücher lieben, zuständig. Immerhin rettete sie im Jahr 928 aus der berühmten Klosterbibliothek von St. Gallen Handschriften, wobei sie der Sage nach von hunnischen Streitäxten zerhackt wurde.

Wie ich es auch drehe und wende, die Bibliothek bleibt ein gefährlicher Ort.

 

 

Freundesbrief 12

August 2008

 

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

nun haben Sie lange nichts mehr von mir gehört. Sorry, aber Schuld daran war mein Ischias, der mir von heute auf morgen jede Anmut raubte und mich auf dem Boden herumkriechen ließ. Ich kam mir wie ein Greis vor, eine schauerliche Vorstellung für Narzissten. Nachdem ich Osteopathie, Reiki, Massagen, Shiatzu und was nicht alles über mich ergehen ließ, war es die Akupunktur und Psychoanalyse, die mich wieder auf die Beine und den Stuhl brachte. Das Behinderndste war nämlich, dass ich nicht sitzen konnte. Mir wurde dadurch klar, in was für einer sitzenden Gesellschaft wir leben. Nun laufe ich wieder munter durch die Gegend, fahre Boot und sitze vor meinem Notebook. Vielen Dank an die Heilpraktikerin Christine Ackermann/Berlin, dem Psychotherapeuten Konrad Lenz/Freiburg und meiner Psychoanalytikerin Georgina van der Gent/Kapstadt. Sie machten mir klar, dass ich nicht mehr der jugendliche Held zu sein brauche und dass auch im Alter Attraktivität liegt. Okay, ich hab es verstanden - hoffentlich.
In dieser Leidensphase reagierten meine Träume schamlos unverschlüsselt mit Bildern vom einsamen Helden, der gleich Nietzsches Übermensch so elitär war, dass ihn nichts und keiner mehr berührte. Ich erlebte erstmalig, wie in akuten Krisensituationen die Träume so uncharmant direkt wurden, dass meine Psychoanalytikerin ihre Abstinenz vergaß und oftmals lachen musste. Sie verwandelte sich von der freudlosen zur freudigen Freudianerin.

Während ich danieder lag, begann ich auf dem Bauch liegend an meinem zweiten Roman zu schreiben, was mir gut bekam. Obwohl die Figuren, Situationen und Handlungen konstruiert sind, ist es erstaunlich bis erschreckend, in welchem Maße sie einem die eigene Psyche und deren Muster widerspiegeln. Als Sachbuchautor beängstigte mich zu Beginn das literarische Schreiben. Trotz genauester Planung der Charaktere und Handlungsstränge verselbstständigt sich beim Schreiben der Text. Verwundert schaue ich auf den Bildschirm mich fragend, wer denn da schreibt. Literatur, die als künstlerisch ausgearbeiteter Traum zu sehen ist, hat die Tendenz, sich von ihrem Produzenten zu emanzipieren. Der Geist plant, aber beim Schreiben übernehmen unbemerkt das Gefühl und verdrängte Inhalte des Unbewussten die Herrschaft. Wie beim Ischias-Problem lag es an, sich in Hingabe zu üben und sich selbst zu überraschen. Zu meinem Erstaunen waren alle Befürchtungen müßig, denn der rote Faden ging nie verloren.
Obwohl mich das literarische Schreiben fasziniert, werde ich weiterhin Sachbücher schreiben. Ja, ich bemerke, dass dem Sachbuchschreiben der literarische Ausdruck gut bekommt, der Stil wird gefälliger und witziger. Wahrscheinlich werde ich demnächst mit neuem Schwung ein Buch über die Farben schreiben.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und möge der Sommer noch etwas anhalten, wenn auch die herbstliche Stimmung zunimmt. Nach der klassisch chinesischen Auffassung, wie mir Christine vermittelte, beginnt der Herbst bereits nach der Sommersonnenwende. Aber keine Angst, wir werden sicher noch sonnig warme Tage erleben.

Mit lieben Grüßen vom heute sonnigen, aber windigem Meer

Klausbernd Vollmar

 

***

Nach den Erfolgen meiner beiden Farbbücher „Das große Handbuch der Farben“ und „Das kleine Buch der Farben“ (beide beim Königsfurt-Urania-Verlag erschienen) wurde ich in den letzten Wochen vielfach zu den Wirkungen der Farben interviewt. Besonders interessierte die Journalisten die Farbe Weiß, die als „das neue Schwarz“ angesehen werden kann. Weiß wurde zur Modefarbe, die feine Exklusivität ausdrückt. In dem folgenden Text stelle ich Ihnen die neue Modefarbe Weiß vor.

Weiss

Die Farbe zwischen Unschuld und Wollust

Weiß als abstrakte Farbe
Weiß ist Farbe des Lichts, der Reinheit, des Ideals und somit des Abstrakten.
Nach Goethes Farbenlehre stellt Weiß die Trübe dar, durch die das Auge des Beobachters auf Licht und Finsternis schaut, um so die Regenbogenfarben zu erblicken. Weiß steht über den Farben, es stellt eine Metafarbe dar. Das zeigt sich darin, dass sich alle Lichtfarben zu weiß mischen.
Das Abstrakte der Farbe Weiß zeigt sich ferner an der geringen Farbreichweite von Weiß: Wird in Weiß ein wenig einer anderen Farbe eingemischt, verliert es seinen Farbcharakter. Keine andere Farbe besitzt eine derart geringe Farbreichweite, keine andere Farbe beschmutzt sich derart schnell.

Weiß ist das technisch Reine und das Coole. Die Sucht, angesichts der ökologischen Krise alles sauber zu machen, ist verständlich - aber natürlich ist Weiß synthetisch. Das weiße Mehl, der weiße Zucker und das berüchtigte Weißbrot gehören nicht gerade zu den gesunden Lebensmitteln. Die gereinigten Drogen sind diejenigen, die hochgradig süchtig machen wie Heroin und Kokain, das bezeichnenderweise als Schnee bezeichnet wird. Der Trip wird dann white horses genannt, die Entzugserscheinungen white turkey.
Weißes Papier gefährdet unsere Flüsse und die großen Weißmacher, die Waschmittel erst recht. Aber wir haben eine weiße Weste, denn Herr und Frau Saubermann bemühen sich wacker um Reinheit.

Psychologie von Weiß
Reinigung
Weiß symbolisiert häufig einen Neuanfang. Man reinigt sich von der Vergangenheit. Dieser Reinigungsdrang erzeugt eine Weißbesessenheit - die Weißwäscher, über die sich Bert Brecht in „Turandot oder der Kongreß der Weißwäscher“ lustig machte. Die Waschmittelwerbung nimmt dagegen das weißeste Weiß bis zur Lächerlichkeit ernst. Die gute Hausfrau ist rein, fürchterlich steril, und es verwundert nicht, dass sie keiner begehrt und sie sich in ihrer Frustration noch extremer der Reinheit zuwendet. So viel Reinheit hält keiner aus. Zu makellos weiß ist unmenschlich und unnatürlich, da bleibt kein Platz für die Lust.

Kalter Intellekt
Weiß wurde von Aubrey Beardsley im Jugendstil und Louis Meyer geliebt. Letzterer eröffnete seine Schwarz-Weiss-Gallerie 1897. Es war die Obzession der Viktorianer alles weiß und rein zu machen, aber auch der Ausdruck ihres distanzierten kalten Intellekts. Freilich drückt Weiß Klarheit aus, aber eine beängstigend unmenschliche Klarheit, eine Abstraktion und keineswegs das blühende Leben. Das Leben ist bunt, der Tod ist weiß wie die gebleichten Knochen.

Vergeistigung
Das weiße Einhorn, ein altes Symbol des männlichen Geistes, wird durch die weiß dargestellte Jungfrau angelockt, in deren Schoß es sein Horn legt. Dieses Einlassen auf das Jungfräuliche wird dem männlichen Geist zum Verhängnis. Das Einhorn wird getötet - meist um seines Hornes willen, dem man magische Stärke zusprach.
Weiße Vögel stehen für Vergeistigung, wie die weiße Taube, die ursprünglich Sophia, die griechische Göttin der Weisheit, symbolisierte.
Um den Geistcharakter der Farbe Weiß weiß die deutsche Sprache, in der das Wort „Weisheit“ etymologisch auf den Farbbegriff „weiß“ zurückgeht.

Weiß und Sex
Alles wird fürchterlich hygienisch. Nach Freud leben wir in einer hochgradig analfixierten Gesellschaft, die nichts mehr als den Schmutz bekämpft. Schmutzig ist das Natürliche, der Sex, die Körperausscheidungen. Ich erinnere an das erfrischende Interview mit Madonna, in dem sie gefragt wird, ob Sex schmutzig sei. Ihre geniale Antwort: „Nur wenn man sich nicht wäscht!“ Woody Allen übernahm dieses Bonmot.
Der japanische Modedesigner Issey Miyake ist einer der ersten, die Weiß als Modefarbe propagieren. 1999 kreiert er den aufsehenerregenden Ärzte-Look und argumentiert: Weiß ist männliche Autorität. Schon Freud erwähnte die sexy sexlosen Ärzte, welche die einzigen in unserer Gesellschaft sind, die andere sich ausziehen lassen dürfen, die aber im Stil der Zeit völlig clean bleiben. Wie in der Peep-Show und beim Table Dance lautet die Devise: betrachten, aber die Objekte des Begehrens nicht berühren.
70% der deutschen Bevölkerung empfinden Weiß als die perfekte Farbe für Dessous (immerhin tragen über 60% der Frauen zwischen 16-29 erotische Unterwäsche), denn Weiß zieht die Aufmerksamkeit in den Bann. Es zieht den Blick auf die Stellen des Begehrens. Weiß ist das engelhafte, unschuldig Reine, das man verführt und somit von der Reinheit befreit.
Die weißen Brüste wurden im Hoch-Mittelalter an dem Liebeshöfen Aquitaniens besungen, wo die Sexualität kultiviert werden sollte und zur gleichen Zeit galt der weiße Samen als der gute und fruchtbare Samen, der starke und gesunde Kinder zeugt. Die weiße Haut galt bis weit in die Neuzeit hinein als die reine Haut, die erotisiert wurde. Sie war stets verhüllt und gab sich nur den Blicken der Auserwählten preis. Das hat sich freilich im 20. Jahrhundert geändert, als im dialektischen Prozess gerade die dunkle Haut erotisiert wurde. Das Wilde wurde verständlicherweise dem Keuschen vorgezogen. Heutzutage ändert sich die Einstellung zur weißen Haut wieder. Die neue Prüderie, die aus den USA Europa heimsucht, wie die Ozonlöcher lassen die weiße Haut wieder zum Objekt der Begierde werde.

Farbe des Todes
Weiß ist die Farbe des Todes, der Abstraktion und der Erstarrung. In Melvills Bestseller „Mobby Dick“ wird die Farbe Weiß betont und ihr ein lesenswertes Kapitel gewidmet.
Der Symbolwert von Weiß als Farbe des Todes ist vom analogen Denken her naheliegend, denn weiß ist das Gerippe und die gebleichten Knochen. Weiß ist der Schnee im Winter, wenn alles abgestorben ist.
Im Aberglauben und der Magie sind es die weißen Tiere und weiße Blütenblätter, die den Tod ankündigen. Weiße Blütenblätter bei Blumen im Garten sollen gemäß des Volksglaubens den Tod eines nahen Verwandten ankündigen.

männliches Weiß
Dass Weiß in unserem Kulturbereich positiv gesehen und Schwarz dämonisiert wird, hat historische Ursachen. Ursprünglich (im Matriarchat?) war Schwarz die positive Farbe, als Farbe des Unbewussten, das stets weiblich gedacht wurde. Aus dem Dunkel wächst alles Leben. In Ländern der Ursprünge unserer Kultur - Zweistromland und Ägypten - war es die brennende Sonne, die den Tod brachte. Der schwarze Schlamm der Flüsse dagegen gab Fruchtbarkeit. In diesen Kulturen wurde das Göttliche in der Erde, im Körper gesehen. Im Patriarchat, das mit den Lichtmysterien aufkam, suchte man das Göttliche im Himmel und fand es in der Sonne. Es ging um die Überwindung des Körpers und um Vergeistigung. Man blickte nach oben, die Welt verlagerte sich in den Kopf. Damit wurde Weiß positiv und Schwarz negativ bewertet, worin sich eine Körperfeindlichkeit ausdrückte, die bis heute die Nachfolgemythologien dieser Lichtmysterien wie das Christentum prägt, obwohl in solch einer strengen patriarchalischen Ideologie wie dem Christentum sich auch das positive Schwarze hielt in den wundertätigen schwarzen Madonnen. Als man sie im späten Mittelalter weißte, verloren sie ihre Wunderkraft, die Pilger blieben aus und angesichts des ökonomischen Verlustes wurden sie schnell wieder schwarz lackiert - worauf sich die Wundertätigkeit, die Pilger und das Geld wieder einstellte.
Autoritäten tragen gerne Weiß wie Gurus, Ärzte, Päpste und die Macht ist den USA an das Weiße Haus gebunden.

Farbe der Aggression
Weiß ist eine aggressive Farbe, die ins Auge sticht. Das liegt physiologisch am Rhodopsin-Abbau in den lichtsensiblen Zellen der Augen.
In seiner Farbgestik überstrahlt Weiß alles und lässt es größer erscheinen. Ein weißer Gegenstand wird 1/5 mal größer wahrgenommen als ein dunkler. Weiß wirkt übergriffig.
Die aggressive Seite von Weiß drückt sich auch in den Anzügen im Kampfsport aus.

weibliches Weiß
Es gibt auch ein weibliches Weiß, wenn jedoch ursprünglich die weibliche Farbe Schwarz ist. Dennoch im Hexenzauber ist Weiß wichtig. Die nährende Milch aus den weißen Brüsten prägt die weibliche Seite von Weiß.
Juno, weiße Tara, die Sibyllen, das sind die weißen Frauen und im Christentum ist es Maria, die mit der weißen Lilie dargestellt wurde, und das Schneewittchen. Dies Anima-Projektionen, die sehr intelligent von dem mit Archetypen arbeitenden deutschen Film „Rossini“ ironisiert werden.
In Japan ist Weiß die weibliche Farbe wie in unserem Kulturbereich sie die Farbe der Jungfrauen ist, weswegen ganz in weiß geheiratet wird.
Weiß ist ferner die Farbe, sich zu ergeben und sich hinzugeben. Das Jungfräuliche ergibt sich, um erwachsen zu werden und die jungfräuliche Naivität hinter sich zu lassen.

Farbe des Schutzes
Weiß schützt gegen das Wilde, das stets schwarz gedacht wird. Da Ideologien wie das Christentum mit dem Wilden haderten, wurde Weiß dem Schwarzen vorgezogen. Allerdings findet man solche Tendenzen noch in der Magie, die besagt, dass sich auf ein weißes Tuch zu stellen, unangreifbar macht, und die das Blut weißer Tiere als zauberkräftig ansieht.
Weiß verweist auf Sauberkeit und Hygiene, die vor Seuchen schützen, weswegen in Seuchengebieten in Indien Umzüge mit weißen Fahnen veranstaltet werden. Und ursprünglich waren alle Pillen und Tabletten weiß.

Historischer Abschluss
Als im Mittelalter die Städte und somit das Bürgertum aufkam, waren die bunten Farben bereits durch den Adel besetzt. Er richtete sich nach der Heraldik. Das Volk trug ungefärbte Stoffe und zeigte sich in schmutzigen Naturfarben. Für das aufkommende Bürgertum blieb im Farbcode nur Schwarz und Weiß übrig, Farben, die seit dieser Zeit zumindest das mittlere Bürgertum kennzeichneten.

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Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt
Meine norwegische Freundin Hanne versorgt mich regelmäßig mit nordischer Literatur und verhalf mir damit, wieder zu meinen Ursprüngen als Germanist und Nordist zurückzufinden. Meine Neuentdeckung ist der norwegische Autor Lars Saabye Christensen. Zuerst las ich seinen wunderbar erzählten, skurrilen Roman „Der Halbbruder“. Nicht nur, dass er witzig und ironisch geschrieben ist, sondern er erinnerte mich auch in anderer Hinsicht an Thomas Mann. Christensen ist im ersten Teil dieses Romans ein Meister des langen Satzes. Wie wohltuend, nach all dieser Kurzsatz-Literatur, in der eine Platitude die andere jagt. Christensen bekommt es hin, seine langen Sätze hochgradig leserlich und amüsant zu halten. Mir wurde klar, wie längere Satzkonstruktionen, falls sie wie bei Christensen, gekonnt eingesetzt werden, wesentlich mehr Möglichkeiten der genauen Beobachtung und der ironischen Distanz bieten als die eindimensionalen Kurzsatztexte á la Focus. Bei Christensen wird die Literatur wieder genüsslich zu lesen.
Vom gleichen Autor las ich noch „Der falsche Tote“, ein Krimi voller Situationskomik und ausgeflippter Typen und „Yesterday“. Mit dem Beatle-Roman „Yesterday“, eine mitreißende Schilderung der sechziger und frühen siebziger Jahre, gelang Christensen der Durchbruch als international anerkannter Autor. Vom Stil her ist dieser Roman konventioneller als „Der Halbbruder“, aber er versetzt den Leser ebenso in eine Art Ingmar-Bergman-Stimmung, dass er das Gefühl hat, selbst Teil der Story zu sein. Im Grunde ist „Yesterday“ ein schön schräger Entwicklungsroman von vier jungen Norwegern, die wie alle Helden Christensens oft verzweifelt, aber nie hoffnungslos sind. 2005 erschien in Deutsch der Nachfolgeroman zu „Yesterday“ mit dem bezeichnenden Titel „Waterloo“.
Christensen erhielt wie die hier zuvor besprochene Herbjörg Wassmo den Nordischen Literaturpreis.

Zur Zeit lese ich den Geschichtenband „Der Schneewanderer“ von Farley Mowat. Dieser kanadische Autor ist als Tierschützer und Anwalt der benachteiligten Völker bekannt. Seine Geschichten sind unterhaltsam zu lesen und weisen am Ende häufig unerwartete Wendungen auf. Er besticht durch die Erzeugung von Stimmungen, in die der Leser sich leicht hineinfallen lassen kann.

Und noch zum Schluss eine niederländische Autorin: Heleen van der Laan. Die junge Frau beschreibt in ihrem tagebuchartigem Roman „Wo bleibt das Licht“ äußerst realistisch ihre Überwinterung auf Spitzbergen. Es ist eines der wenigen Bücher über den Norden, in dem sexuelle Konflikte differenziert dargestellt werden, ohne je in platte Schwarz-Weiß-Malerei abzusinken. Dass dieses Buch zu einem Kultbuch der niederländischen Jugend in den neunziger Jahren wurde, liegt in seiner rückhaltlosen Ehrlichkeit und dem Fehlen jeder narzisstischen Selbstdarstellung, die die meisten Bücher über die Arktis unleserlich macht.

 

 

Freundesbrief 11

Ostern 2008

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren

Vor drei Tagen kam ich zurück nach Hause an einem jener stürmischen Morgen, als das Meer mächtig gegen den Strandwall wogte und die Gischt weit hinaus in die Marschen flog. Leider traf ich arktische Verhältnisse an, da meine Heizung im Haus ausgefallen war. Glücklicherweise hatte ich jedoch meine Expeditionskleidung im Auto, die mir gute Dienste im Haus leistete, ehe ich sie eingemottet unters Dach packte.

 

Farbe, Design, Kommunikation - Gedankensplitter 

Außer in Berlin habe ich auf dieser Reise über die Farben und ihre Sprache und Symbolik gesprochen. Überall war das Publikum sehr interessiert und diskutierte munter über Mode-, Auto- und Wandfarben. Mehrfach wurde ich zur Farbe Weiß interviewt, die als neue Modefarbe gilt, obwohl einige Meinungsforschungsinstitute spätestens für nächstes Jahr wieder Schwarz als Modefarbe voraussagen. Weiß war bereits in den fünfziger des letzten Jahrhunderts sehr beliebt. Geräte von Braun wie der legendäre „Schneewittchensarg“, jener Quader, der eine Stereoanlage umschloss, waren weiß. Seit 1957 wurden auch die Küchengeräte von Braun weiß. Erinnern Sie sich an den Braun-Mixer KM 321? Von nun an symbolisierte Weiß platonische Perfektion und vollendetes Design. Bald monierten jedoch die Benutzer die Schmutzanfälligkeit von Weiß. Seit den siebziger Jahren reagierten die Designer darauf mit Schwarz. Spitzendesigner, die High-Tech-Produkte entwarfen wie Dieter Rams, Richard Fischer und Richard Sapper begannen schwarz und speziell matt lackiertes Schwarz zu lieben. Kameras, Rechner, Lampen und Autos wurden schwarz.
Und wie ist es zur Zeit?
Die letzten paar Jahre war vom Handy bis zum Auto Silber die beliebteste Farbe. Silber drückt hoch entwickelte Technik aus wie damals bei den „Silberpfeilen“, den deutschen Rennwagen. Ursprünglich war deren Farbe weiß, aber aus Gründen des Gewichts kratze man die Farbe bis aufs Blech hinunter ab und so war der Silberpfeil geboren und Silber mit Schnelligkeit verbunden.
Den Trend-Scouts entsprechend wird Silber nun erst von Weiß und dann von Schwarz abgelöst werden. Das liegt unter anderem daran, dass man heute Spitzentechnologie nicht mehr durch Farbe verdeutlichen muss. Sie ist zur Selbstverständlichkeit geworden. So kann Silber durch das abstrakte Weiß abgelöst werden, das im Grunde keine Farbe ist, sondern ein Zustand, bei dem fast alles Licht von der Oberfläche reflektiert wird, was schon die Impressionisten betonten. Fast könnte man das Wirken von Hegels Weltgeist im vorausgesagten Umschlag von der Lieblingsfarbe Weiß zu Schwarz vermuten. Auch Schwarz ist eine abstrakte Farbe oder vielmehr die Situation, in der fast alles Licht von Oberfläche absorbiert wird. Während Weiß die Unschuld ausdrückt und das Reine, das wir schon lange verloren haben, betont Schwarz die Exklusivität. Untersuchungen ergaben, dass schwarze Gegenstände als edler und teurer, teilweise auch individueller eingeschätzt werden als weiße. Jeder Gebrauchtwarenhändler kann es Ihnen bestätigen, weiße Autos sind schwer nur zu verkaufen, schwarze dagegen einfach.

In Berlin drehte sich alles um den Traum. Hier leiteten Christine Ackermann und ich eine sehr motivierte Gruppe. Christine schenkte mir ein hoch philosophisches Traumbuch des italienischen Autors Luigi Malerba. Trotz emsigen Bemühens habe ich das Buch nur halb verstanden, aber nichts-desto-trotz regte es mich an.

 

Die Versuchung, allem eine Bedeutung zuzuschreiben, bei jeder Gelegenheit, in jeder Lage, hat eine semiologische Neurose hervorgerufen, die vor keinem Hindernis haltmacht, die aus Prinzip die Eigentümlichkeit des Universums und die Dunkelheit seines letzten Zwecks verwirft oder ignoriert.

Luigi Malerba

 

Dieses Zitat erinnerte mich an Shannons Theorie der Kommunikation: Die am effektivsten codierte Information erscheint als “noise” (Rauschen), solange man nicht den Schlüssel zur Dekodierung besitzt. Alle Informationen sind Rauschen, solange man den Code nicht knackt. Auf den Traum bezogen: Was sinnlos erscheint, ist die effizienteste codierte Mitteilung. Um sie zu verstehen benötigt man den Code, den Freud und Jung boten und an dem heute Konrad Lenz und ich arbeiten, wenn wir die Mitteilung von Träumen digital zu erfassen suchen. Da erhebt Malerba mahnend seine Stimme: Ist es nicht kühn davon auszugehen, dass jeder Traum seine Bedeutung hat? Vielleicht ist er nur ein ästhetisches Spiel?
Allerdings hilft das Finden von Bedeutungen, da diese uns eine Sicherheit vermitteln, dass wir unser Leben sinnvoll steuern können. Sind wir Menschen nicht Maschinen, die dazu verdammt sind, ständig einen Sinn zu erzeugen, um zu überleben?
Vertrete ich in einer Traumgruppe nur zaghaft die Meinung Nietzsches, dass das Leben und damit auch der Traum keinen Sinn besitzen, treffe ich auf völlige Verständnislosigkeit, die rasch in Aggression umschlägt. Man darf dem Menschen seinen Sinn nicht rauben – oder wie es Nietzsche meinte, nur die Stärksten können es ertragen, ohne Sinn zu leben.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin auch so ein Schwacher, der meint, dass der Traum einen Sinn besitzt, nämlich den, den wir ihm geben. Aber mich verblüfft die Vehemenz, die an Ketzerverfolgung erinnert, wenn man die Sinnfrage als sinnlos negiert. Wie sagte Nils Bohr einst: „Eine Wahrheit ist nur dann gültig, wenn auch ihr Gegenteil stimmt.“ 

 

Zum Abschluss Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt:
Heute möchte ich Ihnen einen meiner Lieblingsschriftsteller aus dem Schweizer Unionsverlag vorstellen und zwar den Dänen Jørn Riel. Der Autor kam 1949 als junges Mitglied einer Expedition nach Ost-Grönland, wo er 16 Jahre blieb. In seinen Büchern „Das Haus meiner Eltern“, eine Art schelmischer Entwicklungsroman, „Zu viel Glück auf einmal“, „Vor dem Morgen“ und „Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf“ (das ich im letzten Freundesbrief rezensierte) beschreibt er humorvoll wie äußerst kenntnisreich die skurrile Welt Ostgrönlands. Wenn Sie schlechte Laune haben, greifen zu Sie zu Jørn Riel und im Nu werden Sie sich wieder amüsieren. Für mich ist Riel zu lesen wie Ferien. Er entführt einen in eine reale Anderswelt, die jedoch leider unterging, als der große Nationalpark in NO-Grönland gegründet wurde. Riel ist einer der wenigen Autoren, die ich kenne, die Humor, Ironie und Klugheit mit großer Herzenswärme verbinden.
Seine neustes Werk „Gesang des Lebens. Die Grönland-Saga“ kam gerade erst vor ein paar Tagen heraus und eifrig lese ich schon in ihm, obwohl ich die dicke Amundsen-Biografie aus dem mare-Verlag noch gar nicht beendet habe. Diese Grönland-Saga ist eine geschickt erzählte Geschichte von der ersten Besiedlung Grönlands bis in die jüngste Zeit. Mich erinnerte die Idee und Technik dieses umfangreichen Werkes an den Bestseller „Sarum“ von Edward Rutherford, ein Roman, der in die Geschichte Englands wissensreich wie unterhaltsam einführt. Trotz ihres leichtfüßigen Erzählens kennen Riel wie Rutherford durchaus auch die traurig dramatischen Seiten des Lebens.
In einem Interview in Italien wurde ich kürzlich gefragt, wer mein Lieblingsschriftsteller zur Zeit sei. Klar, ich antwortete Riel. Nun sollte ich den mit wenigen Worten charakterisieren. „Unterhaltsamer Fabulierer mit Herz und Tiefe“ fiel mir spontan ein.
Als ich am Bodensee weilte, bekam ich das Buch und CDs der Lindauer Therapiewochen in die Hand gedrückt. Wenn Sie unter Schlafstörungen leiden, kann ich es Ihnen empfehlen. Es ist erstaunlich, wie langweilig und träge die an Jung angelehnte Psychotherapieszene sich heute gibt. „Museal“ ist wohl der treffende Ausdruck. Seit den siebziger Jahren scheint hier eine Versteinerung und Denkträgheit ausgebrochen zu sein, die außer der Selbstbeweihräucherung der alten Größen wie Kast, Willi & Co. nichts zu bieten hat. Naja, ich bin eh der Ansicht, dass Psychotherapie ein Thema des 20. Jahrhunderts war, im 21. Jahrhundert geht es wohl um Kommunikation. Wir haben uns längst von der Psychotherapie und der psychologischen Sicht emanzipiert, nur die Therapeuten scheinen das nicht bemerkt zu haben.

 

 

Freundesbrief 10

September 2007

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

vor ein paar Tagen bin ich wohlbehalten aus der Arktis heimgekehrt. Schwer fiel es mir, mich wieder an die Zivilisation zu gewöhnen, aber nun hat mich - viel zu schnell – der Alltag wieder. Ende dieser Woche reise ich wieder ab, um meine Vortragsreise in Berlin zu beginnen.

Die Arktis habe ich großartig erlebt. Sie hat mich gefangen und nächtens träume ich von den Farben des Eises, der knisternden Stille und dem Wiegen des Schiffs. Seit vielen Jahren habe ich wieder ausführlich Tagebuch geführt und zwar per Hand, meistens auf der Brücke neben dem Radarschirm sitzend, auf das eisbedeckte Meer meinen unfokussierten Blick gerichtet. Auszüge aus diesem Tagebuch mit Bildern werde ich Anfang nächsten Jahres auf meiner Website veröffentlichen. Zeit brauche ich zur Verdauung wie auch zur literarischen Bearbeitung der Einträge.
Als kleinen Vorgeschmack werde ich euch/Ihnen anschließend einen kleinen Vortrag präsentieren, den ich am 1.9.07 auf 79031‘ nördlicher Breite und 1025‘ westlicher Länge im kleinen Kreis in der Schiffbar hielt, nachdem wir Jan Mayen verlassen hatten mit Kurs auf die Ostküste von Spitzbergen.

 Viel Spaß beim Lesen.
Mit lieben Grüßen
Klausbernd Vollmar

 

Der Traum vom Norden

 

Das nebligkalte Totenreich

Der älteste überlieferte Traum vom Norden stammt aus der Klassik, von dem Geografen Pytheas von Massilia . Pytheas brillierte als genauer Beobachter, der als erster feststellte, dass die Gezeiten vom Lauf des Monds abhängig sind, außerdem geht die Astronavigation auf ihn zurück. Er war es, der den Begriff „Ultima Thule“ nicht nur prägte, sondern auch vorgab, auf seinen Reisen diesen Ort gesehen zu haben. Freilich stellt sich die Frage wie bei allen Reisenden bis zu Marco Polo, welche Reisen er damit gemeint habe – die inneren oder die äußeren? Wie weit Pytheas in den Norden kam, weiß niemand. Sicher ist, dass er die Antike am Norden interessierte. Aus Erzählungen wussten Gebildete damals vom Arktoi, dem Eisbären, dessen vage Vorstellung man wie die Götter an den Himmel projizierte. Es bürgerte sich ein, das Land unter dem Sternbild des Bären „Arktis“ zu nennen. Ultima Thule lag dort. Es galt als letzter Außenposten vor dem Abbruch der Welt ins Nichts, wo bekanntlich die Schiffe herunterfallen, wenn sie weitersegelten, nachdem der unselige Kapitän seine Kleider in Panik zerfetzte und sich den Bart ausriss, wie es in arabischen Erzählungen, die klassisches Gedankengut bewahrten, beschrieben wird. Hier fällt der Seefahrer ins Totenreich, das nach klassischer Vorstellung ein Ort des kalten Nebels ist.
Charakteristisch für diesen frühen Traum des Nordens ist, dass das Unbekannte eine Projektionsfläche darstellt, auf der die Inhalte unbewusster Ängste sich darstellen. Im Unbewussten sedimentieren Inhalte, die sich zu Archetypen kristallisieren und sich am frühen Bild des Nordens zeigten, das bis hin zu Höllenvorstellungen von Dantes göttlicher Komödie wirkte. Der Norden wurde zum nebligkalten Ort des Todes, ein Hintergrund, der wesentlich für die Heldenverehrung der Polarforscher speziell im 19. Jh. war.

Der Eingang zur Hölle

Lange nach Pytheas entstand im frühen, keltisch geprägten Christentum ein Traum vom Norden, der sich an Brendans Reisen festmachte. Irische Mönche suchten den paradiesischen Ort im Norden, an dem sie ungestört in lieblicher Umgebung Gott nahe seien konnten, und fanden die Hölle.
Im 8. Jh. wurden die Seereisen des Mönchs unter dem Titel „Navigatio Brendani“ zu einem Seefahrermythos vereint. Freilich wurde dieses Epos erst mehrere Generationen nach Brendan niedergeschrieben. Für ihn war jener ideale Ort des Ultima Thule mit der Hölle verbunden und als Christ war für ihn die Hölle ein Ort des Feuers. Brendan will auf seiner wohl eher inneren Reise einen feuerspeienden Berg gesehen haben, der so schrecklich war, dass er für ihn den Eingang zur Hölle darstellte. Das kann der Beerenberg gewesen sein, aber er mag auch isländische Vulkane erlebt haben oder von geografisch unspezifischen Träumen seiner Zeit geprägt worden sein.

 

Der Eingang zum Erdinneren

Diese einflussreichen Vorstellungen vom Norden treffen sich darin, im Norden einen Zugang zur Anderswelt zu sehen, eine Idee, die in der Hohlerdtheorie wieder aufgegriffen wurde. Diese bizarre Theorie war die erste Reaktion auf Isaac Newtons Entdeckung der Gravitation und seinen Berechnungen, dass der Mond dichter als die Erde sei. Kein Geringerer als der englische Astronom Edmund Halley folgerte 1691 aus Newtons Annahmen, die Erde müsse hohl sein. Ferner nahm man damals an, alle Himmelskörper seien bewohnt. So war es selbstverständlich, die Hohlräume der Erde zu besiedeln. Die Erde als Kugel wird außen von unserer Welt belebt und innen gibt es eine weitere belebte Welt. Ein  breiter Eingang zu dieser Innenwelt soll nahe dem Pol in Ultima Thule liegen. Hier wurde der Lebensraum der ältesten und intelligentesten Lebensformen vermutet. Irgendwann, so hofften die Hohlerdgläubigen, wird von diesen Lebensformen eine Reinigung unserer Erde ausgehen. In der Thule Gesellschaft im Umkreis von A. Hitler wurde behauptet, dass sich eine Herrenrasse in diese Innenwelt zurückgezogen habe.
Weniger faschistisch geprägt finden wir ähnliche Ideen, freilich ohne Herrenrasse, bei Jules Verne, Edgar Allan Poe und explizit im Roman „Hohlwelt“ des Mathematikers Rudy Rucker. Die heutige UFO-Szene ist ebenfalls von solchen Träumen geprägt, wenn sie annimmt, dass im Inneren der Erde UFOs darauf warten, die Menschen zu evakuieren, falls eine ökologische Katastrophe eintritt. Die Ausflugschneise dieser UFOs liegt in Thule – und damit ist wohl nicht die amerikanische Air Base in NW Grönland gemeint.

Der Ort der Fülle

Nachdem der Norden eher mystisch als Eingang zur Anderswelt geträumt wurde, schlägt der Tenor der um: der Norden wird zum Ort der Fülle. Das spirituelle Interesse der paradiessuchenden Mönche wandelt sich in ein kommerzielles. Zuerst die Wikinger, später die Walfänger suchten hier ihr Glück zu machen. Sie träumen von den Schätzen des Nordens, die nur ihrer Ausbeutung harren. Diese Träume waren kompensatorisch, denn im mittleren Europa waren weite Bevölkerungsschichten verarmt. Der ideologisch eingesetzte Traum vom reichen Norden versprach ein Entkommen aus der Misere im eigenen Land. Solche Träume, die bereitwillig seit Erik dem Roten veröffentlicht wurden und zur Bezeichnung Grönland führten, zogen den Kühnen in den Norden – ein Abenteuer, das allerdings nach dem Ende der mittelalterlichen Warmzeit um 1300 ein abruptes Ende fand. Als alle Wikingersiedlungen auf Grönland um 1350 aufgegeben waren, wurde der Traum vom Norden ambivalent. Nach wie vor blieb der Norden zwar das Land der Fülle, aber zugleich wurde Ultima Thule zum gefährlichen, lebensfeindlichen Ort, von dem aus tötende Götter südwärts zogen.

Als gegen Ende des Mittelalters Mitteleuropa eine große Armut erlebte, wurde der Schatten Arktis verdrängt und der Traum von der Fülle nahm wieder überhand und ließ den Walfang hauptsächlich der Holländer und Engländer entstehen. Gleichzeitig träumte man von dem kurzen Weg zu den Schätzen des Orients und begann die Suche nach der Nordost- und Nordwestpassage, die bis ins 19. Jh. anhielt.
Der Traum vom Norden hatte sich seit dem späten 15. Jh. vollständig kommerzialisiert. Er ließ John Cabot im Mai 1497 von Bristol über den Pol nach China aufbrechen – eine Unternehmung, auf der einiges außer der Seeweg nach China entdeckt wurde. Der gebildete Walfänger William Scoresby war einer der wenigen, der erst im 19. Jh. an der Realisierung dieses eitlen Traums zweifelte.
Beim Studieren der Entdeckungsgeschichte der Arktis hat mich verblüfft, dass die Suche nach der Nordwest- und Nordostpassage zwei große Helden hervorbrachte, die bei genauerer Betrachtung Versager waren. Es sind John Franklin und Elisha Kent Kane, die mit rührender wie tragischer Naivität begeistert in den Norden zogen und durch ihre mangelnde Führungsqualitäten geradezu Desaster anzogen.

Aus Traum wird Wissenschaft

Waren alle diese Träume vom Norden von einer rührenden Naivität geprägt, sollte sich das am Ende des 16. Jh. mit William Barents ändern. Mit ihm und seinem Zeitgenossen John Davis begann sich der wissenschaftliche Geist durchzusetzen, der Klima, Meeresströmungen, das Leben der Inuit und Eisverhältnisse genau zu studieren suchte. Die von diesem Geist beseelten Forschungsreisenden waren die Erfolgreichen, die den Traum von Ultima Thule der Realität opferten.
Heutzutage mischen sich wissenschaftliches und ökonomisches Interesse an der entmythologisierten Arktis. Dazu kommt noch ein touristischer Öko-Voyeurismus, der die Natur des Nordens wieder zu mythologisieren versucht.

Der Ort der Helden schafft

Träume sind vom Zeitgeist abhängig und mit der Entdeckung der individuellen Seele in der Romantik kommt das Interesse am Schatten auf. Das Verdrängte wird nicht nur im Schauerroman wahrgenommen, sondern auch in der Realität. Der Norden wird zum feindlichen, asketischen Ort, an dem der Held sich durch Leiden bewährt und stählt. Gerade Roald Amundsen pflegte diesen Traum vom einsamen Helden, der wie Kapitän Ahab sich gegen die feindliche Natur zu bewähren hat. Damit wird der Norden wieder der mystifizierte und somit der erhabene Ort, der Helden hervorbringt – ein Traum, der gefährlich nahe an faschistischen Träumen angesiedelt ist. Seit Beginn des 19. Jh. und der Gründung der britischen Royal Geographic Society werden zunehmend Forschungsreisende wie John Franklin, John Ross und William Edward Parry zu Helden stilisiert und zu Vorbildern des Volkes aufgebaut.

Der exklusive Ort jenseits der Massen

Der postmoderne Mensch träumt strukturell nicht so viel anders: je schwieriger ein Ort zu bereisen, desto attraktiver erscheint er. Einer zu bequem geordneten Welt scheint man durch das Abenteuer zu entkommen. Dies kann kein Massentourismus in die Sonne bieten. Dazu kommt, dass im Norden die Klarheit gesucht wird, die stets mit der Kälte assoziiert wird. So ist der Werbeslogan Grönlands klug gewählt „the coolest place on earth“. Zugleich ist der postmoderne Traum vom Norden mit dem Abenteuer der Zeitreise verbunden. Wir reisen vorwärts in die Vergangenheit, in eine Landschaft, in der gerade eine Eiszeit sich zurückzuziehen scheint, also in die Urzeit. Das wird mit Einfachheit, eben mit jener Klarheit verbunden, der das “knitty gritty“ der modernen, bis ins Detail geregelten Massengesellschaft fremd ist. Insofern ist der Traum vom Norden einer der Flucht in die Freiheit, weg von der Vermassung hin zur Selbstbestimmung, die allerdings durch die Natur begrenzt wird.
Immer noch wirken Pytheas und Brendan in uns, die uns den Norden als Tor zur Anderswelt wahrnehmen lassen. Das wird gemischt, mit der Vorstellung des romantischen Helden, der wie ein kleiner Amundsen (fast) auf sich gestellt, in der Auseinandersetzung mit der Natur wächst. In Konfrontation mit der Großartigkeit der Natur hofft man selbst großartig zu werden. Und ich frage mich, ob dieser Traum vom Norden nicht ein zutiefst asozialer und elitärer ist, in dem unsere menschenscheuen Tendenzen die Oberhand gewinnen.
Man läuft stets Gefahr, sich bei verblödenden Vereinfachungen zu erwischen: Natur ist gut, Kultur ist böse. Die Realität der Arktis ist vielmehr, dass sie fast nur in einer Gruppe zu bereisen ist, bei der jeder auf den anderen angewiesen ist. Gerade im Eis sind soziale Qualitäten gefragt, auch wenn ich öfter auf meiner Arktisreise hörte: „Es ist großartig, aber toller wäre es, allein hier zu sein.“ Auf der Eisbär-Postkarte wird man schwerlich ein „wish you were here“ lesen.
Wenn man beim Traum vom Norden schon den Menschen entkommen will, dann speziell den Frauen. Walfänger, Abenteurer, Jäger und Forscher, die es in den Norden zog, waren stets Männer. Der Norden wurde und wird niemals weiblich assoziiert . Der Norden bleibt der Ort, an dem der Mann sich bewährt.

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Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt
Der einzig bemerkenswerte Roman, den ich in letzter Zeit las, war von Pascal Mercier „Nachtzug nach Lissabon“. Es ist ein Buch, das in meiner Umgebung unterschiedlichste Reaktionen hervorrief. Die einen fanden es höchst langweilig, die anderen waren begeistert. Ich finde es ein stilistisch hervorragend geschriebenes Werk, das dazu noch äußerst reflektiert ist. Unter anderem ist das Thema, wie man sich sprachlich ehrlich ausdrücken kann. Höchst lesenswert!

Eigentlich liegt es mir fern, Bücher zu zerreißen, speziell wenn sie zu einem Thema geschrieben wurden, zu dem ich auch veröffentlichte. Ich wage es dennoch und hoffe, dass mir der AT-Verlag, der sonst hervorragende Bücher herausgibt, mir weiterhin Rezensionsexemplare zusendet. Es handelt sich um das Buch des Schweizers Ueli Seiler-Hugova mit dem Titel „Farbe“. Das Buch ist ein Ärgernis. Es ist voller Wiederholungen, stilistisch hölzern und zusammenlos und aufdringlichste Selbstwerbung. Ich finde es schade, dass die anthroposophische Sicht der Farbe derart einfallslos dargestellt wird – Rudolf Steiner würde sich die Haare raufen.

 

 

Freundesbrief 9

Juli 2007

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

in zwei Wochen werde ich in die hohe Arktis fahren und bis fast 82 Grad nördliche Breite mit Glück vorstoßen. Nansen blieb knapp unter diesem Wert und stellte für das 19. Jh. damit einen Rekord auf. Ich werde NO-Grönland, Svalbard/Spitzbergen und Jan Mayen besuchen. NO-Grönland und Jan Mayen gehören zu den am wenigsten betretenen Gebieten auf der Nordhalbkugel. Das fasziniert mich. Ich habe schon mächtig Reisefieber.

 

Jan Mayen

 

Ich werde nach Jan Mayen fahren.

Wissen Sie, wo das liegt?

Bevor ich zweifelte, las ich in einem Buch, das mein Großvater mir vererbte: „Insel im nördlichen Eismeer, weltfern.“

Später bemerkte ich, dass „außerweltlich“ gemeint war.

War nicht bereits der seefahrende Mönch Brendan aus Irland dieser Insel im 6. Jahrhundert nahe gekommen?

Rauch roch er. Großes Getöse hörte er. Brendan sah Jan Mayen als den Eingang zur Hölle.

Offiziell wurde diese fast immer vernebelte Insel 1607 von Henry Hudson entdeckt, als er den Seeweg nach China suchte. Da Jan Mayen an der Grenze der nördlichsten Verwirbelungen des Golfstroms und dem kalten Ostgrönlandstrom liegt und sie von eiskalten Fallwinden, die den Beerenberg hinabwehen, geprägt ist, gehört sie zu den nebelreichsten Orten unserer Erde.

„Und da willst du hin?“ bemerkte mein Freund Konrad kopfschüttelnd.

Nichts ist langweiliger als ein blöder blauer Himmel, das schreibt schon Kachelmann in einem Buch, das ich gerade lese. Bleib mir doch vom Leibe mit deiner sengend stechenden Sonne.“

„Sonne macht glücklich.“

„Und Nebel schön.“

„Schönheit, die sich verschleiert ...“

Viele fuhren nahe vorbei, ohne die Insel zu sehen. Nach dem Landnamabok der Isländer ist unter 1194 ein Eintrag zu finden, der „Svalbardi fundinn“ lautet. Eine kalte Küste, die entdeckt wurde.

Der Norden ist ein utopisches Land. Er kommt dem romantischen Gefühl des Schauderns entgegen. Kälte und Dunkel drohen. Es ist der Ort, an dem der Geist sich stählt wie in den Urtagen der Eiszeit.

Das erste sentimentalische Nordbild zeichnet Tacitus in seiner „Germania“ und dann, viel später, Ossian - jene Fälschung, der so viele erlagen. Der Norden ist die Wolkenwelt. Und jene Wolkenwelten wandeln sich in reale Welten, die mit Rohstoffen heute locken.

Ihren Namen erhielt das bis dahin namenlose Tor zur Hölle von Jan Jacobs May van Schellinkheut, dem niederländischen Kapitän eines Walfangschiffes, der 1614 Jan Mayen anlief. Schellingheut allerdings nannte Jan Mayen nach seinem ersten Offizier „Master Joris Eyland“, doch für die Walfänger wurde die Insel kurz zu „Jan Mayen“. Sie waren die einzigen, welche die zuvor unbesiedelte Insel in Besitz nahmen. Gegen 1650 verließen sie dieses karge Eiland wieder, als zwischen Grönland und Jan Mayen fast alle Wale zu Tran und Öl verarbeitet waren. Jan Mayen war kein wirtlicher Ort. Im Winter 1633/34 starben alle Walfänger dort. Sie erfroren, erlagen dem Skorbut oder dem verseuchten Eisbärfleisch.

Für 350 Jahre blieb Jan Mayen unbewohnt, selten besucht und fast vergessen.

Im neunzehnten Jahrhundert zog Jan Mayen deutschsprachige Abenteurer an. Schweizer, Österreicher und Deutsche begannen, das winzig öde Eiland zu erforschen. War es der weiße Fleck auf der Karte, der sie zur Reise provozierte? Hofften sie auf die Entdeckung von Bodenschätzen wie zuvor auf Svalbard und in Grönland?

Manch einer hoffte sich zu Tode. Aber, so las ich in den alten Bänden der Logbücher, der weiße Tod des Erfrieren entbehrte nicht gewisser Euphorie. Alles wird einfach, wenn einem der Frost das Leben vampiresk entzieht. Bei der erstmaligen Bezwingung der Nordost-Passage 1878/9 beschreibt Nordenskiöld in seinem Tagebuch, wie seine Männer ihn baten, an der Vega, seinem Dampfschiff, festgekettet zu werden, um nicht dem Ruf des weißen Todes zu erliegen. Schlafwandlerisch hatten Seeleute die eingefrorene Vega verlassen, um sich in der Weite des Eises der tödlichen Kälte hinzugeben.

Jan Mayen hat nichts zu bieten außer Nebel. Dieser Nebel führte zu nichts als dem gefürchteten Irresein auf dem eisigen Wasser, das Seemänner hilflos im nördlichen Meer treiben ließ. Die Seefahrer hatten das Gespür der Wikinger verloren, nach den Farben der See, der Bewegung der Strömungen und Winde ihre Position ohne Seekarten zu bestimmen.

1882/83 gab es eine österreichisch-ungarische Expedition, die Karl Weyprecht angeregt hatte, damit ein ständig bewohntes Basislager auf Jan Mayen für Nordpolarexpeditionen bestand. Weyprecht starb zwar 1881 an Tuberkulose, aber Emil Edlen von Wohlgemuth führte die Jan Mayen Expedition durch. Man erbaute auf der Insel in der Maria Musch Bucht eine Station, die vom 13.7.1882 bis 6.8.1883 ständig bewohnt war.

Weyprecht war ein Visionär. Er forderte als erster, die Polarforschung international durchzuführen. Er war der Initiator des ersten internationalen Polarjahrs IPY 1882/83, in dem es fast nur um die Arktis ging. Das erste IPY wurde zur Geburtsstunde der Polarforschung. Wissenschaftliches Interesse löste nationale Eroberungszüge ab – allerdings nur für etwas über fünfzig Jahre, bis Weyprechts Landsmann Hitler den Krieg im Norden begann.

1929 erbarmte sich Norwegen dieser Insel. Es nahm sie in Besitz. Im zweiten Weltkrieg nach der Einnahme Norwegens durch die Faschisten nannte sich Jan Mayen „das freie Norwegen“. Die hafenlose Insel konnte trotz einiger Luftangriffe der Deutschen nicht eingenommen werden. Am 7. August 1942 stürzte im dichten Nebel eine Focker Wulf 200 C4 in dem Danielsenkrater ab. Der Kommandant Oberfeldwebel Alfons Kleinschnittger und alle anderen acht Besatzungsmitglieder fanden dabei den Tod.

„Eigentlich flogen die Flugzeuge nur mit sechs Mann Besatzung. Warum befanden sich in diesem Flugzeug neun Menschen?“ fragte ich mich.

Meine Vermutung: Es sollte die Wetterstation der Insel bombardiert werden, die wesentlich für die Alliierten im Krieg im Nord-Atlantik war. Zum Bombardieren bedurfte es einer größeren Besatzung.

„Wetterstation“ wurde zum magischen Wort. Der Schlüssel für Jan Mayen.

Im September 1944 gelang es den Deutschen eine automatische Wetterstation von einem U-Boot (dem U-992, für den, der es genau wissen will) aus zu installieren. Sie wurde erst Ende März 1945 entdeckt, da der amerikanische High Frequency Direction Finder, der gegen U-Boote und zum Auffinden automatischer Wetterstationen im November 1943 auf Jan Mayen installiert wurde, diese Wetterstation nicht finden konnte, weil sie im Norden hinter dem Beerenberg in der Krossbukta versteckt war.

Auf Jan Mayen befindet sich noch heute die Wetterstation Nummer eins des Netzes der Wetterstationen der World Meteorological Organization. Diese Wetterstation ist deswegen derart wichtig, da über Jan Mayen die warme Luft vom Süden auf die kalte polare Luft trifft und so das Wetter im Norden der Nordhalbkugel bestimmt. Bereits 1921 wurde hier die erste Wetterstation Eldstemetten gebaut, die während des zweiten Weltkriegs evakuiert und von ihren eigenen Leuten zerstört wurde, um sie gleich danach wieder aufzubauen. Hegel und Marx meinten, Geschichte verliefe dialektisch. Verläuft sie bisweilen nicht absurd?

Jan Mayen hat mehr als Nebel und Wetterstationen zu bieten, nämlich den Beerenberg - wenn man ihn sieht. Dieser charakteristische Berg schmückte im 17. Jahrhundert Atlanten und geografische Schriften als archetypischer Vulkan. Er ist der schöne Vulkan, der zugleich der nördlichste unserer Erde ist.

Der Reisende pflegt stets, Besonderes zu suchen. Das Größte, Höchste, Weiteste zieht ihn magnetisch an. Die Attraktion Jan Mayens ist dieser Berg, ein über zweitausend Meter hoher, aktiver Vulkan.

Der Beerenberg liegt auf dem vulkanisch aktiven Teil des Mittelatlantischen Rückens, eines Gebirgssystems, das einer Narbe gleich die eine Seite unseres Planeten von der Antarktis bis fast an den Nordpol umspannt Bei seinem letzten großen Ausbruch am 20. September 1970 flossen eintausend Grad heißes Gestein ins Wasser, welches das Meer aufkochen ließ und eine zehn Kilometer hohe Rauchsäule erzeugte. Die Wassertemperatur stieg im Umkreis von fünfzig Kilometer von der Insel von ein auf dreizehn Grad Celsius. Drei Wochen dauerte dieses Spektakel an.

Vor ein paar Wochen, es war noch kalter Frühling, besuchte ich Gunilla. Sie hatte in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, gearbeitet und erzählte von ihren Träumen beim dritten Glas fragwürdigen Selbstgebrannten, dem wir in ihrer Kammer in der Altstadt Kopenhagens zusprachen. Dieses Zimmer mit hellen Holzdielen, Sofa, Tisch und Stühlen war keineswegs eine Kammer. Schlafzimmer, Bad und Küche gab es auch. Aber dennoch es war ihre „Kammer“, in der sie ergreifend schwärmte von jenem Licht des Nordens und schloss: „Ich befürchte, ich bin süchtig nach dieser weißen Kappe unserer Erde. Wie dieses weißseidene Papstkäppi sitzt sie auf dem blauen Planeten. Komisch, nicht?“

„Das Geistloch von Mutter Erde“ lachte ich.

„Ihr Kronen-Chakra!“

„Jetzt heb bloß nicht esoterisch ab.“

„Das ist der Selbstgebrannte“ entschuldigte sie mit kurzem Zucken ihrer rechten Schulter.

 Ich träumte von Amundsen, dem Trickreichen, der in seinem Jugendfoto auf Langlaufskiern seine Kameraden entfernen ließ, um dem Bild des einsamen Helden zu entsprechen. Diesen Star-Schüler des großen Nansen beneide ich, den Meister der Geschwindigkeit, worauf sein Erfolg beruhte.

„Deswegen musste John Franklin mit seinen beiden Schiffen Erebus und Terror scheitern, dessen Langsamkeit Nadolny fast 150 Jahre später pries.“

Hatte sie meine Gedanken gelesen oder ich zu laut gedacht?

„Zuerst kommt immer das Fressen.“

„Und dann die Moral“ lachte ich.

„Überleg doch mal. Der Schnelle braucht weniger Verpflegung mitzuschleppen.“

„Franklins Untergang lag zwar am Essen. Es war jedoch nicht dessen Menge, sondern die Bleiverlötung der Konserven, die das Essproblem lösen sollten. Das fand eine der fast fünfzig Suchexpeditionen viel später heraus.“

„Immerhin hat der gescheiterte Franklin Mengen arktischer Literatur inspiriert.“

„Er war einer“, fiel mir in der warmen Kammer auf, „der das Interesse an der Arktis populär machte. Seefahrer, die der Ruhm lockte, suchten Franklin seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Manch einer ging auf dieser Suche selber verloren.“

Die Suche nach John Franklin wurde für viele wie für Matthew Fontaine Maury, dem Vater der Ozeanografie, und dem Kapitän Elisha Kent Kane als Vorwand genommen, um die allgemein verbreitete These zu überprüfen, dass das Gebiet um den Nordpol freies Meer sei. Die Vorstellung des offenen Polarmeeres wurde von den Spitzen der damaligen Naturwissenschaft vertreten.

„Naja, bald wird es soweit sein, die waren weitsichtig“, lachte sie.

„Eher blind“ widersprach ich augenzwinkernd. „Kane ging es bei der Suche nach Franklin bzw. der Suche nach dem eisfreien Polarmeer um Ruhm. Nach seiner Liaison mit Margaret Fox, die eine der ersten Medienberühmtheiten der USA war, wurde auch Kane zu einem Promi. Das Paar wird heute als die ersten Stars der amerikanischen Massenpresse angesehen. Kane wollte seinen Namen möglichst häufig auf Landkarten verewigt sehen, indem er Entdeckungen nach sich benennen lassen wollte.“

„Würdest du doch auch gern. Oh, mein lieber Narziss, du bist zu spät geboren. Du müsstest deinem Landsmann und Goethefreund Humboldt den Rang ablaufen, der es schaffte, sich weltweit zu verewigen.“

„Gegen einen Vollmar-Strom hätte ich nichts einzuwenden. Aber, du Liebe, den Ort „Vollmar“ gibt es in Colorado – schau nach auf 40,9 Nord und 104,49 West - und Vollmarshausen liegt bei Kassel. Aber zurück zu Franklin. Hast du die Gemälde von George Back gesehen, den begabten Offizier auf Franklins Boot? Der arktische Künstler wurde er zu recht genannt.“

 

Soweit zum wohl gar nicht mehr ewigen Eis. Dort werde ich bis Mitte September bleiben und dann wieder auf eine Vortragstournee gehen, bei der ich mich freuen würde, Sie zu treffen.

 

 

Freundesbrief 8

Januar 2007

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

nachdem ich zwei Monate kuschelig zu Hause vorm Kamin saß, viel las und bisweilen das wilde Meer bewunderte, werde ich ab Mitte Februar bis Ende März wieder Vorträge und Workshops in Deutschland halten. Aber das ist erstmal weit weg. Zur Zeit beschäftige ich mich mit einem Traumbuch, das ich zusammen mit Konrad Lenz schreibe, und mit der Geschichte dieser Küste hier. Einer der Zentralorte der North-Norfolk-Coast ist Wells-next-the-Sea. Von hier kam John Fryer, bevor er auf Bounty anheuerte und gleich zweimal gegen Kapitän William Blight meuterte. Von 1807 gibt es ein Gemälde von Fryer, das ihn als älteren Herrn, leicht schielend zeigt. Er erscheint eher als biederer Mann, denn als Meuterer. Während Kapitän Blight schon mit James Cook gefahren war, war Fryer trotz seines Alters von 37 Jahren „nur“ Decksoffizier (er erwarb bereits 1780 das Offizierspatent und kämpfte verzweifelt um eine Beförderung) – aber immerhin auch Stellvertreter des Kapitäns. 1788 nach einigen überstandenen Orkanen war es Fryer klar, dass er auf der Bounty unter Blight seine letzte Chance hatte, um zum Kapitän aufzusteigen, was sein höchstes Ziel war. Jedoch gab es keinen Grund zu meutern, da die Besatzung der Bounty zu einer der bestgenährten Crews gehörte, die damals auf den Weltmeeren segelte, und Blight ein ausgesprochen humaner Kapitän war, was er von Cook übernommen hatte.

Nach der üblichen Bestrafung des Matrosen Matthew Quintal an Deck (auf Anzeige von Fryer beim Kapitän) verbündete sich Fryer mit Quintal und Fletcher Christian, um eine Meuterei auf der Bounty anzuzetteln. Die Meuterei gelang, allerdings mit einem völlig anderen Ausgang, als Fryer es sich erhofft hatte. Er wurde nämlich von den anderen Meuterern gezwungen, zu Kapitän Blight mit 17 Ungeliebten ins Beiboot zu steigen. Damit begann eine spannungsgeladene Fahrt im offenen Boot durch den südlichen Pazifik von unweit der Insel Tofoa (Friendly Islands) bis zu den Restauration Islands (eine Route, auf der schon Abel Tasman und James Cook gesegelt waren). Man wagte nicht, auf den Fidschi- oder Sandwich-Inseln anzulanden, da Tasman und speziell Cook Seefahrer vor den angeblichen Kannibalen dort warnten. Cooks dringliche Erwähnung der Kannibalen war vom englischen Publikumsgeschmack des 18. Jahrhunderts diktiert und weniger von direkten Beobachtungen. Es gelang in damaliger Zeit nur dann seine Logbücher erfolgreich zu veröffentlichen, wenn von exotisch-aufregenden Wesen wie Kannibalen die Rede war. Allerdings ist nicht geklärt, ob nicht Teile von dem auf Tahiti von Einheimischen erstochenen Cook verspeist wurden. Blight war bei der Ermordung Cooks dabei gewesen. Ihn wurde später unbesonnenes Eingreifen bei Cooks Tod vorgeworfen. Dennoch schürte Fryer mehr als Blight die Angst der Ausgesetzten vor den Kannibalen.

Einen Monat lang mit wenig Nahrung und ständig unterkühlt und nass fuhren die Ausgesetzten an allen Inseln vorbei. Fryer versuchte täglich Blight das Kommando zu entreißen, bis sie in Australien (Neu-Holland) am Barriereriff gerettet wurden. Blight klagte vor dem Seegericht gegen die Meuterer, die darauf verbreiten ließen, dass Blight ein unfähiger und grausamer Kapitän gewesen sei. Blight bekam jedoch recht. Er fuhr später auf der gleichen Strecke wie mit der Bounty.

Fryer zog 1812 fast blind zu seiner Familie nach Wells-next-the-Sea zurück. Er starb dort verbittert und geistig verwirrt im Kreise seiner vier Töchter am 26. Mai 1815. Eigentlich war Fryer nicht gerade der Typ, der sich zum Helden eignete, aber in Hollywood sah man es etwa 150 Jahre später anders, dort neigte man dazu, Fryer auf Kosten von Blight zum Helden zu machen.

 

Da nun meine Heimat vom Meer und seinen oft wilden Gesellen geprägt ist, finden Sie gleich anschließend eine Ausführung zu den Piraten (die teilweise meinem Lexikon „Welt der Symbole“ (Königsfurt 2004) entnommen ist).

Den Piraten begegnete ich – zum Glück nur indirekt - immer wieder: Als Student arbeitete ich im Küstenmuseum auf Juist unter Herrn Dr. Lang, der an der Universität von Lewarden über die friesische Piraterie forschte und atemberaubende Vorträge zu diesem Thema hielt. Heute besucht mich regelmäßig Maurice Verhung, emeritierter Professor der Universität Nantes und Spezialist für die Piraterie zur Zeit Elisabeths I (er habilitrierte sich über den walisischen Piratenkapitän Morgan).

 

Mit lieben Grüssen vom der gerade stürmischen See

Klausbernd Vollmar

 

 

Pirat & Piratin

 

Der Pirat ist ein Freibeuter. Er symbolisiert die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit und steht für das Ausleben männlicher Kindlichkeit bei Mann und Frau. Er bietet den Gegensatz und die Ergänzung zum Kapitän und Admiral. Der Pirat gibt seinen festen Wohnsitz auf. Er nimmt somit von der Gesellschaft Abschied. Er ist der klassische Außenseiter, der Projektionen des Verbotenen und Anarchischen wachruft. Er lebt an der Grenze. Natürlich ist solch ein Held ein mächtiges Sexualsymbol. Vom kornischen Piraten Saint Yves sangen junge Mädchen noch bis ins 19. Jh. Balladen, um sich gegenseitig vor der Faszination dieses Seeräubers zu warnen. Zur erotischen Anziehungskraft eines Piraten gehört neben seiner Kühnheit, dass er nie altert. Es gibt in der Literatur keine greisen Piraten.

Der Pirat tritt nie als einzelner auf, sondern immer in der Gruppe, die sich durch eine strenge Gesellschaftsordnung selber regiert. Piratenforscher wie der Franzose Gilles Lapouge sehen die Piraten als erste, die die Idee eines Contrat social umzusetzen versuchten. Sie waren auch die erste Gruppe, die ein Versicherungssystem entwickelten, das für jede Art der Verletzung eine Entschädigung festsetzte.

Als das Paradies der Piraten gelten die warmen Meere der Tropen, wenn auch Piraterie in allen Meeren vorkam. Im Süden findet der Seeräuber sein Glück oder den Tod, der bei dieser Lebensweise stets gegenwärtig ist.

Als die ersten Seeräuber gelten die Phönizier, aber wahrscheinlich ist die Piraterie so alt wie die Seefahrt (etwa 7000 Jahre). Besonders in der frühen Geschichte der Piraterie gab es einige Frauen, die sich als Freibeuterinnen hervortaten (z.B. die Adelige Jeanne de Belleville im 14. Jh. und eine isländische Adelige noch etwa 200 Jahre früher). Die berühmteste Piratin war Anne Providence, die im frühen achtzehnten Jahrhundert speziell die Karibik unsicher machte. Ihr Gegenspieler war der größte aller Piraten, Kapitän Blackbeard, „der Teuflische“ genannt, der das Schiff von Anne Providence versenkte, wobei die Piratin umkam. Der Schriftsteller und Journalist Daniel Defoe beschreibt in seiner „Allgemeinen Geschichte der Piraterie“ (1724) das wahrscheinlich lesbische Piratenpärchen Anne Read und Anne Bonny, die mit dem berüchtigten Piraten Pierre der Schwule ebenfalls im frühen achtzehnten Jahrhundert - der Blütezeit der Piraterie - äußerst erfolgreich in der Karibik und vor der amerikanischen Ostküste operierten, wo sie viele englische Schiffe aufbrachten. 1720 wurde das Trio von den Engländern besiegt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Anne Bonny entkam dem Vollzug der Strafe, da sie vorgab schwanger zu sein, was ein befreundeter Arzt bestätigte. Mary Read wurde am 28.11.1720 in Santiago de la Vega gehängt.

Als erfolgreichste Frau in diesem Männergewerbe gilt Madame Tsching, welche die chinesische Piraterie des frühen 19. Jh. anführte (worüber J.L. Borges in seiner Geschichte „Die Witwe Tsching, Seeräuberin“ berichtet).

Der berühmteste deutsche Pirat ist Klaus (Claas) Störtebecker, der Anführer der Vitalienbrüder, der 1401 in Hamburg enthauptet wurde. Klaus Störtebecker und Godecke Michels waren die Gegenspieler der Hanse. Später wurde Störtebecker zu einem Volkshelden, der in vielen Liedern und Geschichten als edler Rächer der Willkür des Adels und Establishments (Hamburger Pfeffersäcke) auftrat. Er ist damit dem englischen Volkshelden Robin Hood vergleichbar.

Piraten arbeiteten auch für die Regierungen. Der bekannteste dieser „offiziellen“ Piraten ist Sir Francis Drake (1540-1596), der im Dienst der englischen Krone Seeräuberei betrieb. Speziell Elisabeth I unterstützte direkt und indirekt die Piraterie. Sie ließ viele Kaperbriefe ausschreiben, um Englands Macht auf See zu stärken. Ohne die Piraterie hätte die englische Krone nicht auf allen Kontinenten derart präsent sein können.

 Die großen Piraten und Piratinnen symbolisierten stets auch die sexuellen Abenteurer und dienten als Projektionsfläche sowohl homoerotischer beziehungsweise lesbischer Fantasien oder ungewöhnlichster sexueller Ausschweifungen. Piraterie bedeutet immer eine Absage an die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse und Normen. Von vielen Piraten wird behauptet, dass sie aus besitzenden oder adeligen Familien kamen und aus Protest und Freiheitswillen zu Piraten wurden.

Seit Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jh. hat die Piraterie besonders zwischen China und Australien (Malaysia, Philippinen) derart zugenommen, dass Containerschiffe gewisse Seestraßen dieser Gegend nur schwer bewaffnet befahren.

Literatur: Nicht nur Daniel Defoe, sondern gerade auch die populäre Abenteuerliteratur nahm sich gerne speziell der Piratinnen, die immer als schön, rothaarig, grünäugig und sexuell ausschweifend beschrieben wurden, aber auch der potenten Piraten an. Unter anderen bearbeiteten dieses Thema Jorge Luis Borges, Robert Louis Stevenson, Jules Verne, Joseph Conrad, John Steinbeck, Harold Robbins, Herman Melville und Daphne du Maurier mit dem Ergebnis, die Lebensweise der Piraten zu romantisieren. Über die Piraten gibt es eine Fülle von bereits zeitgenössischer Literatur, allerdings kaum Beschreibungen aus der Hand eines Piraten selber. Die Ausnahme stellt der genaue Bericht des französischen Chirurgen Alexandre-Olivier Exmelin dar, der 1678 auf niederländisch erschien und sofort großen Erfolg hatte.

 

Botting, Douglas: Geschichte der Seefahrt. Die Piraten. Eltville 1992

Defoe, Daniel: Allgemeinen Geschichte der Piraterie. London 1724

Del Buono, Zora: Wildgewordenes Urgestein – Piratinnen. In: Mare 7, Hamburg 1999 (auch als Hörbuch)

Lapouge, Gilles: Piraten. Hamburg 2002

Matthews, John: Piraten. München 2006

Pemberton, Max: The Iron Pirate. London 1893

Wecker-Wildberg, Friedrich: Raubritter des Meeres. Paderborn o.J.

 

Film: Das Leben von Anne Bonny wurde in Hollywood unter dem Titel „Anne of the Indies“ 1951 von Jacques Tourneur verfilmt. In Deutschland war der Film unter dem Titel „Die Piratenkönigin“ zu sehen. Dieser Film nimmt sich ausgiebig des Themas der Geschlechtsrollen und deren Veränderung an. In neuerer Zeit gab es eine Fülle von Piratenfilmen. Das Leben von Anne Read wurde unter dem Titel „Piratenkapitän Mary“ 1961 von Umberto Lenzi verfilmt. Von der Blütezeit der Piraterie in der Karibik handelt der Film „Piraten im karibischen Meer“ (1942) von Cecil B. DeMille. All diese Filme bestehen aus einer Mischung von Grausamkeit, Romantik und sexuellen Anspielungen.

Ferner ist die Schatzsuche und das Entern jetzt auch zu Computerspielen verkommen, von denen sich einige wie „Herrscher der Karibik“ größter Beliebtheit erfreuen. Selbst für den Nachwuchs wird gesorgt. Er wird mit Malbüchern zum Thema Piraten und dem Kinderspiel „Piraten“ in die Welt der Freibeuter altersangemessen eingeführt.

 

 

Freundesbrief 7

Dezember 2006

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

Nun habe ich meine Herbst-Tour durch deutsche Buchhandlungen hinter mich gebracht, sitze in Berlin und schaue auf den Fichtenberg. Die Reise war anders als sonst, da ich diesmal einige Strecken mit meinem Auto fuhr. Zugegebenermaßen machte es mich an, bisweilen richtig schnell zu fahren, was bei mir zu hause in England nicht erlaubt und keineswegs „gentleman like“ ist. Mit einer meiner ersten Erfahrungen im neuen Lebensjahrzehnt verblüffte ich mich selber: Ich fahre auf Autofahren ab und liebe meinen Volvo – mit Sportfahrwerk natürlich  J

 

Diesmal habe ich besonders viele von euch unterwegs getroffen, was immer ein Highlight ist, wenn ich mich allabendlich in anonymen Menschenmassen bewege. Ein bekanntes Gesicht tut Wunder ... Es war schön, euch zu treffen. Bis nächstes Mal!

 

Es gibt noch eine Ausbildungsgruppe in Berlin, auf die ich mich freue (vielen Dank, dass ihr fast alle zu meiner Geburtstagsparty kamt. das war toll  J). Dann fahre ich nach Hause, zünde das Holz im Kamin an und erhol mich in der Sauna. Und schon ist Weihnachten da. Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und ein prima Neues Jahr – kommt gut rüber

 

 

Was macht Sinn?

Seit meiner Studentenzeit faszinierte mich, wie der Sinn zum Symbol kommt. Durch die Modeströmung des französischen Strukturalismus geprägt, neige ich dazu, die Form mehr als den Inhalt als sinntragendes Element anzusehen. Den Traum lernte ich als Kunstwerk zu betrachten. Kunstverständnis ist freilich Betrachtung der Form. Nehmen wir die Gedichtzeile „draußen scheint die Sonne“, so interessiert wenig, ob gerade beim Lesen der Zeile die Sonne scheint, sondern eher ob hier ein Reim vorliegt, wie sich der Rhythmus dieser Aussage sich in das Gesamtwerk einfügt. So, meine ich, sind auch Traumsymbole sinnvoll & produktiv zu betrachten. Mich wundert, dass viele sich provoziert fühlen, wenn ich in Diskussionen vertrete, dass die Form den Sinn gibt und der Inhalt zweitrangig ist. Das darf nicht sein. Ist nicht mit Hegel gesprochen der Inhalt der Schein, der freilich dem Sinn wesenhaft ist?

Der französischstämmige Amerikaner Clotaire Rapaille betonte bei seinen Studien für internationale Konzerne zur Werbung & zum Kaufverhalten, dass es keineswegs darauf ankommt, was einer sagt, sondern wie er es sagt. Dieses „Wie“, die Form ist es, die uns zeigt, was er meint. Somit verhält es sich bei jeder Aussage wie mit der (Traum)Symbolik, die zwar eine inhaltliche Oberfläche besitzt, deren Sinn sich jedoch erst durch die Betrachtung der durch sie angeregten Assoziationen, also durch die Betrachtung ihrer Form erhellt. Die Form ist Inhalt. mit diesem Satz eckten bereits die französischen Strukturalisten an. Sie galten als lebensfeindlich kalt, da alles zur Struktur verkam und der Mensch verschwand. Claude Levy-Strauss interessierten nicht mehr die Personen, sondern die Beziehungsstrukturen dieser Personen untereinander. Das wahre Verständnis für einen Inhalt liegt in der Erkenntnis seiner Struktur – das war die Message der Strukturalisten. Oder andersherum gesagt: Der Inhalt ist nichts, Grammatik alles.

Wie entstehen solche Strukturmuster, die unseren Blickwinkel prägen?

Sie stammen aus der kulturellen Umgebung, in der wir leben. Es ist der Kulturzusammenhang, der bestimmt, ob für uns z.B. Sex ein angenehmes Spiel ist wie für den Italiener und Franzosen oder potenzielle Gefahr und Leistungsbeweis wie für den US Amerikaner. Eine Information wird stets gemäß des kulturellen Codes verarbeitet. Das führt zu der Idee, neben dem persönlichen und kollektiven Unbewussten noch ein kulturelles Unbewusstes anzunehmen. In diesem kulturellen Unbewussten sind alle Codierungen gespeichert, die unsere Kultur bereitstellt. Diese Codierungen sind historisch bestimmt. Sie prägen unser Handeln. Diese Prägung durch den kulturellen Code geschieht weitgehend bis zum siebten Lebensjahr. Danach sind die grundlegenden Bilder & deren Sichtweisen in das Unbewusste eingeprägt worden. Mit diesem „Survival Kit“ kann man in der betreffenden Kultur überleben. Kulturelle Prägungen stellen aber ebenso die Scheuklappen dar, mit denen wir wahrnehmen. Sie bestimmen unser Symbolverständnis, mit ihnen müssen wir bei jeder Traumdeutung rechnen. Jeder Traum ist ideologisch, indem er seine Message gemäß der kulturell festgelegten Struktur symbolisiert. Bei der Traumdeutung muss auf diese kulturelle Tönung geachtet werden, da ohne sie die Traumdeutung zu einer narzisstischen Selbstbespiegelung wird. Für viele Träumende ist allein schon die Erkenntnis heilend, dass ihre Träume mehr allgemein kulturell geprägt sind, als individuell. Die Einmaligkeit des Individuums löst sich in allgemeinen Strukturmustern auf, die alle Angehörige einer Kultur eint.

Wir versuchen zur Zeit mit wissenschaftlicher Nachhilfe ein Programm zu entwickeln, das Träume verstehend deuten kann. Dabei stellt sich ständig die Frage, wie kommt der Sinn zum Wort. Besonders pikant wird es mit Wörtern mit Mehrfachbedeutungen (für uns Kinder waren jene Worte beliebtes Objekt beim Teekesselchen-Raten).Nehmen wir z.B. das Wort „Bank“ als Bankhaus, das Gelder verwaltet, oder als Bank, auf der man sitzt. Programme zur Sinnerkennung pflegen in diesem Fall statistisch vorzugehen. Sie nutzen, dass der sprachliche Zusammenhang den Sinn erzeugt. Eine weitere Idee ist, dass die durch das Verb ausgedrückte Bewegung den Sinn prägt, was zu einer Handlungsgrammatik führt. Wenn wir im Datenspeicher die 20.000 wichtigsten Symbole zugänglich haben und eine Grammatik programmieren, die auf dieses Lexikon zurückgreift, kann das Programm hilfreiche Aussagen über fast jeden Traum machen. Dabei sind die kulturellen Bedeutungen der Lexikoneinträge wesentlich, die zeigen, dass ein gleiches Set von Strukturen (diese entsprechen den psychischen Mustern) den Sinn bei Angehörigen einer Kultur durchschlagend prägen.

Ich bin mir bewusst, dass es freilich vom erkenntnisleitenden Interesse abhängt, ob man bei der Bedeutung von Symbolen mehr den individuellen oder den kulturellen Aspekt betont. Die Symbolbedeutung stellt den Schnittpunkt beider Aspekte dar, wobei jedoch in den letzten Jahren durch den Einfluss der humanistischen Psychologie der individuelle Aspekt des Traums überbetont wurde. Wenn man viele Träume hört, wird man desillusioniert, was die Individualität eines Traums betrifft. Die mächtige inhaltprägende Macht der Kultur drängt sich auf. Letztlich bilden die Muster unserer Kultur die Grammatik unserer Traumsymbole.

Traumdeutung ist so gesehen eine Analyse der Ideologien des Kulturkreises, dem der Träumer angehört. Wie weit geht seine Eigenständigkeit gegenüber der Macht des kulturellen Codes, ist eine nicht unwesentliche Frage bei jeder Traumdeutung. Und natürlich sollte jeder Deutende eines Traums sich seiner eigener kulturellen Brille bewusst sein.

 

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Lästerliches & Leserliches aus der Buchwelt

Das verrückteste Buch, das ich dieses Jahr las, sieht aus wie ein Band der ehrwürdigen Encyclopaedia Britannica, mit Goldschnitt und schwarzen Cover. Es ist ein Roman mit dem Titel „Britannica & ich“ vom einem der auszog, der klügste Mann der Welt zu werden. Es ist ein Lexikonroman, der in der Welt einer skurrilen Familie spielt und in dem sich jeder Intellektuelle wiederfiden kann. Unser Held liest die Encyclopaedia Brittanica von A-Z durch und der Roman folgt seinen Assoziationen zu den alphabetisch geordneten Stichwörtern. Das Ganze ist mit viel Ironie & Augenzwinkern über den Sinn und Unsinn von intellektuellem Gehabe geschrieben. Ich fand es köstlich und lernte für Scrabble ein zweibuchstabiges Wort mit Q. Hätten Sie es gewusst? Qa – ein altbabylonisches Flächenmaß.

Das Q spielte gleich wieder eine Rolle, nämlich in den Roman mit diesem Titel

Luther Blissett: Q (Roman, Piper 2006)

In Italien ein Kultroman, in Deutschland ein Insider-Tipp, kommt Q erst einmal relativ konventionell als historischer Roman daher. Man lernt einiges über die politische Rolle von Luther und Thomas Münzer, über die Bauernkriege und die enge Verbindung zwischen Politik und Religion in der Reformationszeit. Dieser Roman ist ungewöhnlicherweise von einem Autoremteam geschrieben . Wer ist Luther Blissett? Der Frage wurde mit dem gleichen skurrilen Ernst nachgegangen wie einst bei Carlos Castaneda. Auf der Website www.lutherblissett.net könnt ihr einiges darüber nachlesen. Sicher ist: Luther Blissett sind vier junge Autoren aus Bologna. Vielleicht erzeugte dieses Teamwork die eigenartig, schwer fassbare Stimmung dieses lesenswerten Romans über das 16. Jahrhundert. Und wer ist Q? Der Spion ist ebenso unfassbar wie Luther Blissett.

 

 

Freundesbrief 6

Juli 2006

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

Ich sitze auf der Terrasse, schreibe unter dem Pfirsichbaum. dieses Jahr scheint es viele Pfirsiche zu geben – lecker! – den Trick zeigte mir meine Nachbarin: Anfang Juni pflückt man die kleinen, noch unreifen Pfirsiche, damit die anderen dicker und saftiger werden.

Seit Ostern bin ich wieder zu Hause, zelebrierte den Cleynen Salon im Mai zusammen mit Christine Ackermann und einer lustigen Gruppe, wühlte im Garten herum und befuhr mit Circe meinem Boot das Meer. Heuer war der Nordatlantik wesentlich länger aufgewühlt als in den vorigen Jahren. Durch das unstabile Wetter im Frühjahr mit häufigem Wind gab es solch hohe Wellen, dass Bootsfahren einer Dusche gleichkam. Allerdings seit Anfang Juni herrschen Mittelmeerverhältnisse vor. Gestern Abend fuhr ich über ein wellenloses Meer dem Sonnenuntergang und den Seehunden entgegen.

In den stürmischen Zeiten, in denen nur Toren das Meer befahren, habe ich mit Begeisterung wie selten an meinen Farbenbuch geschrieben. Es wird im Herbst unter dem Titel „Das große Handbuch der Farben“ im Königsfurt Verlag erscheinen. In dem Buch finden Sie alles, was Sie schon immer über Farben wissen wollten. Von den Pigmenten, über die Symbolik der Farben, von der Magie des farbigen Glanzes edler Steine bis zu Tipps für die Wohnungseinrichtung und Kleidung können Sie dort alles finden. Dieses Buch ist ein später dank an meine Lehrerin Freifrau Dr. Olga von Ungern-Sternberg, die mich vor fast 35 Jahren in die Farbenlehre Goethes und des Bauhauses einführte. Aus der Weisheit ihres fast hundertjährigen Lebens damals regte sie mich an, mit Farbstiften und farbigen Tinten eine ästhetisch ansprechende Darstellung von Goethes Farbenlehre und deren Aufnahme durch das Bauhaus zu gestalten. Ich begann damals mit farbiger Schrift und sparsamen farbigen Layout-Elementen zu experimentieren. Bei der Arbeit an „Das große Handbuch der Farben“ habe ich diese früheren Spielereien mit Buntstiften und Tinten mit dem Computer nachzuahmen versucht. Nach ein paar frustrierenden Versuchen machte es so viel Spaß, dass ich gar nicht mehr stoppen wollte. Mein Farbenbuch wird also durchgängig im Vierfarbdruck gedruckt, aber es weist keine Bilder auf. Entschuldigung, aber das mag meine Macke sein: ich finde Bilder in Kunstbüchern (außer in den teueren) ärgerlich, denn meistens sind sie zu klein wiedergegeben, dass man nichts erkennt, oder die Reproduktionsqualität ist scheußlich, ganz zu schweigen von der Zerstörung des harmonischen Eindrucks der Druckseite. Als Ästhet habe versucht, ein schönes, farbiges Buch zu entwerfen, bei dem die Farbe und der Text sich gegenseitig in der Aussage untersützen. Lassen Sie sich also überraschen.

 

Ansonsten beschäftigte ich mich mit der Frage „Was ist ein Symbol?“ Was dabei herauskam, das lesen Sie nun im Folgenden.

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

Überlegungen zur Symbolik 

 

Alles ist ja nur symbolisch zu nehmen, und überall steckt noch etwas anderes dahinter

 

Goethe

 

Aus heiterem Himmel kam die Frage: „Was ist ein Symbol?“

Keine eingängige Antwort wollte mir über die Lippen kommen. Ich fühlte mich ertappt. Da schreibe ich seit mehr als dreissig Jahre über Symbole und kann diese Frage nicht lässig beantworten.

Nach verzeihbarer Verblüffungspause fiel mir die allgemeinste Formulierung des Symbolbegriffs ein: Ein Symbol verweist auf etwas anderes. Es ist mit einem Wiedererkennungswert verbunden, der bei Platon eine erotische Komponente besass. Im „Gastmahl“ finden Sie das viel zitierte Gleichnis von den Kugelmenschen, die aus Angst von Zeus in zwei Menschen zerteilt wurden. Beide Hälften fühlen sich seitdem erotisch zu einander hingezogen. Das New Age machte daraus den Mythos den Seelenpartners, den man sogleich erkennt, wenn man ihn trifft. Bei Platon lautet das so: Jeder ist das Symbolon eines Menschen. Er verweist auf seine andere Hälfte, mit der er wieder eine Einheit bilden will.

Ein Symbol deutet auf ein Anderes, mit dem zusammen es eine Einheit bildet. Es weist auf eine Realität - wie der zeitgenössische italienische Anthropologe Fiorenzo Facchini schreibt -, die nicht logisch oder durch Konvention festgelegt wurde, sondern die „evoziert“ wird. Dieses Evozieren oder Anklingen ist freilich eine höchst ungenaue Beschreibung, die nicht nur Umberto Eco dazu verleitete, eine nur vage Festlegung der Symbole zu bedauern, um dennoch in ihr auch die Stärke der Symbolik zu vermuten.

Ein Problem besteht darin, dass das Symbol-Konzept (in der Wissenschaft wie in der Umgangssprache) für eine Vielfalt unterschiedlicher Phänomen herhalten musste und noch muss. Für die einen ist ein Symbol ein Zeichen (linguistische Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce), für die anderen ein Bild (oft in der religiösen Kunst), die dritten sehen es als Gegenstand oder wie Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer als eine Allegorie an. Für Goethe und die Weimarer Klassik verwandelt das Symbol eine Erscheinung in eine Idee, das Besondere und das Allgemeine werden im Symbol verbunden. Religiösen Menschen dient das Symbol als „heißer Draht“ zum Transzendenten. Die umfassendste Auffassung vom Symbol bietet der einflussreiche Ethnologe Claude Lévy-Strauss in seinem berühmten Ausspruch: Kultur ist eine Gesamtheit symbolischer Zeichensysteme. Vom Strukturalismus ab wird das Symbol als Element eines Systems und nicht mehr isoliert betrachtet.

Kulturelle symbolische Zeichensysteme sind von Konventionen festgelegt. Das heißt mit anderen Worten: was ein Symbol bedeutet, regelt die Konvention (weitgehend nach pragmatischen Gesichtspunkten). Damit vereinigt sich jedoch der Symbolbegriff ununterscheidbar mit dem Begriff des Zeichens. Außerdem würden Psychologen wie Freud, Jung und Lacan heftigst Levy-Strauss widersprechen. Nach ihnen ist die Beziehung vom Symbol zum Symbolisierten gerade unkonventionell - nämlich vom Unbewussten bestimmt.

Symbole sind also an eine bestimmte Gesellschaft gebunden und ihr Gebrauch setzt Bewusstsein voraus (eine Ausnahme davon stellen allerdings Jungs Archetypen dar).

 

Am stärksten ist der symbolische Ausdruck in der chinesischen und hinduistischen Gesellschaft verbreitet. Seit der Gupta-Zeit (4.-6. Jh.) geht der Hindu davon aus, dass alles Sichtbare ein Symbol für etwas Unsichtbares ist – mit anderen Worten: alles auf der Welt ist symbolisch. Beim Hinduismus fällt außerdem die sexuelle Konnotation bei fast jeder bedeutenden Symbolik auf (die hinduistische Symbolik stellt das ideale Beispiel für Freuds Sublimationstheorie dar).

Symbol und Zeichen

 

Wir leben nicht nur in einer Welt von Symbolen – eine Welt von Symbolen lebt in uns

 

J. Chevalier

 

Es ist erkenntnisfördernd, zwischen Symbol und Zeichen zu unterscheiden.

Bei einem Zeichen ist die Beziehung zwischen dem Zeichen und der bezeichneten Realität durch die Konvention festgelegt (wie bei Verkehrszeichen). Bei einem Symbol dagegen ist die Beziehung zwischen dem Symbol und der „evozierten“ Realität gerade nicht derart festgelegt, was sich bei Traumsymbolen deutlich zeigt. Ihre Bedeutung ist unter anderem von tiefenpsychologischen, biografischen und zeitgeistigen Bezügen bestimmt, die sowohl individuell als auch konventionell wirken. Ein Symbol hat mehr Freiheit etwas anklingen zu lassen als ein konventionell festgelegtes Zeichen, bei dem eine vage Bedeutungszuordnung seinen Sinn in Frage stellen würde.

 

Nach welchen Gesetzen richtet sich die Verbindung zwischen einem Symbol und dessen Bedeutung?

Sigmund Freud war der Ansicht, dass die Symbolbildung ein zugespitztes Bild schafft, das eine Bedeutung verdichtet. Außerdem tritt oft noch ein innerer Zensor auf, der die Erkennbarkeit des Gemeinten dadurch verschleiert, dass er emotionale Wertigkeiten verändert. Das geschieht häufig, in dem er sie auf andere Objekte verschiebt nach dem Muster „das heißgeliebte Auto symbolisiert die begehrte Frau“. Aber trotz aller Verschleierung ist dennoch hinter dem manifesten Symbol ein latenter eindeutiger Sinn verborgen (der freilich bei Freud monoton in der Wunscherfüllung erkannt wird).

C.G. Jung, der sich mit Freud über dessen Symbolbegriff bis zur dramatischen Entzweiung stritt, nahm an, dass das Symbol eine schöpferische Gestalt sei, die versucht, das Bewusstsein ihres Rezipienten zu erweitern. Bei seinen ausgiebigen Symboluntersuchungen gelangte Jung zu der Theorie einer Tiefenstruktur aller Symbole, die er „Archetyp“ nannte (und die er leider widersprüchlich definierte). Diese Supersymbole, auf die sich alle anderen Symbole zurückführen lassen, bilden die grammatische Struktur der Symbolsprache (das ist vergleichbar Noam Chomskys Tiefengrammatik in der Linguistik oder „langue“ der Sprache als System bei dem Schweizer Gründer der Linguistik de Saussure). Mit modernen und systematischeren Augen gesehen, geht Jung von zwei Modi aus, nämlich dem des Gegensatzes und dem des Unverständlichen (aber Geahnten) oder der zu großen Abweichung vom Erfahrungshorizont des Rezipienten. Den Gegensatz fasst Jung unter dem Aspekt Animus und Anima, das Unverständliche findet sich im Konzept des Schattens und des Höheren Selbst. So gesehen kann man sagen, ein Symbol verweist im Gegensatz zum Zeichen auf seinen Gegensatz oder auf ein Unverstandenes oder gar Unverstehbares.

Gerade in der religiösen Symbolik wird unter Einfluss des Neuplatonismus (ab 600 etwa) davon ausgegangen, dass ein Symbol stets auf die Wahrheit und damit auf Gott deutet. Da sowohl die Wahrheit als auch Gott nicht verstanden werden können, benötigt man Symbole. Diese Symbole verweisen aber nicht nur auf das Höhere, sondern sie stellen auch den Kontakt zu Gott und der Wahrheit her. Gemäß dieser frühen christlichen Auffassung dienen Symbole als Kommunikationshilfen zum Transzendenten. Selbst der deutsche Philosoph Ernst Cassirer geht noch zu Beginn des 20. Jh. davon aus, dass der Mensch durch die Symbole einen Kontakt zu den höheren Mächten bekommt, die er dann mit diesen Symbolen zu beeinflussen sucht. Nach ihm ist es weitgehend die Geistesgeschichte, die prägt, was ein Symbol symbolisiert. Der menschliche Geist verleiht also dem Symbol seine Bedeutung (eine klassisch neukantianische Ansicht), er ist der Sinnstifter.

Der Mensch ist der „homo symbolicus“ (F. Facchini, J. Ries u.a.). Die Bedeutung der Symbole wird von der kulturgeschichtlichen Epoche, die sie benutzt, maßgeblich beeinflusst. Das besagt zugleich, dass die Symbolbedeutung keine feste ist (wie es eher beim Zeichen zu erwarten ist) sondern eine dynamische, die sich mit Hegels Zeitgeist ständig ändert. Dass die Fackel den heimischen Herd und damit Heim und Familie bei den Römern symbolisierte, ist heute nur historisch von Belang, aber keineswegs mehr lebendige Symbolik.

 

Paul Ricoeur als Phänomenologe spielt das enfant terrible, wenn er davon ausgeht, dass ein Symbol unendlich Vieles bedeuten kann. Bedeutet ein Zeichen etwas Eindeutiges, so bedeutet ein Symbol Vieles. Gibt es da noch etwas nicht Zutreffendes? Diese Ansicht (die bereits im Hinduismus aufkam) darf nicht missverstanden werden. Sie besagt nicht, dass ein Symbol alles bedeuten kann in dem Sinne, dass die Zuordnung von Bedeutungen zufällig ist. Sie sehen es auch ein, dass ein Sofa schwerlich ein Fortbewegungsmittel symbolisieren kann, ein geballte Faust auch keinen Schlaf. Es muss Analogien geben (der Stoff aus dem die Assoziationen sind), also Parallelitäten oder ähnliche Muster zwischen Symbol und Symbolisiertem. Die oberflächlichsten ähnlichen Muster entsprechen der Konvention (Einlösung des Erwartungshorizonts). Hier liegt für mich die Grenze zwischen Symbol und Zeichen. Tiefergehende ähnliche Muster zwischen Symbol und Symbolisiertem bestehen oft darin, dass das Wesen des Symbols sich auf das Symbolisierte sinnvoll beziehen lässt. Das Wesen des Sofas im Beispiel oben ist die Ruhe. Dem Fortbewegungsmittel ist dagegen die Veränderung wesenhaft. Auf dieser Ebene kann keine symbolische Verbindung geknüpft werden. Nach Jung wäre das allerdings möglich, denn die Ruhe des Sofas steht komplementär zur Bewegung (Beziehung des Gegensatzes). Auf der Ebene der Traumsymbolik finden wir diesen komplementären Bezug häufig.

 

Die Erkenntnis der Verknüpfungsgesetze zwischen Symbol und Symbolisierten wird (im Gegensatz zum eindeutigen Zeichen) durch die Polysemie erschwert. Das meint, dass ein Symbol zugleich Unterschiedliches symbolisieren kann. Symbole besitzen durchweg Mehrfachbedeutungen – die meisten Symbole sind zumindest aus psychologischer Sicht polar. Sie können alles das bedeuten, das Ähnlichkeiten mit ihrer Struktur aufweist – damit ist die Auswahl der Bedeutungen eingegrenzt, wenn auch nicht notwendigerweise endlich.

Die Vieldeutigkeit eines Symbols ist zwar dem Positivisten ein Ärgernis, aber in ihr liegt die Stärke symbolischer Aussagen: sie können so das Leben in seiner Komplexität und Vielfältigkeit besser abbilden, als eindeutige Zeichensysteme. Mit der Eindeutigkeit kommt die Abstraktion ins Spiel, von der die Symbolik sich mit ihrem verschleiernden Charakter fernhält. Ein Symbol stellt nämlich sowohl etwas offen dar, als es auch verschlüsselt. Nur der „Eingeweihte“, der teilhat an der Welt dieser Symbolik, versteht sie. Ein Symbol ist grundsätzlich nur verständlich innerhalb eines symbolischen Systems (das sieht man deutlich an der Tiersymbolik des Mittelalters, die sich nur entschlüsseln lässt, wenn man den „Physiologus“ kennt, der die Assoziationen ganzer Generationen beeinflusste). Ein nicht-eingeweihter Betrachter kann die Symbolik nicht nur nicht entschlüsseln, sondern sie häufig gar nicht als solche erkennen. In esoterischen Kreisen ist diese Seite der Symbolik speziell betont worden. Sie gehen davon aus, dass es „normal“ ist, dass alles, was uns umgibt, symbolisch ist (auch Goethe vertrat vehement diese Ansicht). Aber nur der Bewusste weiß, die Ansprache durch das Symbol zu begreifen. Damit wird die Kenntnis der Symbolik mit etwas Elitärem verbunden, was sie schon immer war (z.B. Deutung des Vogelflugs und der Wolkenformen in der Antike durch eine hochgeehrte Gruppe von Priestern).

 

Nach Sigmund Freuds Sicht, die über den Franzosen Paul Diel mit seinem einflussreichen Werk über die Symbolik der griechischen Mythologie in die Archäologie und Kunstgeschichte hineinwirkte, entstammt jedes Symbol dem Unbewussten. Es muss deswegen uneindeutig sein, da dies den Produkten des Unbewussten wesenhaft ist. Das erkannte bereits Bernhard von Clairvaux im 12. Jh. intuitiv, wenn er vor der Verführungskunst bildhafter Symbole warnt. Symbole mit ihrem verhüllenden und zugleich offenen Charakter können wie das Weib die Fantasie des Mannes auf Abwegen führen. In der Vieldeutigkeit eines Symbols liegt seine Verführungskraft.

Weniger moralisch betrachtet, könnte man das Symbol als Mitte zwischen Logos und Mythos betrachten: es vereint das direkt Klare (Logos) mit dem Bildlichem, dem Geheimnis (Mythos) und damit verbinden sich Männliches und Weibliches in ihm.

Als Abkömmling des Unbewussten wird ferner dem Symbol stets eine emotionale Wirkung nachgesagt, die Zeichen oft vermissen lassen. In der therapeutischen Betrachtung von Symbolen wird davon ausgegangen, dass ein Symbol erst dann verstanden ist, wenn es sowohl intellektuell als auch gefühlsmäßig begriffen wurde.

 

Meine Vorstellung, wie ein Symbol zu seiner Bedeutung kommt

Jedes Symbol schafft ein Bedeutungsfeld, das vom essentiellen Muster dieses Symbols geprägt ist (es geht auf den gleichen Archetyp zurück). Alles, was Schnittmengen mit diesem Muster zeigt, kann symbolisiert und womöglich zugleich angesprochen sein. Schnittmengen zeigen sich in Analogien (Musterübereinstimmungen) zwischen Symbol und Symbolisiertem. Diese Analogien folgen meist den Mustern des Gegensatzes, der Zuspitzung und der Verschiebung und sind wahrscheinlich in letzter Instanz vom Unbewussten bestimmt. Analogien erschließen sich häufig über die ursprüngliche Funktion des entsprechenden Symbols (in sprachgeprägten Gesellschaften wie dem Christentum und Islam auch über die Etymologie des Symbolbegriffs).

Ist die Deckung zwischen Symbol und Symbolisiertem vollständig, sprechen wir vom Zeichen. Die Eindeutigkeit des Zeichens besitzt im Alltagsbereich Vorteile. Das vieldeutige Symbol hat Vorteile, wenn es um den Ausdruck komplexer (psychologischer) Bedeutungen geht.

Ist die Deckung von Symbol und Symbolisiertem gering, verliert die Symbolisierung an Kraft. Man würde sagen: „sie ist an den Haaren herbeigezogen“. Die meisten Mitglieder der entsprechenden Kultur würden sie nicht mehr spontan verstehen (das geschah der alchimistischen Symbolik speziell in ihrer Spätzeit). Bei fehlender Überschneidung gehören die Bedeutungsfelder unterschiedlichen Symbolsystemen an, die Ausdruck verschiedener Kulturen sind.

Mich verwunderte, als ich Ansichten zur Symbolik sammelte, dass sich fast jeder große Denker seit dem 19. Jh. zur Symbolik geäußert hat. Zu Beginn des 20. Jh. wurde - durch das von Ferdinand de Saussure geweckte Interesse an der Linguistik - die Frage aufgeworfen, was bedeutet was und nach welchen Regeln entsteht eine solche Bedeutungsverknüpfung. Solch eine Fragestellung schuf die idealen Voraussetzungen, sich über Symbolik Gedanken zu machen. Das geschah dann im Strukturalismus (der hier mit de Saussure, Levy Strauss, Ricoer und Lacan gebührend zu Worte kam).

Meister im Umgang mit der Symbolik ist das heutige Marketing. Der Gebrauchswert einer Ware tritt zunehmend hinter ihrem symbolischen Wert zurück. Mit Nike, Armani oder Porsche kauft man ein Imagesymbol, das ein großes Feld positiver Bedeutungen evoziert. Wenn man das Objekt des Begehrens besitzt, dann ist man glücklich. Man hat das Gesuchte gefunden. Das Symbol hat funktioniert. Die Einheit ist hergestellt. Dass es sich hierbei um den symbolischen Schein der Warenwelt handelt, mag dem zeitgeistigen Sein keinen Abbruch tun.

Zum Abschluss noch eine Betrachtung von Phänomenen, die oft mit der Symbolik verwechselt werden.

 

Symbol und Allegorie

Im Gegensatz zum Symbol verbildlicht die Allegorie eine abstrakte Idee (meist in einer Person dargestellt – z.B. der Teufel als Allegorie des Bösen) oder stellt sie in einer Erzählung dar. Die Allegorie umschreibt eine Sache, die bereits bekannt ist, während das Symbol etwas beschreibt, das nicht anders ausdrückbar und meistens nicht vollständig bekannt ist.

Die römische Ikonografie stellt fast immer Personifizierungen von Abstraktem dar und tendiert so häufig zur Allegorisierung. Von der Antike bis ins Barock war die Allegorie im kirchlichen und weltlichen Bereich beliebt.

Symbol und Attribut

Das Attribut weist auf eine göttliche oder seltener eine menschliche Figur, die stets mit diesem Attribut zusammen auftritt (z.B. der Hammer ist das Attribut Thors). Attribute dienen der Deutung ihres Eigentümers.

Symbol und Bild

Auch Symbole drücken sich bildlich aus, aber ein Bild drückt das aus, was es darstellt. Im Gegensatz zum Symbol verweist es nicht auf etwas anderes. Wenn wir das genau betrachten, ist diese Unterscheidung problematisch, denn auch jedem Bild wohnt die Tendenz inne, über sich hinaus zu weisen. Die Fotografie eines Picknicks verweist vielleicht auf Idylle und Unbeschwertheit, aber diese Konnotationen machen nicht die Grundaussage des Fotos aus (sie schwingen nur mit). Beim Bild steht das Dargestellte im Vordergrund und beim Symbol wird etwas dargestellt, um auf etwas anderes zu verweisen. Das Bild einer roten Rose hat nur jene rote Rose zum Thema. Die rote Rose als Symbol verweist auf die Liebe – mit ihren Dornen als Symbol des Verletzenden.

Mit dem Paläolithikum kommt das Bild als grafische Darstellung auf, was ein wesentlicher Entwicklungsschritt in der Nutzung der Symbole darstellte. Der magische Gebrauch der Symbolik reicht bis in diese Zeit zurück.

Symbol und Emblem

Emblem stammt vom griech. „emblema“ ab, was „Einlegearbeit mit Symbolgehalt“ bedeutet. Es ist eine hauptsächlich im Barock beliebte Kunstform, in der ein Bild mit einem Text verbunden wird. Der Sinn des Bildes wurde vom Text (meist ein Epigramm) erläutert. Das Emblem gehört in die Welt der Zeichen und nicht in die der Symbole, da es etwas eindeutig bezeichnet (was heute allerdings meist nur noch mit Spezialkenntnissen zu entschlüsseln ist).

Ferner werden Embleme (ohne Text, nur Sinnbild) oft von sozialen Gruppen genutzt, um eine politische, religiöse oder soziale Einheit zu zeigen. Das Hakenkreuz war zuerst das Emblem der NSDAP und dann der Faschisten in Europa und USA.

Symbol und Gleichnis

Bei einem Gleichnis wird ein Konzept oder eine Situation durch einen anschaulichen Vergleich verdeutlich. Wie häufig beim poetischen Gleichnis kann die Bilderwelt ausgeschmückt werden und wie beim biblischen Gleichnis eine epische Breite aufweisen. Im Gegensatz dazu ist das Symbol eine knappe auf dem Punkt gebrachte Darstellung von etwas anderem.

Symbol und Metapher

Die Metapher ist ein sprachliches Bild oder wie ich es mir als Eselbrücke merkte: ein Vergleich bei dem das Wie ausgefallen ist. „Die umwölkte Stirn“ war z.B. eine beliebte klassische Metapher. Nach Ricoer stellt die Metapher den linguistischen Aspekt des Symbols dar. Es sind die sprachlichen Assoziationen, welche Bilder wie „die Blitze ihrer Augen“ schufen. Dass der Blitz in diesem Fall Aggressionen symbolisiert, ist offensichtlich. Besonders die romantischen Dichter beschäftigten sich mit der Metaphorik und Symbolik, die nach ihrer Auffassung den Rezipienten mit einer Anderswelt verbinden, die nur poetisch ausdrückbar ist. Wie im Neuplatonismus werden Metaphern wie auch alle Symbole als Kommunikationsmittel mit etwas sonst Unzugänglichen angesehen. Sie sind der Schlüssel zu einer Anderswelt, die allerdings keineswegs göttlich sein muss, wie Mary Shelleys „Frankenstein“ und die Entdeckung des Horrors in der Romantik zeigen.

Literatur

Die Literatur zum Thema Symbolik ist äußerst umfangreich. Einen Überblick gibt

M. Lurker: Bibliographie zur Symbolkunde. Baden-Baden 1964

Die neuere Literatur zu diesem Thema finden Sie in der periodischen Bibliografie

Bibliographie zu Symbolik, Ikonographie und Mythologie (regelmäßige Veröffentlichung von 1968-1980)

Da habe ich nun als good boy meine Schularbeiten gemacht. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas zur Symbolik ein? Über Anregungen und Ergänzungen wäre ich dankbar.

 

 

Leserliches & Lästerliches

Für diejenigen, die sich mit Symbolen & Mythologien tiefgehend beschäftigen wollen, sei von Natale Spineto „Die Symbole der Menschheit“ empfohlen. Wenn der Text auch von Wissenschaftlern in abschreckend ununterhaltsamer Weise geschrieben wurde, hat mich dieses großformatige Buch dazu angeregt, darüber nachzudenken, was ein Symbol ist und was keines ist. Durch seine wissenschaftliche Ausrichtung räumt dieses Buch mit vielen Ungenauigkeiten der populären Symbolbetrachtung auf. Es gibt einen guten Überblick über den Symbolgebrauch in unterschiedlichen Kulturen und ist informativ bebildert. Mich haben besonders die ausführlichen theoretischen Ausführungen zur Symbolik interessiert, die in verständlicher Weise historische Linien aufzeigen.

Ansonsten lese ich gerade von Paula Fox „Was am Ende bleibt“ – well, vielleicht schreibe ich das nächste Mal über ihren Roman, der etwa 30 Jahre in Vergessenheit geraten war und dann plötzlich in den USA und jetzt in Europa wieder entdeckt wird.

 

 

Freundesbrief 5

April 2005

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin noch fix & fertig von meiner Vortragstour und erhole mich im Garten, nachdem ich meinen Freund Konrad zu verheiraten half. Es war meine größte Tour durch deutsche Buchhandlungen seit Jahren und viele von ihnen habe ich getroffen. wir konnten etwas plaudern und uns kennenlernen. Nun spreche ich mit den Kräutern und Büschen, mähe den Rasen und nehme mir die Freiheit etwas skurril zu werden. Die Tage kommt CIRCE mein geliebtes Boot ins Wasser, auf dass ich mich wieder als Freizeitpirat betätigen kann. Viele fragen mich, was es mit der Faszination des Meeres auf sich hat. Nach Schätzings DER SCHWARM und der Neuauflage des vollständigen Originals von Melvilles MOBBY DICK mit den Originalholzschnitten (bei Zweitausendeins) liege ich voll im Trend. Das hört man als Seemann nicht so gern, aber was soll`s?

Trotz Tsumanis sind die Landratten wie selten zuvor von ozeanischen Träumereien befallen. Schiffen schauen sie mit Sehnsucht im schützenden Lee stehend nach und es drängt sie dem Wasser so nahe zu kommen, wie sie es ohne hereinzufallen zu können. Melville fragt sich, ob sie vielleicht die magnetische Kompassnadel all jener Schiffe sie unweigerlich dem Wasser entgegenzieht. Auf jeden Fall scheint Magie im Spiel zu sein, die auch mich stets umfängt, wenn ich die Leinen meines Bootes löse, den Kanal vorbei an der Mühle ansteure, um in die freie See zu stechen. See ist Freiheit und diese Freiheit potenziert sich, wenn kein Land mehr in Sicht ist und nur das Spiel des Lichts auf den Wellen den einsamen Seemann umgibt. Die alten Perser hielten das Meer für heilig. Es ist die große Mutter, deren gefährliche Kräfte sich der Mann stellt – und heute auch zunehmend Frauen. Freilich bin ich nur ein leidlicher Seebär, die frelich die schlimmsten Romantiker der see sind. Für mich ist das Meer die Anderswelt und dennoch der Feind des Seefahrers. Komm ich zurück von der See und laufe mit halber Kraft im Hafen ein, umhüllt mich stets eine melancholische Sehnsucht. Nach der Freiheit bricht die Bindung gleicher einer hohen Welle über mich her. Ich spüre die Zwangsjacke sozialer Konventionen und bin nur noch teils ich selbst. Das Gefühl am Ende einer Seereise gleicht der Enttäuschung, wenn man einen packenden Roman zu ende gelesen hat.

Aber nun sitze ich nicht ganz eine Meile vom Meer 12 Meter über Normalnull und die rauschnäbligen Möwen spiegeln sich in meinem Glasschreibtisch, um meinen Blick vom Bildschirm weg zu ziehen.

 Als ich auf meiner Reise mit Konrad wie einst Heidegger im hügelligen Schwarzwald wanderte, kam die Frage über Zeit und Raum im Traum auf. Die Konzentration auf vereiste Wege ließ uns langsam sprechen. Was uns dabei alles einfiel, möchte ich ihnen in dem folgenden kleinen Artikel darstellen. Diese Überlegungen wurden dadurch angeregt, dass in der Diskussion nach fast jedem meiner Vorträge das Gespräch von dem Thema Zeit im Traum angezogen wurde – genauso wie der Landbewohner von der See angezogen wird.

 

 

Wie steht’s mit der Zeit im Traum? 

 

In der Welt der Quantenphysik gibt es letztendlich keine Zeit, weder ein Vorher noch ein Nachher und die Frage nach dem Wann spielt keine Rolle

 

Malcolm Godwin: The Lucid Dreamer

 

Wer sich ins Land der Träume begibt, erlebt das oft als Verwirrung. Er taucht in eine Welt ein, die Kants Ansicht Lügen straft, dass Raum und Zeit feste Determinanten unserer Welt sind. Schreiben Sie ihre Träume auf, ist es oft schwierig zu entscheiden, was geschah vorher, was nachher. Scheinbar geschah alles zugleich, die unbarmherzige Ordnung der Zeit eine Illusion.

Schlimmer wird es noch, wenn wir vorausweisende Träume betrachten, deren Existenz selbst der kritischte Geist nicht verleugnen kann. Für den bequemen Denker liefert die Zeitdeterminierung, wie wir sie aus dem Hinduismus kennen, eine willkommene Erklärung. Alles ist vorausbestimmt, auf Palmblättern oder in der Akasha-Chronik, die Madame Blavatsky eifrig las,  niedergelegt. Diese Schicksalsgläubigkeit findet ihre Sicherheit in einem determinierten Leben, in dem der Mensch denkt und eine Gottheit lenkt. Der Idee des freien Individuums, der wir mehr oder weniger bewusst huldigen, ist das ein Schlag in Gesicht.

Glücklicherweise bietet die moderne Physik seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einen akzeptablen Ausweg. Die Zeit ist relativ – uns fällt ein Stein vom Herzen. Was heißt das nun in Bezug auf den Traum?

Wenn wir träumen, dann verändert sich unser Hirnwellenmuster. Denken Sie sich das wie bei einem Radio: mit dem veränderten Hirnwellenmuster stellen Sie einen anderen Sender ein. Den anderen Sender können Sie auch als ein anderes Universum ansehen. Nun hilft uns John Wheeler, der Musterschüler Einsteins, weiter, der mit seinen Kollegen Everett und Rhiner eine Theorie von Paralleluniversen vorschlug. In den unterschiedlichen Universen, die alle übereinander geschichtet bestehen, gibt es unterschiedliche Zeitverhältnisse. Kommen wir zurück zum vorausweisenden Traum: mit diesem haben wir uns in ein Universum eingeschaltet, in dem die Zeit rückwärts fließt. Zuerst kommt die Zukunft, dann die Gegenwart und am Schluss löst sich alles in der Vergangenheit auf. Das ist wie beim Merlin der Artussage, der in der Zeit rückwärts lebt und deswegen der clevere Berater von König Artus sein kann. Auf den ersten Blick scheint dies auch wie eine Determinierung auszusehen, man könnte meinen, die Zukunft sei bestimmt. Das ist sie aber dennoch nicht, da alle Aussagen der Quantenphysik Wahrscheinlichkeitsaussagen sind, aber keine Notwendigkeiten.

Angesichts dieses Phänomens der Zeitumkehr muss unsere Sprache kapitulieren, denn ihre sinnstiftende Ordnung, die Grammatik, ist an unsere „normale“, von der Vergangenheit in die Zukunft fließende Zeit gebunden. Wenn wir aus einem Traum aufwachen, dann kommen wir aus einem zeitlosen Raum ins zeitgebundene Bewusstsein an. C.G. Jung geht davon aus, dass unser Bewusstsein sich komplementär zu unserem Unbewussten verhält. Das Unbewusste kennt keine Zeit, was die Freiheit in der Traumwelt ausmacht, das Bewusste braucht die Ordnung der Zeit, damit wir uns orientieren und zielgerichtet handeln können. Wenn wir also einen Traum erinnern, wendet unser Bewusstsein ein Trick an: es bearbeitet den eigentlichen Traum, dass er sprachlich ausgedrückt werden kann und dass wir ihm einen Sinn geben können. Das geschieht freilich nicht immer vollständig und so bleibt eine leichte Verwirrung bei vielen Träumen übrig, was denn nur im Traumgeschehen vorher und was nachher war.

Nur in unserem Unbewussten sind wir wirklich frei, deshalb können wir dort jenseits unserer alten Muster wahrnehmen und reagieren. Mathematiker schlugen vor, unser Unbewusstes als den Hilbert-Raum zu betrachten, in dem es keine Strukturierung gibt, außer jener, die der Betrachter in ihn hineinsieht. Das ist das postmoderne „every goes“. So ist es auch einsichtig, dass sich der Traum in Bildern mitteilt und höchst selten nur in Sprache. Im Bild ist im Gegensatz zur Sprache alles zugleich. Im Bild als solches gibt es keine Zeitgebundenheit, dort ist alles zeitgleich vorhanden.

Kommen wir zurück zum Phänomen des vorausweisenden Traums. Von vorausweisenden Träumen berichten Personen, die man in der USamerikanischen Forschung als „begegnungsanfällig“ bezeichnet. Das ist keineswegs eine psychologische Störung, sondern nur die Umschreibung dessen, was der Laie als „sensibel“ bezeichnet. Oft muss ich meine Hörer enttäuschen, wenn ich sage, dass zum einen vorausweisende Träume erst dann als solche bestimmt werden können, wenn die Voraussage eingetreten ist – und ob man dann nicht dann besser von selbstbestimmter Prophezeiung oder einem sich durchsetzenden Muster redet, ist eine andere Frage – und zum anderen diese Träume häufig nichts Bedeutendes voraussagen. Echte Warnträume, die stets die Gemüter anziehen, sind wesentlich seltener als gemeinhin angenommen wird. In der Antike wurden weitgehend nur diese Träume betrachtet, aber gleichzeitig lehrt uns die Geschichte, dass die Warnungen wie bei Caesars Ermordung und Kassandras Rufe nie befolgt wurden. Unser Bewusstsein arbeitet nach dem Prinzip, es darf nicht sein, was nicht sein kann und deswegen werden den Warnungen nicht geglaubt.

 

Wer es noch genauer wissen möchte, findet im Folgenden einen gekürzten Aufsatz von mir, den ich vor Jahren zu diesem Thema veröffentlichte

 

Das Universum träumt

 

Die Leere und der Raum waren wie die Zeit, oder die Zeit war wie die Leere und der Raum; war es dann also nicht denkbar, [...], dass es dannUniversen mit verschiedenem Zeitmaß gibt? Ist nicht gesagt worden, dass auf Jupiter ein Tag so lange dauert wie ein Jahr?

 

Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages

 

Relative Zeit & prophetische Träume

Ganz unfassbar ist für uns "zeitgeplagte" Menschen, dass in den Sprachen der Aborigines weder Zeit noch Geschichte - wie im Traum - ein konkrete Rolle spielt. Es gibt zwar die Vorstellung "vor langer, langer Zeit...", die unserem "es war einmal..." entspricht, aber eine weitere Zeitdifferenzierung scheint auf dieser Ebene uninteressant zu sein. Sie wissen nicht, was vorher und was nachher war. Das scheint für die Ebene des Traums und der der Mythen Australiens nicht wesentlich zu sein.

Zeit ist eine Illusion

Ich möchte Sie zu einer Vorstellungsreise in ein quantenphysikalisches Konzept einladen, das besagt, dass die Zukunft darüber entscheidet, was in der Gegenwart geschieht.

Albert Einstein regte den amerikanischen Physiker John A. Wheeler und den englischen Astronomen Fred Hoyle an, die Relativität der Zeit genauer zu untersuchen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts war es durch die Relativitätstheorie deutlich geworden, dass unser lineares Konzept von einer gleichmäßig in einer Richtung ablaufenden Zeit nur eine Möglichkeit unter vielen darstellt. Bei der Beobachtung subatomarer Teilchen stellte man fest, dass die Zeit, die unsere Uhr misst, augenscheinlich nicht die einzige mögliche Zeit ist. Amerikanische Quantenphysiker wie Wheeler und Rhiner nahmen Reflexwellenwellen an, die in der Zeit rückwärts wirken. Das bedeutet, das zukünftige Ereignis wirft einen Schatten voraus. Es beeinflusst mit Hilfe dieser Reflexwelle alles das, was zuvor geschieht. Mit anderen Worten: Die Zukunft wirkt auf die Vergangenheit. Damit ist unser normales Zeitverständnis auf den Kopf gestellt.

Der britische Astronom Fred Hoyle hat sich seit etwa 1940 ausgiebig mit der Zeit aus dem Blickpunkt der Relativitätstheorie Einsteins beschäftigt. Er geht von der Theorie der parallelen Welten aus, die durch die amerikanischen Physiker Everett, Wheeler und Rhiner bekannt geworden ist. Danach kann man sich unser Universum wie einen Käsetoast vorstellen. Dieser Toast besteht aus drei Ebenen. Der Käse steht dabei für eine Welt, die Butter und das Brot für andere Welten. Dabei kann sich jede Welt von der anderen unterscheiden. Jede dieser Welten besitzt ihre eigene zeitliche Ordnung. In der Welt, die wir als "unsere Realität" bezeichnen, läuft die Zeit von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. In anderen Welten gibt es andere Zeitverhältnisse wie beispielsweise die zyklische Zeit (ein Vorstellungsmodell matriarchaler Kulturen) oder die Zeit, die rückwärts läuft.

Die Realität, die wir im Traum wahrnehmen, ist nicht nur eine dieser Welten, sondern die Überlagerung vieler Welten. Das bedeutet, dass die verschiedenen Schichten unseres Käsetoasts durchscheinend gedacht werden müssen. Wir können also erahnen, was auf anderen Schichten geschieht. Wir erleben also zugleich Zukunft und Vergangenheit. Das verwirrt.

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der die Wirkung vor der Ursache liegt. Vom Standpunkt des Beobachters aus läuft aber die Zeit nicht nur rückwärts, sondern zugleich befindet er sich in unserer Alltagswelt, in der die Zeit vorwärtsläuft. Er findet sich also in einem System von Überlagerungen wieder. Die Quantenphysik geht davon aus, dass wir uns diesen Zustand als ein Treffen von zwei Wellen vorstellen können: Eine Welle, die von der Vergangenheit in die Zukunft verläuft und eine andere Welle, die in der entgegengesetzten Richtung von der Zukunft in die Vergangenheit läuft. Der Quantenphysiker nimmt also an, dass Ereignisse, die noch nicht eingetreten sind, eine Welle erzeugen. Diese Welle wird beim voraussagenden Träumen dekodiert und in Bilder umgesetzt.

Traumforscher wie Montague Ullman und sein früherer Mitarbeiter Stanley Krippner untersuchten den Unterschied von prophetischen Träumen und gewöhnlichen Träumen. Sie nehmen an, dass beim gewöhnlichen Traum die erinnerten Tageserlebnisse mit im Gedächtnis gespeicherten Assoziationen und Vorstellungen von der Zeit widerspruchsfrei verbunden werden. Wir fügen die Bilder des Traums unserer Zeitvorstellung entsprechend zusammen und lassen diesen Traum so zu einer Geschichte werden. Die Bilder dieser Traumgeschichte werden aus sich überlagernden Hologrammen der Gehirnrinde erzeugt.

Beim vorausweisenden Traum dagegen werden die Bilder aus Hologrammen erzeugt, die von Wellen aus der Zukunft und aus der Vergangenheit produziert werden und so Abweichungen von unserer gewohnten Zeitstruktur aufweisen. Das verwirrt unsere "normale" Wahrnehmung, da es in unglaublicher Weise von unserer Schulweisheit abweicht, dass wir die Zukunft sehen können.

Es stellt sich die Frage, warum der Träumer bisweilen seinen Empfangsmechanismus umstellt, und so prophetische Träume als Schnittpunkt zweier gegenläufiger Wellen empfängt. In den meisten Fällen hat er jedoch diesen Empfangsmechanismus für prophetische Träume abgeschaltet.

Der Engländer Michael Persinger hat als erster vor zehn Jahren Personen untersucht, die zu voraussagenden Träumen neigen. Das scheinen solche Menschen zu sein, die überempfindlich auf die elektrischen Aktivitäten ihres Temporallappens reagieren. Diese Menschen sind zugleich Individuen, die keinen starr fixierten Erwartungshorizont besitzen und so für neue Erfahrungen offen sind. Ob das wiederum an ihrer sensiblen Wahrnehmung der elektrischen Zustände ihres Temporallappens liegt oder nicht, konnte bis heute nicht geklärt werden.

Voraussagende und gewöhnliche Träume unterscheiden sich nach dem Physiker F.A. Wolf in bezug auf die Datenmenge, die ihnen zur Konstruktion ihrer Bilderwelten zur Verfügung steht. Dabei schöpft der voraussagende Traum aus einem unbegrenzten Datenreservoir - nämlich dem der Vergangenheit und der Zukunft. Dem gewöhnlichen Traum steht dagegen nur das vergleichsweise eng begrenzte Datenreservoir der Vergangenheit zur Verfügung. Es bleibt jedoch offen, warum einmal auf ein unendliches und ein anderes Mal auf ein endliches Datenreservoir im Traum zurück gegriffen wird. Traumforscher können bis jetzt nicht erklären, warum ein und die gleiche Person bisweilen vorausschauend träumt und dann wieder "normal". Selbst begnadete Medien wie der Amerikaner Edgar Cayce haben nicht ausnahmslos vorausdeutend geträumt. Er selbst berichtet von "ganz normalen Träumen", die sich mit prophetischen Träumen abwechselten.

Meiner Theorie zufolge kann das Unbewusste immer unendlich viele Daten aus der Zukunft und der Vergangenheit verarbeiten. Stellen Sie sich vor, dass Ihr Unbewusstes Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie Länder überblickt, die man von einem Berg aus sieht. Es verbindet diese Ausblicke zu einem komplexen Bild, wobei es Einblicke aus der Zukunft und der Vergangenheit miteinander verbindet.

Man kann sich das Unbewusste auch wie einen Maler denken, der Farben kombiniert, um zu einer bestimmten Aussage zu kommen. Gelb ist die Zukunft und Blau die Vergangenheit. Der Maler benutzt und mischt diese beiden Farben, um seine Aussage zu vermitteln. Genauso mischt und kombiniert unser Unbewusstes Daten aus der Zukunft und Vergangenheit, um sie zu einer für uns wichtigen Bedeutung neu zu kombinieren. Diese Kombination ist das Traumbild, das sowohl "gewöhnliche" wie auch prophetische Aspekte aufweist. Wenn der Träumer Voraussagen in seinen Träumen bemerkt, werden sich mehr und mehr prophetische Träume einstellen, da dieser Träumer lernt, sich auf solche Voraussagen einzustellen. Ein prophetischer Traum erhöht also die Wahrscheinlichkeit weiterer vorausweisender Träume.

Ich und Es - die beiden unterschiedlichen Geschwister

 

Das Es besitzt den Überblick über Zukunft und Vergangenheit, indem es in assoziativer Weise zwischen den Zeiten hin- und herpendeln kann. Das Ich dagegen ist eine relativ starre Struktur, die zeitlich linear geordnet ist. Das Ich besitzt ein klares zeitliches Konzept, es kann nicht in die Zukunft sehen. Das Freudsche Es dagegen neigt paranormalen Wahrnehmungen wie der Prophetie zu, was Sigmund Freud klar gesehen hat. Freud sagte 1935, dass der Traum, uns für paranormale Erlebnisse öffnet, und tritt damit der noch heute weitverbreiteten Auffassung des römischen Politikers Cicero entgegen, der die Weissagung von Träumen als reinen Aberglauben abtat. Allerdings, so führte Freud weiter aus, ist die Fähigkeit zur Voraussage im Laufe der phylogenetischen Entwicklung durch effektivere Kommunikationsmethoden in den Hintergrund gedrängt worden. Das ist verständlich, da wir in unserer heutigen Umwelt ein gewisses Maß an Sensibilität opfern müssen, um die Menge der auf uns einstürzenden Daten effektiv zu verarbeiten.

Das Es besitzt schon allein durch seine Struktur die latente Fähigkeit, in bestimmten Bewusstseinszuständen wie dem Traum Voraussagen zu machen. Dem Ich sind diese Fähigkeiten aufgrund einer anderen Strukturierung fragwürdig und es versucht die Voraussage im Traum zu unterdrücken, da sie seine Ordnung stört. Deswegen erkennen wir häufig nicht die Voraussage in einem Traum.

 

Freundesbrief 4

November 2004

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

der erste Teil meiner Vortragsreise durch Ungarn und Deutschland liegt hinter mir. Nun sitze ich im Erker, schaue über das romantisch vernebelte St. Gallen und schreibe über die Farbe Rot. Dass mir Rot in der Schweizer Fahne hier allerorten begegnet, ist nicht der einzige Grund sich dieser Farbe zuzuwenden, sondern ich schreibe eine Buchreihe zu den Grundfarben und zu Schwarz und Weiß (die Bücher kommen im Schuber in einem Jahr beim Königsfurt Verlag heraus). Da sich im Herbst die Blätter rot verfärben, eh sie sich mit Braun verabschieden, habe ich mit der Farbe Rot begonnen, jener frechen und widersprüchlichen Farbe, die reizt.

Seit meiner Kindheit haben mich Symbole fasziniert. Sie stellen eine mächtige Sprache dar, die jeden nicht nur intellektuell, sondern auch emotional anspricht. Innerhalb der Symbolik spielen die Farben eine hervorragende, ja betörende Rolle. In der Werbung, in der Mode, in der Natur und Kunst, wo wir auch hinblicken, wird mit Farben kommuniziert.

 

 

Nachdenken über Rot

 

Rot ist eine Farbe zwischen

Liebe und Hass

Sex und Gefahr

Elitärem und Kommunismus

 

 

Rot ist die Farbe der Liebe.

Rot ist die Farbe, die uns an der Ampel gebietet, stehen zu bleiben.

Welch ein Widerspruch! Auf der einen Seite fleht Rot: „komm zu mir!“ auf der anderen Seite sagt es: „Stop!“

Rot lässt an Krieg und Blut denken.

Rot ist eine aufregende Farbe, nach der Kinder greifen, die anzeigt, dass etwas wichtig ist und wir alle kennen den gefürchteten Rotstift. Mit dieser Farbe beginnt und endet der Tag. Abendrot und Morgenrot, mit denen Goethe in seiner Farbenlehre Rot als Naturphänomen erklärt, stehen beide an der Grenze zur Nacht. Nach der dunklen Nacht, die alle Farben auslöscht, kündigt sich das Licht mit Rot an. Am Übergang des Tages zum Dunkel der Nacht steht wieder das Rot.

Warum scheint es eine männliche Angelegenheit zu sein, mit Rot auf Kriegsfuß zu stehen? Die Rot-Grün-Blindheit als häufigste Farbenblindheit kommt bei Frauen nicht vor.

Die Einstellung zur Farbe und besonders zu Rot ist in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Den nördlichen Germanen schien die Farbe nicht so wichtig gewesen zu sein. Germanische Sprachen weisen wenig Vokabeln zum Unterscheiden von Farben auf. Im Vergleich dazu gibt es im Südpazifik schon allein eine Fülle von Wörtern für Rottöne.

Für mich ist Rot eine schwierige Farbe. Ich besitze keine rote Kleidung und habe nie ein rotes Auto gefahren. Zu auffällig, zu extrem, dachte ich. Rot kann eine Frau tragen, aber doch kein Mann! Als unruhiger Geist werde ich von Rot abgeschreckt. Rot macht mich noch unruhiger und aufgeregter - man könnte allerdings auch sagen, Rot bringt Leben in den grauen Alltag. Mich störte Rot. Es regte mich zu sehr an und stellte mich in die Mitte des Geschehens.

In einer Art Hassliebe begann ich mich mit Rot zu beschäftigen. Als Student besuchte ich ein Seminar über Farbpsychologie. Dort wurden Experimente zur Wirkung der Farben durchgeführt. Können einen Farben wirklich so erregen, wie der Volksmund es behauptet, sollte untersucht werden. In meiner Arbeitsgruppe unterlegte man einen schwierigen Text mit roter, grüner und weißer Farbe. Es zeigte sich, dass ein auf Rot gedruckter Text schwerer zu erfassen war, als wenn der gleiche Text vor Grün oder, wie es normal ist, vor Weiß erschien.

Die Erklärung für dieses Ergebnis liegt auf der Hand: Die Farbe Rot erregt so sehr das menschliche Nervensystem und zieht derart alle psychischen Energien auf sich, dass zu wenig freie Energien übrig bleiben, um den Inhalt des Textes zu erfassen. So kann die wissenschaftliche Psychologie wie so oft bestätigen, was wir bereits alle wissen: Rot regt an.

Was wirkt denn nun an der Farbe?

Es wirkt die Farbschwingung, die auch dann unzweifelhaft vorhanden ist, wenn die Farbe nicht gesehen wird. Sicherlich beeinflusst diese Farbschwingung einen mehr, wenn sie auf das offene Auge trifft, aber der menschliche Organismus scheint Farbe nicht allein mit dem Auge wahrzunehmen. Erstaunlich ist, dass das menschliche Auge nur zwanzig Prozent der Farbschwingungen wahrnimmt, die restlichen achtzig Prozent verwendet der menschliche Organismus sozusagen als Nervennahrung. Licht und somit Farben scheinen den Körper zu durchdringen. Man stellt sich das heute nach dem Prinzip der Schwingungsresonanz vor. Eine Farbe erzeugt eine Schwingung, die im Körper widerhallt. Da dem Körper diese Schwingung nicht fremd ist, kann er sich auf sie einschwingen. Das Innere des Körpers antwortet auf die äußere Farbschwingung. So wirkt die Farbe über ihre Schwingung, ohne dass man sie unbedingt sehen muss.

Stellen Sie sich vor, Sie würden der Farbe Rot zum ersten Mal begegnen. Sie wären sicher aufgeregt, denn Rot gilt in den meisten seiner Töne als aktivierende Farbe, weswegen die Schlagzeilen in den Boulevard-Zeitungen oft rot gedruckt werden (bei der BILD-Zeitung ist sogar der Zeitungsnamen im roten Feld gesetzt). Auch Kriegsnachrichten in den Zeitungen sind häufig rot gesetzt. Rot wirkt bis in die Seele wie die rote Blüte auf den Instinkt des Insekts.

Als Höhepunkt der Farben (Goethe) wirkt Rot anregend, erwärmend und belebend. Es wirkt je erregender, desto näher sein Farbton dem Scharlachrot angenähert ist.

Und über rote Dessous und die roten Laternen von Pauli will ich hier gar nicht erst schreiben ...

Sprach ich eben vom belebenden bis erregenden Rot, so gibt es auch die Verbindung von Rot und Tod: Artemidor von Daldis, der eines der meistgelesenen Traumbücher vor Sigmund Freud schrieb, verbindet in seinen Traumdeutungen Rot mit dem Tod und dem Bösen. Träume böser Menschen und diejenigen mit fatalen Voraussagen wurden in seinen Texten ursprünglich rot geschrieben.

 

 

Freundesbrief 3

Juli 2004

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

seit einer Woche schneide ich Lavendel, binde Sträußchen und fülle alte Socken (Duftsäckchen J). Der Duft betört wie der Sonnenschein. Überall hängt Lavendel – vorm Kamin, in allen Schränken, Flur und Küche. Der Lavendel hat mich. Als ich vor 14 Tagen zum 50. Geburtstag einer Freundin nach Berlin düste, gab es dort köstliches Lavendel-Parfait. Zunächst war ich skeptisch. Mit Lavendelblüten im Tee ist Vorsicht geboten. Zwei bis drei Blüten auf zwei Liter Wasser geben dem Tee den Geschmack von Badewasser (nach dem Abseifen) – nur bitterer. Nun hörte ich das Geheimnis: Lavendel in Speisen sollte man zuvor in Weißwein mit etwas Honig köcheln –schon schmeckt er köstlich. Neulich buk ich ein Lavendelbrot für meine Gäste. Oh, die Gier – beneidenswert, wer frei davon – ich aß es fast alleine. Nur mein Nachbar, von dem ich Seeforelle für den Grill bekomme, bekam einen Laib.


Neben dem Lavendel bestimmen die Rosen meine ländliche Idylle. Schaue ich morgens
aus dem Badezimmerfenster in den Garten, bin ich erstaunt, in welcher Überfülle die Rosen Blüten treiben (das hat schon Plinius verblüfft). Täglich schneide ich Blüten, damit sich neue Knospen frei entfalten können. Das Wohnzimmer beherrschen trocknende Blütenblätter auf vergilbten Zeitungsseiten, die mich trotz ihrer Zartheit kafkaesk verdrängen.

Mein Freund Martin veröffentlichte gerade einen Roman (The Rain on My Face), in dem er jene Düfte Norfolks beschwört. Rose und Lavendel, die in den Gärten hier wie in Goethes Garten zusammen wachsen, lieben und stärken sich.

Im Sommer werde ich zum Landei – und zum Seefahrer. Dieses Jahr gab es bislang keine Seeabenteuer, außer dass Landungssteg und Bootsanhänger zusammenbrachen, mein Boot 

Bei hoher Flut kenterte ich fast – im Hafen! Der Hafen ist nicht selten des Seemanns Gefahr und das Land - als Untiefe bezeichnet - erst recht. Aber dennoch, die alten Kapitänshäuser, die an meinen unteren Garten grenzen, sind von roten Rosen umarmt, die das Auge reizend mit dem grauen Feuerstein der Mauer kontrastieren.

„North Norfolk is on the edge“ schreibt Martin in seinem Roman und nimmt damit ein Zitat auf, das viele Autoren vor ihm schon benutzten. Henry Rider Haggart, den Jung begeistert las, lebte hier um die Ecke (seinen Roman „She“ zitiert Jung ausführlichst in seinen Texten zur Anima) und selbst W.G. Seebald, den hochgelobten deutsche Romanautor (Die Ringe des Saturn) zog es hierhin – und mich J.

Nun sind wir beim Schreiben angekommen. Ich sitze vorm Bildschirm, draußen schreit der Fasan wie rostiges, aufeinander reibendes Metall, ich blicke in die alten Kastanien meines Nachbarn, die den Fledermäusen gehören.

Wie immer finden in Sie in diesem Freundesbrief einen Artikel von mir. Er wurde angeregt durch einen jungen Assistenten, der mir mit Haus, Garten und Computer half. Er liebte das Wort tussig – die Romane von E.W. Heine waren für ihn Tuss-Literatur, aber auch meine faltenverdrängende Nachtcreme und die roten Rosen neben dem Rechner sind tussig und der folgende Text erst recht. Danach finden Sie eine Rezension von mir, und wie immer Termine und dies & das.

 

Liebe Grüße von der sonnigen Küste Norfolks

 

 

Gedanken zum Tussen

 

Wenn es die Klugen nicht wissen, frag den Narren

 

Tussis sind in aller Mund, aber in keinem Buch. Selbst im Internet ist Tussi oder gar Tussen schwer zu finden - außer auf den Sexseiten, was zeigt, dass Tussen geil ist. Im Brockhaus, bei Meyers, im Duden und Co suche ich vergeblich. In später Nacht werde ich in einer verstaubten Enzyklopädie fündig: „Tussi ist ein englischer Vorname“.

Trotz gierigen Suchens finde ich wenig weitere Informationen, was meinen paranoiden Geist gleich an die Verschwörung der Tussis glauben lässt. Sollte es eine Tussi-Maffia geben?

Da irgendeiner Tussi definieren sollte, hier ein Versuch:

Tussi ist der abschätzige Ausdruck für die Freundin oder Frau eines Mannes, die wenig Eigenständigkeit zeigt. Sie wird als „aufgetakelte“ (meist junge) Frau wahrgenommen, die sich stets nach der heißesten Mode richtet, um den Männern zu gefallen, und sonst die Unbedarfte und etwas Dümmliche spielt (wie es Veronica Feldbusch perfekt beherrscht).

Das Wort Tussi stellt eine Kurzform des weiblichen Vornamens Thusnelda dar, der freilich seit fast zweitausend Jahren aus der Mode gekommen ist. Zuerst stoße ich auf diesen Namen in E.W. Heines „Nur wer träumt, ist frei“, wo allerdings Herr Thusnelda (oder schreibt er sich Tusneda?) ein männlicher Strafgefangener ist. Die Kurzform Tussi, die seit etwa 1975 im allgemeinen Sprachgebrauch ist, kenne ich allerdings schon länger. Ich kann mich an meine Kinderzeit im Rheinland erinnern, als man exaltierte Frauen als Thusneldas bezeichnete. „Die ist ja eine Thusnelda“ besagte, dass sie ein unbedarftes Weib voller Frauenspielchen ist.

 

Wer war diese Thusnelda?

Die Geschichte kennt sie als eine Frau, die zu ihrer Zeit und besonders später einige Berühmtheit erlangte. Klopstock, Kleist und Grabbe verewigten sie in ihren Hermannsdramen und Händel widmete ihr die Oper „Arminius und Thusnelda“. Die Figur der Thusnelda wurde literarisch genutzt, um das Thema Freiheit und Unterdrückung effektvoll (und nicht ohne politische Nebengedanken) zu inszenieren.

Als Tochter des Cheruskerfürsten Segestes wurde sie früh verlobt, aber von Arminius (den Befreier Germaniens) entführt und geheiratet. Segestes war ein Freund der Römer, Arminius deren Feind, der Varus vernichtend im Teutoburger Wald schlug. Fünf Jahre nach dem Tod von Varus, der sich im Jahre 9 nach seiner schmählichen Niederlage umbrachte, organisierten die Römer unter Germanicus einen Rachefeldzug gegen Arminius. Während dieses erfolgreichen Feldzugs befreite Thusnelda ihren Vater Segestes, der von Arminius belagert wurde. Tacitus und Strabo berichten, dass Thusnelda wegen dieser Befreiung zwar Straffreiheit bekam, jedoch in einem Triumphzug mit ihrem Sohn Thumelicus durch Rom geführt wurde. Eine römische Plastik, die in Florenz in der Loggia dei Lanzi steht, zeigt Thusnelda als ein Symbol des unterdrückten Germaniens. Germania capta wurde sie genannt.

Dass Thusnelda in Rom die Geliebte des Germanicus und seiner Generäle und später der Oberschicht wurde, gilt als ungesichertes Gerücht, das sich nicht so recht in das Bild einer Heldin fügt, als die Thusnelda von ihren Zeitgenossen gesehen wurde.

Thusnelda als eine von Intrige und Rachsucht gezeichnete Frau, wie Kleist sie darstellte, ist alles, was von dieser Heldin geblieben ist. Es prägte maßgeblich den Ausdruck Tussi, obwohl selbst die römische Geschichtsschreibung anerkannte und bewunderte, wie Thusnelda sowohl ihrem greisen Vater, als auch Arminius stets klug zur Seite stand. Aber Vorurteile halten sich oft länger, als die wirkliche Geschichte.

Wenn wir heute den Begriff Tussi gebrauchen, dann schwingen Eigenschaften jener historischen Thusnelda mit, die verführerisch aussah und alles tat, um den Männern zu gefallen. Das typisch Tussihafte liegt zweifelsohne darin, dass Thusnelda stets ihre Abhängigkeit von den Herrschern taktisch ausnutzte. Sie tussste.

 

Was ist Tussen?

Tussen ist weiblicher Lifestyle, die doofgeile Waffe kluger Frauen. In früheren Zeiten galt als anerkannte Krönung des Tussens die fein inszenierte Ohnmacht, ein Zelebrieren der Hilflosigkeit. Je nach Zeitgeist liebten die Frauen eher die kokett eitle Spielart des Tussen oder dessen vorgeblich hilflose Machtspiele, die seit jenem fatalen Kirchgang der Frauen im Nibelungenlied bis zur Perfektion variiert wurden.

Tussen gehört zu den Spielen der Erwachsenen, auch wenn es sich kindisch gibt. Tussen setzt Klugheit und die Erfüllung der herrschenden Schönheitsnorm voraus. Zum Tussen muss man zumindest eine reizende Brust erahnen lassen. Wer sexlos im Wollrock tusst, wird als Öko-Ziege abgetan, worin sich die Erkenntnis zeigt, dass man zum Tussen seine weiblichen Waffen klug einzusetzen hat. Notwendig zum Tussen ist ferner der berechnende Appell an die Hilfe von anderen, speziell Männern. Eine Tussi kennt ihr Ziel:

         Aufmerksamkeit - wonach sie giert

etwas Unangenehmes nicht zu tun - eine Tussi ist zu ete-pe-tete (wie der alte Ausdruck im tussigen Französisch lautet)

etwas zu bekommen - eine Tussi muss es haben, sofort und ohne Anstrengung

 

Tussen ist Theater und für jeden Auftritt bedarf es einer effektvollen Ausstattung. Es wäre falsch, Brust und Schenkel zu verstecken und andere Rundungen nicht hervorzuheben. Ohne Rundung tusst sich schwer. Die Hilfe anderer bekommt man, wenn man etwas anzubieten hat - ein erotisches Versprechen. Freilich behaupten böse Zungen - männliche zumeist -, dass eine Tussi nur verspricht, jedoch nichts einhält, ganz anders wie zum Beispiel ihre Freundin, die Blondine. Eine Tussi tusst auch im Bett. Früher glänzte sie in der Migräne-Rolle. Heute nervt sie mit sexual correctness, Moral und einem jungfräulichen Sich-Zieren.

Die Tussi treibt ihre Echtheit bis in die Falschheit, wo sie starr gleich einem bedrohten Tier verharrt. Sie kann sich zu wildesten Fantasien erkühnen und zugleich sicher sein, dass keiner sie je angreift. Es gibt ein ehernes Gesetz: Es ist unfein eine Tussi offen anzugreifen. Man zieht zwar über Tussis her, aber nur in deren Abwesenheit.

 

Warum Tussen?

Die Geliebte oder Frau eines stattlichen, einflussreichen Manns zu sein und sich stets nach der geilsten Mode zu richten, vermittelt ein gehobenes, süchtig machendes Selbstgefühl. Man zeigt, was Männer sehen wollen und bekommt dafür die nötige Anerkennung, den privaten Blick ...

Allerdings ist der Kampf der Tussis um männliche Beachtung keineswegs nur Honigschlecken, da man sich ständig gegen die Konkurrenz der anderen Tussis durchsetzen muss.

 

Ich frage mich: Ist nun die Tussi das Bild der Allerärmsten, die sich von den Männern zu deren Idealbild zwingen lässt - so wie ihre Schwestern Eva und Maria?

Wie ungerecht, dafür als Tussi beschimpft zu werden. Aber die Tussi ist auch die mächtige, klug gerissene Frau, welche Männer machen lässt, was sie will. Dafür muss man sich zwar anstrengen, aber es lohnt sich, regelmäßig im Solarium zu schwitzen und dann Weiß zu tragen, dass nahtlose Bräune die Männer anspringt. Tussis rechnen sich stets einen Gewinn aus und wohl dem Mann, der arm ist, er wird sicher nicht betusst.

„Hier werden Sie geholfen“

Die Tussi ist eine zeitgeistige Form des Frauseins, die sich wie alle Bilder der Weiblichkeit dem Unlogischen zuneigt. Galt bis vor kurzem Tussi als Schimpfwort, so hat sich das geändert. Die fünfzehnjährige Tochter meines Freundes trinkt stolz aus ihrer Tasse, auf der das Wort Tussi einem knallrot entgegenknallt. Sie klärt mich auf, Tussen ist mega-in. Früh übt sich, wer das profitable Spiel des Tussens genial beherrschen möchte. Früher las sie Hermann Hesse, jetzt übt sie sich in der weiblichen Form des Glasperlenspiels, dessen Flachsinn jeden Tiefsinn in den Schatten drängt.

Sie haben jetzt wahrscheinlich ein falsches Bild bekommen. Ich bin gern mit Tussis zusammen. Nicht nur, dass man weiß, woran man ist, sondern Tussis sind charmant, gepflegt und wenn man auffallen muss, der ideale Partner. Klar, sie reagieren auf alles zu stark, sind Meisterinnen im Schmollen, was sie auf erotischte Weise beherrschen, und manch einer folgert vorschnell, den hysterieformen Charakter vor sich zu haben. Tussen ist keineswegs pathologisch, es ist gesunde weibliche Taktik, im Handstreich die Macht zu übernehmen, das Gegenbild zum männlichen Blitzkrieg.

Nachtrag

Ein tussender Mann, ist schwul. Immer? Meine Freundin meinte, dass der Bohlen ein tussiger Mann ist, und dann setzte sie mit naiven Augenaufschlag, unschuldig lächelnd hinzu: „und Du auch.“

 

***

 

Lesenswertes & Lästerliches

Das orientalische Traumbuch (Patmos, Düsseldorf 2004)

Bei diesem coffee-house-table-book handelt es sich um einen Nachdruck eines Traumsymbollexikons, das um 1900 in Wien im Umlauf war. Solche Traumdeutungsbücher waren in ganz Europa eine beliebte Lektüre feiner Damen beim Kaffeekränzchen. Man las sich aus ihnen zur Erbauung vor und hoffte beim Likör einen Blick auf die Zukunft zu erhaschen. Freilich musste ein solches Traumdeutungsbuch orientalisch sein, denn von dort, so vermutete der Zeitgeist, kam die erleuchtende Weisheit. Dass solch ein Denken im Kaffeehaus zum Trivialen verkam, störte keinen. Es erhöhte damals wie heute die Popularität eines Buchs, wenn es nicht zu weit vom Vorurteil der Massen abwich. Insofern treffen wir bei den Symbolbedeutungen auf ein Schwarz-Weiß-Denken, das uns heute ironisch anmutet. Dass solche Traumbücher wie seit ewigen Zeiten normativ vorgehen, mag keinem verwundern. Und wissen wir es nicht alle: schöne Frauen bringen Glück, hässliche Unglück.

Das Buch will eine Freundin sein, die einem Rat gibt und nicht wie Freud, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort die Träume erforschte, um die komplexe Kommunikation der Psyche darzulegen. Freud war peinlich, wie er es wagte, direkt den Sex anzusprechen. Bei solch einem normativen Traumbüchlein schmunzelte man bestenfalls milde. Die Damen konnten sicher sein, dass ihnen nicht die Schamesröte die schon etwas hängenden Wangen erblühen ließ.

Solche Traumbücher waren die Vorläufer der heutigen Ratgeberliteratur. Aber man sollte nicht verachtend auf sie herabsehen, denn ein Wichtiges unterschied sie vom heutigen, am Illustriertenstil orientierten Ratgeber: Sie waren liebevoll gemacht und gaben sich individuell. Es waren schöne Bücher mit Abbildungen und einem künstlerischen Layout, das die Nähe zum Jugendstil betonte. Ich bin sofort dem orientalischen Traumbuch verfallen und begann zu blättern. Mir fielen die kurzen Erklärungen auf. Der anonyme Autor, auf den man so eifrig den orientalischen Weisen projizierte, lässt nie einen Zweifel. Er weiß die Bedeutung eines jeden Zeichens. Er ist der Obervater, der sagt, wie man etwas zu sehen hat. Seine Aussagen sind wenig vom positiven Denken angekränkelt. Es wird der Untergang des Träumers aus bestimmten Traumbildern abgelesen – speziell wenn moralische Verfehlungen geträumt wurden. Im Gegensatz zu Freud und seinen wenigen Anhängern damals gab sich diese Traumdeutung moralisch. Sie atmete den Geist des strengen Über-Ichs der Kaiserzeit, in der Autoritäten noch etwas galten.

Sie mögen einwenden: „Warum mag man solch ein Symbollexikon heute noch lesen?“ Ich würde nicht mit solch einem Buch meine Träume zu verstehen suchen. Dieses Buch ist vielmehr in Bezug auf seine Begrenzungen interessant. Es kann wie kein Symbollexikon die Vorurteile seiner Zeit verhehlen. Ob diese derart von den heutigen abweichen, lässt einen zweifeln. Durch die historische Distanz von etwas über hundert Jahren sehen wir klarer, was uns noch heute einfältig begrenzt. Es lohnt über die angeführten Deutungen nachzusinnen, die sich fast alle auf Beziehungs- oder geschäftliche Probleme beziehen.

Sehr dunkel blieb mir die Bedeutung der Zahlen. Einige Kostproben: Wer von einem Chinesen träumt, der soll sich vor der Zahl 7 als Stunde und Datum hüten, träumen Sie jedoch vom Kaffee ist Ihre Glückzahl 22. Solch kabbalistische Zaubereien treten bei einigen Symbolen auf und scheinen die Funktion zu haben, die Deutungen zu mystifizieren.

Diese Sammlung konventioneller Deutungen besitzt den Charme eines naiven Volksgeistes, der längst die Verbindung zu seinen magischen Wurzeln verloren hat. Wie angenehm wird es für uns heute, wenn nichts problematisiert, in Frage gestellt und relativiert wird. Wenige Jahre später sollte Einstein solch einem absoluten Denken die Grundlagen entziehen.

Am Schluss finden wir völlig im gleichen Stil einen astrologischen Anhang, der dadurch besticht, dass ihm jede psychologische Differenzierung fremd ist.

 

 

Freundesbrief 2

Mai 2004

 

 

Anmerkungen zum Traum als Schrift

 

We are a pattern-loving, exception hating species

 

Steven Pinker

 

Die Welt ist die Handschrift einer anderen, niemals völlig lesbaren Welt; allein die Existenz entziffert sie

 

Carl Jaspers

 

 

Hans Blumenberg erinnert uns in seinem Wissenschaftsklassiker „Die Lesbarkeit der Welt“ daran, dass der Traum seit der frühen Neuzeit unsere Wirklichkeitsauffassung problematisiert. Mit dem Sich-Wundern über den Traum löste der Traum das Wunder ab. Descartes und Leibniz versuchten brieflich zu klären, ob das Leben ein konsistenter und endloser Traum sei. Die Frage der Abgrenzung zwischen Traum und Wirklichkeit konnten sie trotz allen aufklärerischen Elans nicht lösen. Ihnen erging es wie Tschuang Tse (4. Jh. v.u.Z.), der sich in seinem berühmten Schmetterlingstraum fragt, wer denn wen träumt – der Schmetterling ihn oder er den Schmetterling.

Heute erkühnt sich niemand mehr, Traum und Wirklichkeit scharf von einander zu trennen – sie sind siamesischen Zwillingen gleich nicht auseinander zu reißen.

 

Das Rätsel „was ist die Wirklichkeit – was ist Traum?“ führt den Denkenden zu der Wahrnehmung. Sie lässt uns etwas als wirklich oder traumhaft erleben. Je mehr etwas von unserer erwarteten Wahrnehmung abweicht, desto eher sind wir gedrängt es als traumhaft zu bewerten. Aus diesem Grund wird uns im Traum am ehesten bewusst, dass wir träumen, wenn wir mit dem Unwahrscheinlichen, also einer großen Abweichung von unseren Erwartungen konfrontiert werden. Die Wahrnehmung entscheidet simpel: Wenn wir ohne Hilfsmittel fliegen können, muss es ein Traum sein, genauso verhält es sich, wenn Bäume reden oder mit ihren Zweigen nach einem greifen. Es kommt zu einer einfachen Gleichung: wirklich ist das Wahrscheinliche, das Unwahrscheinliche ist traumhaft. Was als wahrscheinlich oder unwahrscheinlich bewertet wird, ist eine Frage des Zeitgeistes.

 

Was sehen wir aber wirklich? Zunächst nur Bilder und Symbole, die mit anderen Bildern und Symbolen erklärt werden - was wir Deutung nennen. Der Traum zeigt sich (wie die Wirklichkeit) in einer Bilderschrift, weswegen Freud nach der Lektüre der Schriften des Begründers der modernen Linguistik Ferdinand de Saussure in seiner „Traumdeutung“ schreibt, der Traum sei einer Schrift vergleichbar. Er ist eine schriftliche Mitteilung an uns, die wir wie jeden anderen Text verstehen können, da wir diese Schrift kennen (wahrscheinlich eine angeborene Fähigkeit).

Schrift ist ein Supplement für das Gedächtnis wie schon die leidige Einkaufsliste zeigt. Die Bilderschrift des Traums erinnert uns an das Repertoire unserer Möglichkeiten und an Vergangenes, das heute noch wirkt. Schrift möchte stets etwas bewahren. Was bewahrt der Traum? Die Erinnerung an die Umstände, als sich grundlegende Muster in uns ausbildeten (die Freud dogmatisch in der frühen Kindheit ansiedelt). Erst wenn wir die Entstehung der Muster wieder erleben, können wir sie bewusst einsetzen, modifizieren oder auf sie verzichten – je nach der Situation. Alle Entzifferung der Traumschrift zielt somit auf Mustererkennung und gerade in der Unwahrscheinlichkeit des Traumbilds zeigen sich unsere Wahrnehmungsmuster deutlicher als im Gewohnten, das uns blind macht.

 

Wir lösen das Bilderrätsel, wenn wir den Diskurs der Nacht in jenen des Tags übertragen. Die Bedeutung eines Bilds oder einer Bildsequenz ist ein Link zur inneren Datenbank des Träumers/der Träumerin. Wird Wasser im Traum als verschlingend erlebt, ist dies ein gesetzter Link – oder besser gesagt: ein Link, der sich selbst gesetzt hat. Die Analyse solcher Verlinkungen zeigt Muster, die prägend für die Wahrnehmung und somit für die Konstituierung der Wirklichkeit für den Träumer/die Träumerin ist. Wer Wasser mit Verschlingen verlinkt, der hat sich eine Welt geschaffen, die von der Furcht vor Wasser geprägt ist. Menschen, die sich verstehen (einer Kultur angehören), teilen einen Großteil der Link-Muster, was sich in der Wirkung der Traumbildern von Werbung und PR deutlich zeigt. Aber Link-Muster erzeugen auch Streit: Der einzelne sieht seine Link-Muster als einzigartig und individuell. Ein Beobachter tendiert dazu, in diesem Link-Mustern Typisches zu sehen. Im Link-Muster zeigt sich beides zugleich:

das System der Sprache (das Überpersönliche, Regel), das die Grundlage des Verstehens ausmacht

die Wirkung der Erfahrung (das Persönliche, Regellosigkeit), die das persönliche Verständnis der Bildersprache ausmacht.

 

Die Quelle der Träume ist das Es. Es entzieht sich anarchisch jeder Einordnung. Wie in der Bilderschrift der Träume durchdringen sich Regelhaftigkeit und Regellosigkeit in ihm.

Damit eine Schrift und deren Verständnis funktioniert, bedarf es beider Strukturen: Code (die Sprache als System, Grammatik) und Nachricht (Sinn, Gehalt). Man ist zugleich mit zwei Seiten der Schrift konfrontiert, mit dem Sinn, der von der Bilderschrift bezeichnet wird, und mit dem Schriftzeichen an sich. Der Sinn ist die Deutung, die wir der Schrift der Bilder geben. Diese Bilderschrift des Traums ist also weder persönlich oder individuell, wie das Herz des Romantikers es sich vorstellt, noch ist sie allgemein. Sie ist stets beides, wobei ihr allgemeiner Anteil von der Ideologie der Umgebung des Träumers geprägt ist (was Freud als Über-Ich bezeichnete), ihr persönlicher Anteil dagegen von seiner Privatideologie (Ideologie könnte man als ein bestimmtes typisches Link-Muster fassen). Dass das eine vom anderen nicht zu trennen ist, macht das Wesen jeder Schrift und Sprache aus.

In jedem von uns gibt es ein allgemeines Set von Regeln, das zeigt, welche Bildkombinationen als sinnvoll zulässig sind. Alles, was außerhalb dieser Regeln liegt, erleben wir als chaotisch und unwahrscheinlich, wenn nicht gar als unmöglich – kurzum es ist unlesbar für uns. Diese Regeln sind produktiv, da sie kombinatorisch wirken, d.h. sie erzeugen eine unendliche Menge von neuen Bildern. Archetypen generieren weitere Bilder in einem verzweigten Baum, der mit dem unserer inneren Enzyklopädie persönlicher Erfahrungen verlinkt ist. Die furchtbare Mutter als Abkömmling des Archetyps der Anima wird zur realen Mutter im Traum und kann von jeder als böse empfundenen weiblichen Person dargestellt werden – je nach individueller Verlinkung. Nur der Naive wähnt, dass diese persönliche Verlinkung nach der Devise „everything goes“ Freiheit bedeutet.

 

Jeder, der sich mit der Bilderschrift im Traum beschäftigte, kommt nicht umhin deren Doppeldeutigkeit zu erkennen. Der Traum teilt sich in symbolischen Bildern mit, die von einem überpersönlichen Konzept generiert werden (was in Symbollexika betont wird) und welche die persönliche Erfahrung des Träumers/der Träumerin individuell überarbeiten. Es ist wie bei allem Geschriebenen: auf der einen Seite ähnelt es sich, auf der anderen ist es individuell. Da jeder Text einen Metatext (Watzlawik) erzeugt, den wir als Deutung erleben, sollten wir aus unseren Träumen eine neue Geschichte schreiben, die wir uns erzählen und die unser Ich befriedigt. Wir konstituieren ständig unsere Welt mit solchen Geschichten, die wir uns freilich unbewusst erzählen. Traumdeutung dagegen ist ein bewusstes Geschichtenerzählen.

 

 

Freundesbrief 1

Februar 2004

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr geehrte Damen und Herren,

zuerst einmal Entschuldigung! Lange mussten Sie auf diesen Freundesbrief warten. Das liegt nicht nur daran, dass es von der Traumtheorie (im letzten Freundesbrief) zur Praxis (wie versprochen in diesem Freundesbrief) ein weiterer Weg ist, als man meint, sondern an der berüchtigten Dreihebelbande, die bei einem Einbruch in Berlin mein geliebtes Notebook erbeutete. Diese Dreihebelbande in Polizeikreisen wohl bekannt, ist ein Zusammenschluss von Profis, die darauf spezialisiert sind, jede Tür und jedes Fenster in Windeseile mit drei Hebel zu öffnen. Was für jene ein Zugewinn war, entpuppte sich für mich als der Gau vor Weihnachten, der aber jetzt überwunden ist.

 

Im Zentrum dieses Freundesbriefs steht nun die Praxis der Traumdeutung, wie sie sich aus der im letzten Freundesbrief dargestellten Theorie ableitet. Der folgende Text stellt Konrads und meine Ideen und Erfahrungen zur praktischen Traumdeutung dar. Betrachten Sie ihn wie eine Werkzeugkiste, aus der Sie sich das herausnehmen können, was Ihnen liegt bzw. dem zu deutenden Traum angemessen ist.

 

Grundsätzliche Vorgehensweisen bei der Traumdeutung 

 

Betrachten wir einen Traum, ergeben sich grundsätzlich zwei unterschiedliche Fragestellungen. Es hängt vom Erkenntnisinteresse des Träumers bzw. der Träumerin ab, mit welcher Fragestellung wir uns deren Traum nähern. Man kann diese beiden Fragestellungen als zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Ebenen der Traumdeutung ansehen.

 

Wunsch nach Erkenntnis der Zusammenhänge und Muster der eigenen Persönlichkeitsentwicklung.
Das erkenntnisleitende Interesse (J. Habermas) ist ein tiefenpsycholgisches. Es geht um die Bewusstwerdung von Mustern, die sich im Leben des Träumers / der Träumerin wiederholen. Dies ist der Blick auf neurotische Tendenzen in Sinne Freuds, der davon ausging, dass die Neurose ein unbewusstes, sich wiederholendes Muster ist, das uns unglücklich macht oder uns in unserer Persönlichkeitsentfaltung hemmt. Letztlich steht hinter dieser Traumbetrachtung die Frage: „Wer bin ich?“

Wunsch nach Erkenntnis der Potenziale und Möglichkeiten der eigenen Person in der momentanen Lebensphase.
Bei dieser Fragestellung richtet sich das erkenntnisleitende Interesse auf die Möglichkeiten der Träumerin oder des Träumers. Es stellen sich folgende Fragen
Was ist mir möglich?
Welche meiner Möglichkeiten lebe ich und welche nicht?
Diese Fragen sind häufig erst dann sinnvoll, wenn sich die Träumerin oder der Träumer mit sich selbst auseinandergesetzt haben oder der Inhalt des Traumes eine mögliche Erkenntnis der (nicht gelebten) Potenziale nahe legt.

 

Je dringlicher sich die entsprechende Frage stellt (Leidensdruck, Erkenntnisdruck), desto eher kann die Antwort durch die Bearbeitung des Traums erwartet werden.

Es erscheint oft sinnvoll, beide Fragestellungen zu beachten, bzw. auf beiden Ebenen zu arbeiten. Es ist auch möglich, mehrere Fragen zu stellen. Dabei wird sich herausstellen, welchen Themenkreis der Traum vorrangig behandelt. Auf einer tieferen Ebene hängen die erste und die zweite Fragestellung zusammen, da Selbsterkenntnis kein „An-Sich“ (I. Kant) ist, sondern ein „Für-Sich“, d.h. Selbsterkenntnis ist kein Selbstzweck, sondern wird betrieben, um mehr Möglichkeiten in seinem Leben zu sehen und zu realisieren.

 

Anhand des Inhalts des Traumes (der sich semantisch und strukturell zeigen kann) und der momentanen Lebenssituation sollte zusammen mit dem Träumer / der Träumerin überlegt werden, mit welcher der beiden Fragestellungen man die Traumbetrachtung beginnt. Im Sinn der Klarheit des Vorgehens ist es wichtig, beide Fragestellungen klar auseinander zu halten.

Die Klienten besitzen ein unterschiedliches Erkenntnisinteresse, ein unterschiedliches Bewusstsein und stehen an unterschiedlichen Positionen in ihrem Leben. Diese Variablen erzeugen ihre vordringliche Fragestellung.

 

Diese beiden unterschiedlichen Herangehensweisen (Fragestellungen), beeinflussen alle Ebenen der Traumdeutung.

 

Die Ebenen der Traumdeutung

 

Ebene 1a der Traumdeutung: Begegnung mit dem Ich (Persönlichkeitsentwicklung)

 

Im Zentrum dieser Ebene steht die Betrachtung der Entwicklung der Persönlichkeit. Der Fokus liegt darauf, Parallelen zu erkennen und zwar

 

Parallelen, die sich z.Zt. in den verschiedenen Lebensbereichen des Träumers oder der Träumerin zeigen (z.B. Beruf, Beziehung, Hobbys, etc.)

Parallelen, die sich in der Lebensgeschichte dieses Träumers oder der Träumerin zeigten (Wiederholungsstrukturen im Lebenslauf)

 

Das Erkenntnisinteresse ist auf Mustererkennung ausgerichtet. Diese Muster geben die Wahrnehmungseinstellung (Montagepunkt) des Träumers und der Träumerin wieder.

Es stellen sich folgende Fragen:

Wie nehme ich mich wahr?

Wie nehme ich meine Umwelt wahr?

 

Mit welcher Frage bezüglich der Entwicklung meiner Persönlichkeit gehe ich an den Traum heran?

Diese Fragestellung wird auf den folgenden vier Ebenen betrachtet:

 

Auswahl der Symbole
Welche Symbole scheinen geeignet, dem Träumer / der Träumerin eine Antwort auf ihre Fragen zu geben?
Dazu wird betrachtet, aus welchen Bereichen die Symbole des vorliegenden Traums stammen. Das gibt einen ersten Hinweis darauf, von welcher Perspektive aus die Träumerin / der Träumer sich selbst und die Welt wahrnehmen (Erkenntnis des Montagepunkts)

Assoziationen zu den Symbolen
Welche Assoziationen sind hilfreich bezüglich der Antwort auf die Fragen der Träumerin / des Träumers und welche nicht?
Insbesondere werden Assoziationen analysiert, welche die Vergangenheit des Träumers / der Träumerin betreffen. Es werden die Assoziationen zu den Symbolen genauer betrachtet.
Bei den Assoziationen sollte insbesondere bei Symbolen, die bestimmte Assoziationen nahe legen, darauf geachtet werden, welche Automatismen geäußert werden. Man kann bei bekannten Symbolen versuchen, diese auf neue Art zu sehen. Der Widerstand gegen diese Verschiebung des Montagepunkts lässt Muster deutlich erfahren. Z.B. ist es hilfreich, eine Präferenz der subjektstufigen oder objektstufigen Deutung zu erkennen (introvertierte bzw. extravertierte Muster zeigen sich u.a. auf diese Weise).

3. Interpretation
Geben die Interpretationen eine befriedigende Antwort auf die grundlegenden Fragen an den Traum?
Erhalte ich durch die Interpretationen neue Erkenntnisse?
Führen diese zu möglichen Evidenzerlebnissen?
Träumer oder Träumerin schauen sich speziell die Symbole an, die sie bei der spontanen Traumbetrachtung nicht beachtet haben oder die sie ängstigen oder die anderweitig negativ besetzt sind. Sie suchen sich z.B. einige der unauffälligen oder unangenehmen Symbole aus und deutet diese auf die gewohnte Art. Sie fragen sich: Was sagt das über meine Wahrnehmungseinstellung / meinen Montagepunkt aus?
Es wird die Interpretationen analysiert. Die Betonung liegt besondere auf der Tendenz zu negativen oder positiven Interpretationen, aber auch auf Interpretationen, die nichts Weiterführendes beinhalten. All diese Deutungen zeigen althergebrachte Traumdeutungsmuster, die nichts Neues erzeugen.

Betrachtung des gesamten Traumes unter dem neuen Blickwinkel
Die Träumerin / der Träumer ändert bewusst die Perspektive und spielt mit möglichen Perspektiven
Führt die Betrachtung unter dem neuen Blickwinkel zu Evidenzerlebnissen?
Es geht um die Betrachtung des Traums unter einem neuen Blickwinkel. Dafür sucht man nach anderen, nicht automatisierten Assoziationen und Deutungen. Z.B. werden negative Interpretationen bewusst ins Positive verändert und den automatisierten Interpretationen gegenübergestellt. Der Träumer oder die Träumerin spüren nach, ob sie so neue Möglichkeiten erkennen. Falls dies nicht der Fall ist, sollte nach Interpretationen gesucht werden, die zwangsläufig zwischen den beiden Polen liegen, und die eine konstruktive Veränderung in der Wahrnehmung des Träumenden ermöglichen.

 

Ad 1: Alle Symbole werden in Bezug auf die grundsätzliche Fragestellung des Träumers / der Träumerin betrachtet. Sie suchen sich

diejenigen heraus, die ihnen eine Antwort auf die gestellte Frage zu geben scheinen (die anderen Symbole bleiben vorerst unbeachtet)

die auffälligsten – unauffälligsten Symbole

die angenehmsten - unangenehmsten Symbole

die Symbole, die ihnen am klarsten sind – die rätselhaftesten Symbole

und deuten diese auf die gewohnte Art und Weise.

 

Ad 2: Die Assoziationen zu den Symbolen werden genauer betrachtet:
Besonders bei bekannten Symbolen, die bestimmte Assoziationen nahe legen, sollten weitere Assoziationen gesucht werden. Das verhindert, dass der Träumer / die Träumerin stets nur ihren Erwartungshorizont bestätigen und somit keinen Erkenntnisfortschritt machen. Die Analyse der automatisierten Assoziationen zeigt, wie der Träumer / die Träumerin wahrnehmen.
Fest besetzte Symbole werden also versucht, auf neue Weise zu sehen. Die neuen Assoziationen werden mit den alten verglichen, um den Unterschied zwischen der althergebrachten Sicht- und Assoziationsweise und der neuen Assoziations- und Sichtweise zu verdeutlichen.

Auf Grund der neuen Assoziationen werden neue Deutungen zu dem Traumsymbol gesucht. Dadurch kommt es zu einer mittleren Abweichung von Erwartungshorizont des Träumers oder der Träumerin bzw. zu einer Verschiebung des Montagepunkts.

Symbole, die ausschließlich auf der Subjekt- bzw. der Objektebene betrachtet wurden, könnten auf der Ebene betrachtet werden, auf der das Symbol noch nicht interpretiert wurde.

Ad 3: Interpretationen:
Hier liegt die Betonung speziell auf der Betrachtung des Unterschieds zwischen auf alten und neuen Interpretationen. Die Unterschiede können Aufschluss darüber geben, in welchen Mustern der Träumer / die Träumerin sich bisher bewegten und wie sie aus diesen herausfinden.

Folgendes Vorgehen bietet sich an: Den alten automatisierten Interpretationen werden die neuen gegenübergestellt. Dabei wird das Bewusstsein des Träumers oder der Träumerin für die Qualität des Unterschieds und dessen Konsequenzen geschärft.

den negativen Interpretationen werden bewusst positive und den positiven Interpretationen bewusst negative gegenübergestellt. Hier stellen sich die Fragen:
Welche Ängste treten bei diesen negativen Interpretationen auf?
Was habe ich bisher verdrängt?

Betrachtung der Interpretationen, die nichts Weiterführendes beinhalten. All diese Deutungen beinhalten alt hergebrachte (automatisierte) Traumdeutungsmuster, die nicht weiterführen, sondern vielmehr alte Muster zementieren und so zur Erstarrung führen.

Danach werden die einzelnen Interpretationen betrachtet und der/die Träumer/in spürt nach, ob sie konkrete neue Sicht- und Verhaltensmöglichkeiten beinhaltet. Falls dies nicht der Fall ist, sollte nach Interpretationen gesucht werden, die zwischen den beiden Polen (automatisierte und neue Deutung) liegen und eine Veränderung im realen Leben des Träumenden ermöglichen. Das ist die mittlere Abweichung vom Erwartungshorizont der Träumerin oder des Träumers, die stets Entwicklungen in sich birgt.

 

Es ist der schwierigste Schritt für den Träumer / der Träumerin, zu Interpretationen zu gelangen, die über die bisherigen Muster hinausführen. Das Ziel der therapeutisch ausgerichteten Traumdeutung besteht jedoch darin, Änderungen in der

Sichtweise

Fühlweise

Denkweise

Handlungsweise

hervorzurufen. Das geschieht, indem Träumer und Träumerin sich bewusst machen, was die Qualität dieser neuen Deutung und deren Konsequenz für das Alltagsleben ist. Eine Deutung ist nämlich erst abgeschlossen, wenn konkrete Änderungen im Alltagsleben vorgenommen werden.

 

Ad 4: Betrachtung des Traumes unter dem neuen Blickwinkel (Verschiebung des Montagepunkts)

Nun wird der gesamte Traum nochmals unter dem neuen Blickwinkel betrachtet. Realistisch geschieht das mit dem Bewusstsein, dass die bekannten Traumdeutungsmuster weiterhin ein Teil des Träumers / der Träumerin bleiben, jetzt aber schneller identifiziert werden.

Möglich ist auch mit Hilfe aktiver Imagination den Traum nochmals nacherleben zu lassen. Dadurch kann ein grundlegend neues Verständnis des Traums gefördert werden.

Die Verschiebung des Montagepunkts entsteht dadurch, dass sich unsere bisherigen Muster (Traumdeutungs-, Einstellungs-, Verhaltensmuster etc.) auf eine neue Art und Weise miteinander verknüpfen und von uns dadurch neue und zu realisierende Möglichkeiten erkannt werden. Aus diesen Erkenntnissen / Erfahrungen können neue Muster entstehen, die wiederum nach einer gewissen Zeit de-automatisiert werden müssen. Lenz & Vollmar erwarten, dass die in dieser Methode geübten Träumerinnen und Träumer mit der Zeit zunehmend schneller Muster erkennen und diese ändern können.

 

Ebene 1b der Traumdeutung: Betrachtung der Möglichkeiten (Potenzialförderung in der Persönlichkeitsentwicklung)

 

Hier stehen die Fragen im Vordergrund:

 

Welche Erkenntnisse in bezug der Entwicklungsmöglichkeiten und der praktischen Umsetzung dieser Möglichkeiten bietet der Traum?

Welche Hinweise teilt der Traum mit, welche die momentane Lebenssituation des Träumers oder der Träumerin konstruktiv zu beeinflussen?

Mit welcher konkreten Frage bezüglich ihrer momentanen Lebenssituation betrachten Träumer / die Träumerin ihren Traum?

 

Das erkenntnisleitende Interesse liegt

 

Folgendes Vorgehen schlagen Lenz/Vollmar vor:

Zunächst wird der Status quo (die „Ist-Perspektive“) betrachtet, d.h. Schwierigkeiten, Lösungsmöglichkeiten, Potenziale im Träumer / der Träumerin selber werden bewusst gemacht. Dabei ist davon auszugehen, dass sich der Status quo entweder im Traum

widerspiegelt

abgewehrt wird (Verdrängung)

ambivalent zu Tage tritt

 

Der Status quo zeigt sich vorzüglich im Verhalten des Traum-Ich, welches die unbewusste Einstellung zur Ist-Perspektive widerspiegelt, und in den Symbolen selbst.

Entweder ist das Traum Ich

 

Haben Träumerin oder Träumer ihre jetzige Situation erkannt, sollten sie aufgefordert werden, konkrete Beispiele zu bringen, wann sie sich die letzten Male gemäß dieser Muster verhielten, wie sie sich dabei fühlten und wozu diese Handlungs- oder Sichtweise führte. Dadurch werden die Muster konkret.

Fallen den Träumern keine Beispiele ein, kann der Therapeut (oder sie selbst sich) fragen, wen der Träumer kennt, der sich so verhält? Es können Personen der Umgebung des Träumers sein oder Figuren aus der Literatur oder den Medien. Der Fokus liegt auf der Erkenntnis, wie diese Personen sich konkret verhalten (Mustererkenntnis) und zu welchem Ergebnis das führt. Diese Betrachtung sollte nicht nur einseitig intellektuell durchgeführt werden, sondern die Träumer sollten dabei ihre Emotionen spüren.

Wenn der Träumer / die Träumerin über andere Personen reden, wird stets gefragt, ob dies Aussagen über sie selbst und ihre eigenen Muster sind.

 

In Traum und Leben sind folgende drei Grundformen der Musterwiederholung zu erkennen:

 

Altes wird wiederholt, nichts Neues entsteht: Das zeigt sich in Traum und Leben durch zu wenig Aktivität.
Frage: Was wäre geschehen, wenn der Träumer in seinem Leben wirklich aktiv geworden wäre?
Diese Frage erzeugt beim Träumer Gefühle, die bewusst gemacht werden müssen.

Es wird zu viel gewollt (verbissene Zielgerichtetheit) oder es wird Unrealistisches gewollt. Damit werden Misserfolge wiederholt. Das zeigt sich, durch zu viel Aktivität oder einen starren Willen, der sich nicht unterschiedlichen Situationen anpassen kann.
Frage: Was wäre geschehen, wenn der Träumer sich passiv verhalten hätte?
Diese Frage erzeugt beim Träumer Gefühle, die bewusst gemacht werden müssen.

Träumer oder Träumerin verhalten sich ambivalent. Das vorherrschende Muster ist der Zweifel.
Frage: Was wäre geschehen, wenn der Träumer eindeutig geworden wäre (entweder wirklich aktiv oder wirklich passiv oder sich wirklich für ein Ziel entschieden hätte)?
Diese Frage erzeugt beim Träumer Gefühle, die bewusst gemacht werden müssen.

 

Die Symbole des Traums werden einzig unter dem Blickwinkel der Möglichkeiten des Träumers / der Träumerin betrachtet. Folgende Fragen bieten sich an:

 

Welche möglichen Hindernisse werden mit dem Symbol dem Träumer / der Träumerin aufgezeigt?

Inwiefern könnten sich im Symbol mögliche Lösungswege und Potenziale erkennen lassen?
Welche Potenziale entwickelte der Träumer / die Träumern bei ihrer bisherigen Entwicklung zu wenig? Was sollten sie in der momentanen Situation verstärkt beachten?

Liegt der Schwerpunkt der Bedeutung des Symbols mehr bei den Möglichkeiten oder verstärkt bei den Blockaden? Je nachdem sollte der Träumer / die Träumerin verstärkt nach den entgegengesetzten Interpretationen suchen.

 

 

Ebene 2a der Traumdeutung: Begegnung mit dem Du (Persönlichkeitsentwicklung)

 

Da jeder Traum auf unser Beziehungsleben und unsere Kommunikation mit anderen reagiert, lautet die grundsätzliche Frage: Welche Erkenntnisse in bezug auf meine Beziehungen kann ich durch den Traum erhalten?

Dabei dreht es sich sowohl um

 

die Kommunikation und Beziehung unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile in mir (intrapsychische Kommunikation bzw. Beziehung von Persönlichkeitsanteilen zueinander),

als auch um die Kommunikation und die Beziehung zu anderen Menschen (das Du im Sinne M. Bubers)


Es ist davon auszugehen, dass die intrapsychische Kommunikation und die Beziehungen unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile (Introjekte) zueinander sich in den realen Beziehungen und der Alltagskommunikation wiederspiegeln und umgekehrt. Der Fokus liegt auf dem Erkennen der Parallelen des Status quo mit der Vergangenheit des Träumers und den damit verbundenen Erfahrungen (Musterwiederholungen). So wird die Genese des jetzigen Montagepunkts deutlich, der als einer unter vielen möglichen erkannt werden kann.

 

Mit folgenden Fragen gehe ich an den Traum heran:

 

Intrapsychisch
Welche Persönlichkeitsanteile von mir widerspiegeln Personen meines früheren Umfelds?
Gehen diese unterschiedlichen Anteile ähnlich miteinander um, wie früher diese Personen miteinander umgegangen sind?

reale Beziehungen
Inwiefern wiederhole ich in meinen realen Beziehungen alte Beziehungen aus meiner Vergangenheit?

 

Unter dem Fokus dieser Fragen werden die folgenden Schritte durchgeführt.

Auswahl der Symbole
Welche Symbole scheinen geeignet, dem Träumer / der Träumerin eine Antwort auf ihre Fragen zu geben?

Assoziationen zu den Symbolen
Welche Assoziationen sind hilfreich bezüglich der Antwort auf die Frage der Träumerin / des Träumers und welche nicht?

Interpretation
Geben die Interpretationen eine Antwort auf die grundlegende Frage an den Traum? Wehren der Träumer oder die Träumerin durch ihre Interpretation eine konstruktive Antwort des Traums ab?
Erhalten die Interpretationen wirklich neue Erkenntnisse oder handelt sich um Schein-Erkenntnisse?

Betrachtung des gesamten Traumes unter dem neuen Blickwinkel
Führt die Betrachtung unter diesem neuen Blickwinkel zu Evidenzerlebnissen?

 

Ebene 2b: Begegnung mit dem Du (Potenzialförderung)

 

Die grundlegende Frage bei dieser Ausrichtung des Erkenntnisinteresses lautet: Welche Einsichten bezüglich des Umsetzens von Möglichkeiten in der Kommunikation mit dem anderen kann der Träumer / die Träumerin durch den Traum erhalten?

Der Fokus liegt erstens:

 

Wir betrachten zunächst die Beziehung der einzelnen Symbole oder Symbolgruppen zueinander. In diesen spiegeln sich einerseits die Hindernisse, andererseits die Lösungsmöglichkeiten wider.

Die einzelnen Symbole werden betrachtet unter der Polarität Potenzial – Hindernis. Beide Pole sind jeweils in den einzelnen Symbolen verstärkt oder weniger ausgeprägt vorhanden.

 

Bildung von Symbolgruppen: (Potenziale – Hindernisse [Blockaden])

Die Symbole werden unter dem Aspekt betrachtet, inwiefern die Symbolgruppen Potenziale oder Blockaden symbolisieren. Sie zeigen die Gegensätze (Ambivalenz) auf, die bezüglich der Fragestellung bestehen.

Frage: Kann ich ein Symbol finden, das die Gegensätze vereinigt?

 

 

Zu guter letzt noch der Lesetipp

Ich habe viele Bücher über das Schreiben gelesen, da ich selber seit einiger Zeit an einem Roman schreibe. Das beste Buch aus diesem Bereich schenkte mir lieberweise Martin Frischknecht, der Herausgeber der Schweizer Zeitschrift SPUREN: Gail Sher: Schreib Dich frei (edition Spuren, Winterthur 2003). Schreiben wird von der Autorin als Selbsterfahrung, ja geradezu als Therapie dargestellt. Ich kann Sie nur warnen: Dieses vom Zen geprägte Buch wird Sie zum Schreiben verführen – gemäß dem Spruch meines Großvaters „Wer schreibt, der bleibt.“